Über die Jahre kommt es mir so vor, als sei ein Philosophiestudium doch nützlicher, als ich es zunächst empfunden habe.

Zum Beispiel wurde in der philosophischen „Ausbildung“ großen Wert auf den Zusammenhang gelegt, dass das wichtigste in der Beziehung zwischen Problem und Lösung der Anfang, der Einstieg in die Sache ist: mit der „Problembeschreibung“ (oder „Problemanalyse“) steht und fällt alles.

Je nachdem wie ein Problem beschrieben wird, werden bestimmte Lösungen möglich oder unmöglich. Denn es gibt in der gleichen Situation beinahe unzählige Möglichkeiten, „das Problem zu verstehen und zuzuschreiben“.

Das heißt auch: Die Problembeschreibung selbst ist der Hauptteil „unlösbarer Probleme“. Sobald man eine andere Art findet, das „gleiche“ Problem zu beschreiben, werden ganz andere Handlungen und Lösungen möglich.

In der Philosophie kann man also lernen, wenn man das möchte:

Vorsicht vor Problembeschreibungen! Nicht erst Lösungen sind problematisch („funktionieren nicht“). Schon die Probleme selbst sind problematisch („funktionieren nicht“). Es gibt funktionalere und weniger funktionalere Problembeschreibungen. Denn die einen Problembeschreibungen legen uns ganz andere Lösungen nahe als die anderen. Und jede einzelne Problembeschreibung verschließt auch ganz bestimmte Lösungen, die möglich würden, würden wir schon das Problem anders beschreiben. Welche Problembeschreibung wir wählen, können wir von dem her entscheiden, ob uns die Lösungen wirklich befriedigen, die aus ihnen hervorgehen. Denn wenn wir mit den Ergebnissen unserer Lösungen nicht zufrieden sind: Dann können wir nicht nur an neuen Lösungen arbeiten, sondern vor allem auch an neuen Beschreibungen des „gleichen“ Problems.

Das spiegelt sich bei einigen modernen Therapie- und Coachingformen darin, dass sie sich Problembeschreibungen mehr oder weniger strikt verweigern und den Zusammenhang zwischen Problem und Lösung ganz generell auflösen („die Lösung hat mit dem Problem nichts zu tun“). Statt langwierigen, weitscheifenden und umfassenden Problemanalysen wird ganz direkt fokussiert, was funktioniert. Das Problem wird durch eine vorsätzliche Ignoranz für das Problem gelöst, durch ein vorsätzliches Interessen an dem, was als lösend empfunden wird. An die Stelle des Problemverstehens tritt verändertes Handeln. An die Stelle der Problemanalyse tritt die sich steigernde Befriedigung.

So „fortschrittlich“ kann die Philosophie nicht sein, ohne aufzuhören, Philosophie zu sein (was Philosophie an sich in Frage stellen kann). Aber immerhin gibt es auch innerhalb der Philosophie Unterschiede. Genauer: Im Gebrauch von Philosophien gibt es Unterschiede.

Nützlicher und unnützer Gebrauch von Philosophie / Lustvolles und lustloses Philosophieren

Der größte Unterschied, den ich z.B. zwischen „Philosophieprofis“ und „Philosophielaien“ entdecken konnte (außer dem, das letztere deutlich mehr Spaß am Lesen von philosophischen Texten haben, weil sie sie kursorisch und nicht systematisch lesen), besteht darin, dass Philosophielaien sich nur höchst selten fragen, welche verdammten Probleme der jeweilige Philosoph mit seiner verdammten Philosophie überhaupt lösen wollte. Was also „das Problem hinter den Problemen“ ist, die in seiner Philosophie aufgeworfen wird. „Die Situation des Philosophen“ bleibt für Laien sozusagen unsichtbar oder unhinterfragt.

Laien nähern sich einer Philosophie von innen und gehen ganz in ihr auf. Profis nähern sich einer Philosophie von außen, als einer von unzähligen Möglichkeiten. – So kommt es, dass eine Philosophie für Laien leicht zur einer Art Ersatzreligion oder dogmatischen Weltanschauung wird, während sie für Profis immer ein fragwürdiger Lösungsversuch bleibt. Fragwürdig deswegen, weil auch völlig andere Problembeschreibungen des „gleichen“ Problems als möglich vorausgesetzt werden bzw. bekannt sind.

In der Regel ist es die Absicht des Laien, „die Wahrheit“ zu finden. (Und oft auch mehr: Seine bereits vorhandene Wahrheit bestätigt zu finden).

