Spätestens seit Hegel können wir wissen, wenn wir das wollen, dass die Subjektivität das Prinzip der Moderne ist: Das Individuum hat in der Moderne sein Eigenrecht, es bezieht seine Substanz nicht „aus irgendeinem Allgemeinen“ („etwas das, größer ist als wir selbst“), sondern vielmehr bezieht umgekehrt alles Allgemeine seine Substanz daraus, dass es „durch Individualität vermittelt ist“ bzw. dass es „Individualität zu einem größeren Ganzen zusammenführt“.

An der Individualität führt, seit ca. 200 Jahren, kein Weg mehr vorbei. Daher scheitern regelmäßig auch alle Größen („Religion“, „Nation“, etc.), die sich an der Individualität vorbeizuwanzen versuchen. Daher scheitert alles, das an unserer Individualität vorbei Realität zu gewinnen versucht.

Unsere Unternehmen bekommen das zunehmend zu spüren. Und genauso unsere heutigen Staaten. Alles, was die Würde und das Eigenrecht des Individuums mit Füßen tritt, bekommt heute erkennbar Probleme. – „Zu Recht“, wie wir mit Hegel sagen können.

Manchmal, so habe ich den Eindruck, sind wir da aber noch nicht so wirklich „auf der Höhe von uns selbst“. Für mich selber kann ich das jedenfalls unterschreiben. Denn ich neige, wie so viele von uns, zum „Objektivieren“ meiner subjektiven Wahrnehmungen, Empfindungen, Geschichten, die ich mir und anderen erzähle.

Ich sehe aber zugleich in meiner beruflichen Praxis, dass dieses Objektivieren von Bedeutungen nur sehr wenig Sinn macht, wenn wir einander begegnen: Die exakt gleichen „Dinge“ (z.B. die Trennung von einem alten Job, möglicherweise sogar nach der exakt gleichen Zahl von Jahren und äußerlich exakt gleichem Trennungsverlauf) bedeuten für unterschiedliche Menschen höchst Unterschiedliches.

Dieses Prinzip lässt sich leicht verallgemeinern: Ein Fest, ein Cafébesuch, ein Film, ein bestimmtes Essen, eine bestimmte Begegnung, ein bestimmtes Verhalten, ein bestimmter Mensch – all das bedeutet für unterschiedliche Menschen höchst Unterschiedliches. Und natürlich hat das etwas „mit ihrer Geschichte“ zu tun. Genauer: Mit den vielen Geschichten, die sie jeweils erlebt haben, die sie sich über das erzählen, was sie erlebt haben, die sie zu erleben vorhaben…

Man könnte geradezu von einer generellen „Pfadabhängigkeit“ allen menschlichen Lebens und Erlebens sprechen.

Und da wir alle sehr unterschiedliche „Wege gegangen sind“, haben auch die vermeintlich gleichen Dinge völlig unterschiedliche Bedeutungen für uns. Sie machen „anders Sinn“, anderen Sinn, weil sie sich ganz anders in meine Geschichte einfügen als in Deine.

Das kann für viel Unverständnis zwischen uns sorgen. Es kann unser Leben und vor allem unsere Zusammenleben auch unheimlich spannend und interessant machen. Denn wir können dann beieinander so gut wie nichts als „selbstverständlich“ voraussetzen. Stattdessen gibt es beieinander, miteinander viel zu entdecken. Und das immer wieder neu.

Dass es zwischen uns keine Objektivität gibt, auf die irgendeiner von uns Anspruch erheben kann, sondern nur „subjektive Erfahrungen, die zusammen kommen und sich begegnen“, können wir uns immer wieder neu vor Augen halten.

Wenn wir das tun, dann haben wir andere Gespräche. Wir haben dann ein anderes Verhältnis zueinander.

Wir haben dann keinen „Grund“ mehr, die Erfahrungen des anderen anzuzweifeln, klein zu reden, zu moralisieren, oder sonstwie vom Tisch zu fegen. Und gleichzeitig haben wir genausowenig Grund, uns selbst irgendeiner uns fremden Perspektive „zu beugen“. Stattdessen begegnen wir uns endlich wirklich, weil sowohl meine Perspektive als auch Deine Perspektive im Raum steht, und keine Perspektive die andere „vernichtet“. Wir halten einander aus. Wir erhalten einander. Wir halten unsere Verschiedenheit aus. Wir schätzen sie wert.

Im Grunde wird dann der Streit darum obsolet, „was die Dinge wirklich bedeuten“. An die Stelle solcher ermüdenden und langweiligen Streitereien können dann Neugier und Interesse aneinander treten: Es gibt dann unendlich viele Welten für uns zu entdecken, die möglicherweise mit gar nicht mal so unterschiedlichen „Dingen“ gefüllt sind, in der aber diese „gleichen“ Dinge höchst unterschiedliche Bedeutung angenommen haben und weiter annehmen.

 

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