„Autonomie“, zu deutsch „Selbstgesetzgebung“ hat ihre Wurzel in einer historischen Besonderheit: In der Besonderheit der vorklassischen, antiken Griechen, wie sie nach dem Ende der Bronzezeit zusammenlebten. Sie können als die Erfinder der Möglichkeit gelten, sich selbst ganz bewusst Gesetze zu geben. Und diese Möglichkeit auch stets lebendig und in Aktion zu halten. Selbstgesetzgebung also nicht als einmaligen Akt zu betrachten, sondern als beständigen Vorgang.

Anders als in allen anderen Gesellschaften/Kulturen, von denen wir aus jener Zeit Berichte haben, bildeten die antiken Griechen keine Königreiche (mehr) aus, sondern voneinander unabhängige Stadtstaaten (Poleis), die dennoch gemeinsam einen Kulturraum bildeten, der als „Einheit“ erlebt wurde.

Diese Besonderheit ist aus der Sicht von Historikern durchaus erklärungsbedürftig. Ganz einfach, weil sie im Vergleich mit anderen Kulturräumen jener Zeit so auffällig ist. Und natürlich weil sie zu ganz besonderen politischen Formen geführt hat, die sich sonst nirgendwo auch nur annähernd ähnlich entwickelt haben („Demokratie“). Und zugleich hat diese griechische Besonderheit kulturelle Formen und Errungenschaften hervorgebracht, die uns auch heute noch prägen. Ohne diese Besonderheit der Griechen ist unsere heutige Moderne nur sehr schwer vorstellbar.

Der griechische Sonderweg

Wenn wir den Schilderungen von Altgeschichtlern glauben wollen, dann waren die antiken Griechen ein ausgesprochen widerspenstiges und eigensinniges Völkchen; ein Umstand, der die Herausbildung von „Königtum“ dauerhaft und stabil verhinderte. Und auch die „Tyranneien“, die in einzelnen Stadtstaaten immer wieder einmal an die Macht kamen, hatten nur eine äußerst kurze Lebensdauer. – Und irgendwann realisierte man auch systematisch, dass auf diesem Weg – einer herrscht über alle anderen und gibt die Gesetze – kein friedliches Zusammenleben ermöglicht werden konnte. In den Solonschen Reformen im antiken Athen findet man ein deutliches Anzeichen dieses Verstehens.

Statt wie in in jener Zeit sonst beinahe überall üblich „Großreiche“ auszubilden, blieben die Stadtstaaten der Griechen also voneinander unabhängig. Das gilt sogar noch für die Neugründungen aus einer Stadt heraus: Eine neu gegründete Polis blieb zwar ihren Ursprüngen oft verbunden und befreundet, wurde jedoch von Gründung an als unabhängige, autonome Einheiten betrachtet. – Um mit Blick auf heute zu ermessen, was das bedeutet: Es käme einem Konzern gleich, der zwar „Tochterfirmen“ gründet, sie aber vollkommen aus der eigenen Gesellschaftsstruktur ausgliedert und ihnen völlig freie Hand lässt.

Statt Königtum erfanden die antiken Griechen also das Bürgertum. Und wer möchte, kann heute leicht nachlesen, was sich damit alles verband.

Denn nach einer Phase, in der Adlige den Ton angeben, und der fast schon „anomisch“ genannt werden muss: D.h. es gab kein wirkliches Gesetz, das bewusst geformt und verändert werden konnte, wurde „Autonomie“ zum Prinzip dieser Stadtstaaten. Die Bürgerschaft gab sich ihre Gesetze selber.

Damit kam es zu jenem einmaligen, ganz besonderen Verständnis von „Freiheit“, derzufolge Freiheit vor allem anderen „politische Freiheit“ sei, mithin die Fähigkeit, sich die Gesetze selber zu geben. Vom Freiheitsverständnis der klassischen Griechen aus gesehen, sind wir heute lebende Menschen z.B. allesamt „Unfreie“, weil wir nicht in der Lage sind, uns selbst unsere Gesetze zu geben. Stattdessen – so hätte sich ihnen das dargestellt – wählen wir „Tyrannen auf Zeit“, die das für uns tun sollen.