In der Regel ist es die Absicht des Profis, neue Problembeschreibungen hervorzubringen. Und damit ganz andere Lösungsmöglichkeiten. Probleme, die im Idealfall besser funktionieren als die Probleme, die wir bisher hatten.

Es gibt also „Theorien“ die vorhandene, bereits gegebene „Praktiken“ bestätigen. Und es gibt „Theorien“, die vorhandene, bereits gegebene „Praktiken“ massiv erschweren und so einen Suchlauf nach neuen, anderen Praktiken freisetzen.

Wertvoll sind aus „Profi-Sicht“ nur Theorien, die zu neuen Praktiken führen. Theorien, die bereits gegebene Praktiken bestätigen und verlängern, sind für moderne Theoretiker Zeitverschwendung.

Hammer und Nägel: Mit der Lösung zu den Problemen

Oft ist der Weg aber der genau umgekehrte: Es wird eine „neue“ Lösung entdeckt, um die herum sich dann eine neue Problembeschreibung aufbaut.

So ist es mir z.B. auch mit der für mich neuen Entdeckung der aleatorischen Demokratie ergangen: In einer ganz bestimmten Situation bin ich auf diese „Lösung“ gestoßen. Und aus dem Wissen über diese Lösung haben sich unserer Situation ergeben, die (zumindest für mich) völlig neue waren. Neuartige Beschreibungen vieler unserer Probleme, die völlig unverständlich bleiben, wenn man die Lösung nicht kennt oder ihr nichts zutraut.

Erst wenn man Lösungen als hoffnungsvolle, „funktionierende“ Lösungen erfahren hat, wirken viele andere Problembeschreibungen so, als ob sie das Problem gar nicht lösen, sondern vielmehr fortschreiben wollten. Als ob es Problembeschreibungen wären, die „verliebt ins Problem“ sind. So-als-ob-Lösungen, die sich mehr mit dem Problem abfinden als es auflösen wollen. Das „Herumschlagen mit dem Problem“ wird so zu einem „Weiterbetreiben des Problems“. Denn auch Probleme wollen betrieben und erarbeitet sein.

Und auch das kennen wir aus dem Coaching:

Nicht ganz wenige Coaching-Kunden betreten den Coaching-Raum mit Problembeschreibungen, die für einen Außenstehenden überdeutlich klar machen: Solange diese Problembeschreibungen unerschüttert bleiben, werden die immer gleichen (nicht-funktionierenden) Lösungen versucht werden. – Das Problem des Kunden ist, wenn man so will, seine eigene Überassoziierung mit ganz bestimmten Problembeschreibungen. Er hält eine Möglichkeit, die Dinge zu beschreiben, für die Wahrheit. Und diese „Wahrheit“ liefert ihm nur unmögliche, leidhafte, tragische Handlungs- und Lösungsmöglichkeiten.

Ein „Problem“ ist das für den Coach nur dann, wenn der Kunde sich mit dieser „Wahrheit“ nicht sonderlich wohlfühlt, wenn es ihm schlecht geht, wenn der Kunde die leise oder laute Ahnung hat, „es könnte auch besser sein“. Denn dann ist die für’s Coaching grundlegende Ambivalenz gegeben, die da sagt: Einerseits möchte ich mein Problem bitteschön behalten, andererseits: geht das bitteschön nicht auch auf eine etwas andere Weise?

Und in dem Moment, in dem der Kunde beginnt, seine Hoffnung auf eine neue Lösung zu setzen (irgendeine neue Lösung), beginnt er zugleich, sein Problem, sich selbst, ja, seine ganze Welt mit anderen Worten zu beschreiben. Durch das Vertrauen in eine neue Lösung entstehen neue Problembeschreibungen. Aus den neuen Problembeschreibungen entstehen unzählige neue Handlungsmöglichkeiten, unzählige neue Lösungen.

Es ist fast so, als ob „eine ganz neue Welt aus ihm herausbricht“. Eine Welt, die gerade eben noch völlig unsichtbar war. Übrigens oft nicht nur für ihn selber, sondern ganz genauso für den Coach. Coaching ist nicht ganz selten die gemeinsame Entdeckung völlig neuer (Handlungs-)Welten.

Ich bin mir nicht ganz sicher, ob Richard Rorty das gemeint hat, als er eins seiner Bücher „Hoffnung statt Erkenntnis“ genannt hat. Es würde jedenfalls auch als Titel für das Prinzip der beschriebenen Vorgänge ganz gut passen.

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