Vielleicht bin ich da naiv, aber ich gehe davon aus, dass die Summe unserer persönlichen Selbstvertändlichkeiten immer gleich groß ist. Und genauso, dass die Summe unserer persönlichen Unselbstverständlichkeiten immer gleich groß ist.

Die Dinge, die wir „auf stabil stellen“ und die Dinge, die wir gleichzeitig „infrage stellen“, das sind nicht mal mehr mal weniger. Sie sind immer gleich viele.

Cartesischer Unfug

Wenn das so ist, kann es für uns nie die Frage sein, wieviel wir oder ob wir feststellen / infrage stellen, sondern stets nur:

Was genau wir gerade als „gesetzt“ oder „gegeben“ betrachten – und was wir bezweifeln wollen.

Anders gesagt: Zu jedem Zeitpunkt sitzen wir auf ein paar Ästen und zu jedem Zeitpunkt sägen wir an ein paar Ästen. Und wir können uns nur aussuchen, worauf wir uns grad setzen und woran wir grade sägen. Was wir uns nicht aussuchen können, ist, dass wir grad auf irgendwas sitzen und dass wir grade an irgendetwas sägen.

Ich halte also – vielleicht naiverweise – „das totale Sitzen“ oder „das totale Sägen“ für eine Illusion. Wenn wir glauben, das zu tun, oder wenn wir uns vornehmen, das zu tun, machen wir uns (und anderen) etwas vor. Die Stillegung allen Zweifels ist ganz genauso wie die cartesische Forcierung des Zweifels uns Menschen nicht gegeben.

Das hieße auch: Entgegen dem äußeren Anschein unterscheiden wir Menschen uns nicht in „Zweifler“ und „Dogmatiker“. Ganz einfach deswegen, weil wir alle in genau gleichem Maße Zweifler und Dogmatiker sind.

Worin wir uns unterscheiden (auch von uns selbst, mit der Zeit) ist nur: Woran wir gerade zweifeln und woran wir uns gerade klammern.

Was sich ändert, ist stets nur, was wir gerade erschüttern wollen, und was wir gerade mit Zähnen und Klauen festzuhalten versuchen.

Selbstverständliches Unverständnis

In unserem Miteinander, in unseren Begegnungen, in unseren Gesprächen, in unseren Beziehungen führt das zu spannenden Effekten:

Was der eine gerade für sich verflüssigen und in die Schwebe bringen will, ist gerade das, worauf der andere für sich ein Haus bauen möchte. Oder eine hübsche Kathedrale mit allerlei Anbauten, sehr beeindruckend anzusehen.

– Und umgekehrt: Was der andere zerbombt, abträgt, zerschneidet und zerschlägt, ist gerade das, worin es sich der eine häuslich einzurichten versucht.

So stellen wir ständig wechselseitig in Frage, was uns jeweils gerade heilig ist.

Ob wir es wollen oder nicht: Wir sind füreinander lebende Zumutungen. Wir sind für einander lästig in unseren jeweiligen Unselbstverständlichkeiten und in unseren jeweiligen Selbstverständlichkeiten.

Produktiv wir das immer dann, wenn wir freundliche Zumutungen füreinander sind. Zumutungen, die überdeutlich signalisieren: „Du selbst bist fraglos mein Freund und ich bin fraglos Dein Freund, auch wenn ich Dir gerade Deinen Boden unter den Füßen wegziehe. Auch wenn Du mir gerade meinen Boden unter den Füßen wegziehst.“

Es ist die aktive Pflege einer guten unmittelbaren Beziehung, die uns als die Zumutungen, die wir füreinander sind, erträglich, spannend und wertvoll macht.