In der Moderne haben wir uns daran gewöhnt, dass es ein hierarchisch organisiertes Gebilde mit Namen „Staat“ gibt, dass zwar im Namen der Bürger agiert, jedoch faktisch diese Bürger zugleich von allem gesetzgeberischen Tun fernhält. Das bedeutet für uns nüchtern betrachtet „Heteronomie“, also das Gegenteil von „Autonomie“: Andere machen die Gesetze für uns. Und eben das war für die widerspenstigen Griechen das zentrale Kriterium von Unfreiheit.

Ob auch der moderne Staat eine Art „Polis“ sein oder werden kann, in der sich die Bürger die Gesetze selber geben, anstatt sich Gesetze machen zu lassen, mag heute strittig sein.

Der unbändige Autonomiedrang der antiken Griechen erklärt aber gut, wie es überhaupt kommen konnte, dass „bürgerschaftliche Aktivität“ als „Freiheit“ erlebt wurde.

Der Autonomie-Begriff der Moderne

Wenn wir uns ähnliches für uns heute vorstellen: Wir werden per Los dazu berufen, unserem Staat in ganz bestimmen Funktionen zu dienen, dann ist unsere erste Reaktion darauf mit hoher Wahrscheinlichkeit eine völlig andere: Wir würden DAS als „Fremdbestimmung“ erleben, als Eingriff in unsere „private Freiheit“, als Heteronomie. Als ob es eben nicht wir selber wären, die zu uns sagen: „Bring Dich ein in Deinen eigenen Staat“, sondern als wären es andere, fremde Mächte, die uns solchermaßen „politisch engagierten“ und auffordern, in und für unseren Staat tätig zu sein.

Unser eigener Staat ist uns in der Moderne also derart „fremd“, das er stets von außen auf uns zuzukommen scheint. Wir finden uns in ihm nicht wieder. Wir begreifen ihn nicht als „wir selbst, aber auf einer höheren Ebene“.

Wir assoziieren „Autonomie“ heute vor allem mit unserem Privatleben. „Politische Autonomie“ ist etwas Fremdes und Fernes für uns.

In diesem Punkt ist wiederum die Rückschau auf die antiken Griechen spannend: Denn einerseits wäre ihnen der Begriff „Politische Autonomie“ als eine Tautologie erschienen. Nach der Devise: „Gibt es überhaupt eine andere Autonomie als die politische? Was bitteschön soll das überhaupt sein: ‚private Gesetzgebung‘?

Andererseits waren es aber gerade die antiken Griechen selber, die „Freiheit“ zunächst rein privatistisch interpretiert hatten. Die also gar nichts kannten, was den Namen „Politik“ überhaupt verdient gehabt hätte. Selbst die antiken griechischen Adligen engagierten sich nicht vor allem politisch, sie engagierten sich vor allem privat. Es gab strenggenommen gar keinen „politischen Raum“. – Eben das war ja das Besondere an der „griechischen Konstellation“ bis ins 6. Jahrhundert vor Christus hinein.

Im antiken Athen haben wir also eine Gesellschaft vor uns, die binnen kürzester Zeit einen 180°-Wandel in ihrem Autonomieverständnis vollzog: Von einer Gesellschaft, die so etwas wie „politisches Engagement“ gar nicht kannte, für niemanden, und die daher ein absolut privates Autonomieverständnis pflegte, hin zu einer Gesellschaft, der es absurd vorkam, wenn man sich NICHT politisch einbracht; hin zu einer Gesellschaft, die die Freiheit VOR ALLEM im Politischen suchte; hin zu einer Gesellchaft, die uns von diesem Verständnis von Autonomie her das Wort „Idiot“ vermacht hat, als Bezeichnung für einen Bürger, der politische Enthaltsamkeit pflegt.

