Über uns selbst erzählen wir uns viele Geschichten. Im Folgenden zwei davon, die sich scheinbar völlig zu widersprechen scheinen. Und doch sind sie beide wahr. Was die Frage nach ihrem Verhältnis zueinander aufwirft…

Der Unabhängigkeits-Mythos

Der Mensch ist ein starkes, einfallsreiches, intelligentes und vor allem anderen unabhängiges Wesen: Es kann sich emanzipieren von zahlreichen Umwelten und Bedingungen.

Der Mensch wird allein geboren und er geht allein. Das beste Leben für ihn besteht in der Besinnung auf seine eigenen Stärken und zahlreichen Fähigkeiten, in ihrer Kultivierung, in ihrer Erweiterung und ihrem Ausbau.

Wenn der Mensch anderen Menschen begegnet, dann, um sich mit ihnen zu messen und sich gegen sie zu behaupten. Denn nur der Mensch ist dem Menschen ein würdiger Gegner.

Seine Würde bezieht der Mensch aus seiner Autarkie: Dass er selbständig ist und niemanden braucht.

Der Mensch kann sich ganz allein behaupten. Er kann sich allein erhalten und er kann allein, ganz für sich, seine größten Freuden finden.

Der bewunderungswürdigste Mensch ist der, der seine Mitte, seinen Frieden, seine Kraft so sehr in sich findet, dass er zwar eine Störung für alle anderen Menschen sein mag, aber von ihnen umgekehrt nicht mehr verstört werden kann.

Der Verbundenheits-Mythos

Der Mensch ist ein nacktes, verletzliches, bedürftiges und vor allem anderen abhängiges Wesen: Er wird hineingeboren in eine fundamentale Abhängigkeit von anderen Menschen.

Weder kommt der Mensch allein, noch geht der Mensch allein. Alles, was er tut, ist geformt und bestimmt vom Dasein anderer Menschen und ihrem Verhalten.

Der Mensch braucht andere Menschen. Nicht nur, um sich selbst zu erhalten und Schutz zu finden, vor anderen Menschen und den zahlreichen Wechselfällen der Natur. Sondern auch, um überhaupt Mensch zu werden und Mensch zu bleiben.

Für sich allein – verfällt der Mensch, verwirrt sich der Mensch und geht er zugrunde.

Gemeinsam jedoch mit anderen, indem er sich zu ihnen in ein gutes Verhältnis setzt: Auf sie achtet und genauso auf sich achtet, kann der Mensch Großartiges vollbringen.

Der Mensch entdeckt und spiegelt sich in anderen Menschen – und so wächst er und gewinnt an zahlreichen Seiten, Fähigkeiten und Möglichkeiten.

Seine Würde gewinnt der Mensch in der Empathie: Sich anzuerkennen und darin keinen Gegensatz zu erkennen zur Anerkennung anderer. Derart verbunden mit anderen fürchtet der Mensch nichts. Denn diese Verbundenheit trägt ihn – hindurch auch durch die größten Probleme, die furchtbarsten Verluste und den schrecklichsten Schmerz.

Der bewunderungswürdigste Mensch ist der, der seinen Frieden und seine Freuden mit anderen pflegt. Der sich nicht gestört fühlt durch die Störungen anderer. Und der die anderen nicht stört durch die Verstörung, die er für andere ist. Der genau in den Spannungen des Sich-Unterscheidenden und Sich-Ähnelnden, des Sich-Verbindenden und Sich-Trennenden seine Erfüllungen findet.

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