Menschen zu labeln, zu kategorisieren, in gedankliche Schubladen zu stecken, ein Klischee aus ihnen zu machen:

All das tötet ja angeblich die Beziehung. All das tötet ja angeblich einen Teil von jenem Menschen selbst.

Nun ist aber unser Gehirn ein recht „ökonomisches“ Organ. Das heißt, wir können auch sagen: „Es arbeitet nun mal so, dass es sich Schubladen zimmert und dann die Dinge, die ihm begegnen hinein zu stecken versucht. Und dass es auch recht lang an seinen selbstgezimmerten Schubladen festhält, selbst dann, wenn die ‚Dinge‘ recht deutliche Anzeichen an sich haben, dass ein Schubladenumbau angezeigt ist.“

Und das sei bei „Menschen“ eben auch nicht anders. Die Ausbildung von Bildern, von Klischees vom anderen sei also völlig normal. Der Imperativ „Du sollst Dir kein Bildnis vom anderen machen!“ sei für uns Menschen gar nicht einhaltbar.

Vielleicht geht es daher bei lebendigen Beziehungen, in denen die menschliche Vielgesichtigkeit-Ambivalenz-Komplexität Raum hat, anstatt all zu sehr reduziert zu werden, auch eher darum, dass man nicht auf den anderen einprügelt, wenn er mal vorsichtig oder mit forschem Schritt oder unbewusst aus seinem eigenen Klischee heraustritt und „ganz anders ist“?

Auch das wäre eine recht anspruchsvolle ethische Anforderung an uns. Denn natürlich fordert es uns ziemlich, gerade bei Menschen, mit denen wir uns in engen, täglichen, regelmäßigen Beziehungen sind, wenn sie mal out of their box sind. Immerhin haben wir uns darauf eingestellt, dass „sie sind wie sie eben sind“. Es ist also mindestens ein mentaler Aufwand für uns, wenn nahe Menschen „sich verändern“ oder auch nur situativ sich mal völlig anders geben als wir sie sonst immer erleben. – Oft auch ein handlungstechnischer. Und dass das so gut wie immer auch starke Gefühle in uns auslöst und uns ziemlich durcheinanderwirbelt, darüber reden wir natürlich überhaupt erst gar nicht…

So sehr wir Veränderung lieben und Abwechslung und das Neue: Wir lieben in der Regel das selbstgewählte Neue, und eben gerade nicht die Veränderung, die von Außen auf uns zukommt. Die erleben wir – zunächst – eher als Zumutung, als unverschämt, als „so haben wir aber nicht gewettet!“ Wir sind enttäuscht, dass der Andere nicht immer so ist, wie wir ihn kennen gelernt haben. Dass er auch völlig anders sein kann. Dass er ein Mensch ist. Und das verzeihen wir ihm nur schwer!

Interessant ist das auch in unserem Selbstverhältnis: Wenn wir so sprechen, dass wir auch mit uns selber eine Beziehung führen, dann ist es v.a. unser Umgang mit unserem Selbst-Labeling, der bestimmt, „ob wir wirklich mit uns selbst befreundet sind“:

Glauben wir uns wirklich die Geschichten, die wir uns (und anderen) über uns selbst erzählen? Bleiben diese Geschichten in der Schwebe? Oder müssen wir uns immer so verhalten, wie unsere Geschichten über uns behaupten, dass wir „sind“?

Möglicherweise sind es unsere Umgänge mit unserer Ausnahme von unserer Regel, die darüber bestimmt, in welchem Ausmaße wir mit uns selbst befreundet sind.

Oft sind die Schubladen, die wir uns für uns selber zimmern, Erwartungen anderer Menschen an uns eingeflossen. Die Erwartungen anderer sind sozusagen „wesentliche Bauteile“ der eigenen Schubladen. Unser Selbst-Labeling ist dann der Versuch einer „Erwartungserfüllung“, ein hochsozialer, hochkooperativer Akt.

Leider (oder glücklicherweise?) wird er zugleich auch zu einem ziemlich unproduktiven und unkonstruktiven Akt, wenn wir eigentlich unter unserem eigenen Klischee leiden. Wenn wir unser Klischee gerade einmal nicht lustvoll ausfüllen, sondern es als ein Gefängnis für unser „Selbst“ empfinden. Ein Eingesperrt-Sein, ein Seins-Verbot, für das wir zugleich oder später andere Menschen „bezahlen“ lassen. Dann ist „Pay-back-time“ und der andere weiß dann in der Regel gar nicht, wie ihm da gerade geschieht und woher das gerade überhaupt kommt. Rechnungen, die über Wochen, Monate oder Jahre aufgelaufen sind, sind eben nicht ganz so leicht nachzuvollziehen…

Gefängnisausbrüche, Brüche des eigenen Klischees, Ausflüge vom eigenen Ich können daher ebenfalls ein hochsozialer, hochkooperativer Akt sein, weil wir mit ihnen dafür sorgen, dass die Menschen, die wir lieben und schätzten, nicht später bezahlen, wenn sie nicht wissen, woher die „Rechnung“ überhaupt kommt. Dass sie hier und jetzt einen Mehraufwand haben, während die Dinge auf dem Tisch liegen und sie unmittelbar auf sie reagieren können.

Lebendige Beziehungen erfordern wohl eben doch so etwas wie „Beziehungsmut“:

Den Mut, den Anderen mit sich zu konfrontieren, mit immer noch mehr Seiten von sich, und die Reaktionen darauf auszuhalten. Die Beziehung selbst zu riskieren.

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