Uns heute lebende Menschen mag das alles wenig kümmern: Jene wundersame Besonderheit der athenischen Geschichte. Jener erstaunliche Wandel von einer Gesellschaft von lauter politisch völlig desinteressierten Individuen zu einer Gesellschaft, in der politisches Engagement die Regel und völlig gewöhnlich war. Jenes Verständnis von „Autonomie“, das gar nicht mehr nachvollziehen konnte, wie man spürbare Freiheit überhaupt im Privaten suchen könne.

Aber auch wenn wir das Beispiel des klassischen Athens ignorieren, leiden wir heute doch dennoch an recht ähnlichen Problemen: Wir sind hin- und hergerissen zwischen dem Imperativ größerer politischer Beteiligung und unserem Zurückschrecken davor – aus den verschiedensten Gründen.

Uns fehlt der Grund, uns frei zu machen

Da ich selber dazu neige, das Politische vor allem von seiner psychologischen Seite her zu denken, also in meiner ganz eigenen Selbstüberhebung versuche, empathisch mit uns allen zu sein und unser aller Wollen gedanklich für mich in den Himmel zu heben, erscheint mir als der stärkste Grund für unsere allgemeine politische Abstinenz:

Fehlendes ERLEBEN von politischer Autonomie. Fehlender psychologischer Grund dafür, an der eigenen Politik, an der eigenen Polis teilzunehmen.

Wir nehmen an der Polis nicht teil, weil/obwohl diese diese Polis überhaupt erst durch unsere Teilnahme entstehen würde. Vor unserer Teilnahme „ist“ sie gar nicht. Ohne unser aller Teilnahme an der Politik haben wir keine „Polis“, wir haben nur einen „Staat“. Und der Staat ist – um es mit Nietzsche* zu sagen – „das kälteste aller kalten Ungeheuer“. Dass wir diesem Ungeheuer gegenüber überaus skeptisch sind, ist nicht wundersam, es ist erwartbar. Wir sind alle nicht verrückt, sondern überaus rational in diesem Punkt. Was wir darüber aber zugleich vergessen: Der Staat selbst verwandelt sich durch unsere allgemeine Teilnahme an ihm. Erst durch unsere aktive, regelmäßige Teilnahme wird er zur Polis.

Die antiken Athener haben es uns vorgemacht, dass wir keineswegs einen „völkischen“ Begriff vom Bürger brauchen, um einen distanzierten, fernen Staat als ein menschenunfreundliches Ungetüm zu betrachten. Denn in einem Staat, der eine Polis ist, der also einen aktiven, praktischen Begriff von Bürgerschaft hat, schimpfen die Bürger nicht „auf den Staat“, sondern eignen ihn sich freundlich und beständig an. Immer wieder neu.

Und selbstverständlich sind wir frei, darin noch weit über die griechische Antike hinaus zu gehen.


* Mit Nietzsche gegen Nietzsche und vor allem mit Blick auf das demokratische Athen können wir sagen: Es gibt durchaus einen Weg, „den Staat warm zu machen“, sich mit dem Staat vertraut zu machen, sich den eigenen Staat anzueignen, das menschliche Leben mitten ins Zentrum der Gesellschaft zu tragen, „menschliche Politik“ zu betreiben. Politik, die deswegen „menschlich“ ist, weil sie nicht nur für die Menschen gemacht wird, sondern weil sie von ihnen selbst gemacht wird und in ihnen besteht. „Den Übermenschen“ können wir uns dafür komplett ersparen. Menschlichkeit, wenn sie denn politisch zur Anerkennung kommt, reicht für einen freundlichen Staat, für eine Polis völlig aus. Aristokratische „Übermenschlichkeit“ ist geradezu schädlich für das Politische.

Entgegen seinem Selbstverständnis können wir Nietzsche daher als den „privatesten“ und „anti-politischsten“ Philosophen verstehen, den man sich überhaupt vorstellen kann. In der gleichen Liga, was die Politikfeindlichkeit seines Denkens angeht, spielt höchtens noch Platon.