Man kann ja angeblich anderen gut beibringen, was man selber gut kann. Manchmal zweifle ich, ob das wirklich stimmt.

Wie auch immer: Meine Frau kam heute von ihrer Arbeit zurück und hatte dort einen Workshop in Sachen „Networking“ gegeben. In einer Veranstaltung für die Praktikanten ihres Unternehmens. Und sie hat wirklich tolles Feedback dazu bekommen. Was mich nicht erstaunt, denn für mich ist meine Frau tatsächlich schon lange ein Networking-Hero, von der ich viel lernen durfte. Ich zweifle allerdings daran, dass wir Fähigkeiten, die wir selber besitzen, einfach mal eben so auf andere Menschen übertragen können. Aber vielleicht täusche ich mich da auch.

Wie es scheint, bin ich gut im Zweifeln. Wenig steht für mich fest, das meiste ist mir fremd. Und was mir nicht fremd ist, das ist für mich mehr eine Möglichkeit, als etwas, das zwingend so ist und nicht auch anders sein könnte.

Über „Realismus“ kann ich in den allermeisten Fällen nur herzhaft lachen.

Also kann ich wohl auch ein paar Trainingskurse in „Wie lerne ich absolut korrekt und zielstrebig zweifeln?“ geben.

Warum überhaupt Zweifeln lernen?

Das klingt natürlich einerseits spannend. Andererseits wie absoluter Stuss. Ist nicht „Gewissheit“ viel erstrebenswerter? Suchen wir nicht alle „Wahrheiten“, „Halt“, „Sicherheiten“? – Ist es nicht viel eher ein erstrebenswertes Ziel zu lernen, alle Zweifel zu überwinden, beherzt zu handeln und sich nicht beirren zu lassen?

Nun: Ja, das ist alles großartig.

Zweifel hilft wohl vor allem, wenn wir Dinge bezweifeln, die uns im Weg stehen. Durch die wir uns selbst im Weg stehen.

Was etwas öfter der Fall ist, als die meisten von uns gewöhnlich zugeben. Man schämt sich ja auch irgendwie dafür, dass man es vor allem selber ist, der sich ständig ein Bein stellt. Und nicht „die bösen Umstände“. Und nicht das „schlimme Schicksal“. Und nicht die „dummen Anderen“.

Zweifel kann Möglichkeiten erweitern oder auch überhaupt erst eröffnen. Zweifel kann im Eingeständnis bestehen, dass man so wahrscheinlich nicht weiterkommt, und wenn doch, dann in Teufels Küche.

Zweifel macht mental flexibel und führt zur Entdeckung von Dingen, die einem ansonsten für immer verborgen bleiben.

Zweifel macht sozial flexibel und erweitert den Raum der für uns möglichen Beziehungen.

Zweifel ist der natürliche Feind starker Wertungen. Und da es entschiedenes Bewerten ist, das uns für viele erfüllten Beziehungen im Weg steht, machen einen die eigenen Zweifel für andere zugänglicher und erträglicher.

Ob sie einen auch für einen selbst zugänglicher und zuträglicher machen, sei hier einmal dahingestellt. Es müssen ja nicht unbedingt „Selbstzweifel“ sein.

Was sind die Voraussetzungen, um Zweifeln zu können?

Es ist klar: Zweifel muss man sich leisten können. Und es sind gerade unsere Gewissheiten, die uns unsere Zweifel ermöglichen.

Das heißt im Klartext: Zweifeln kann jeder. Denn jeder von uns hat seine Gewissheiten.

Was die Folgefrage aufwirft, ob man Zweifeln überhaupt lernen muss, lernen kann?

Seine liebgewonnenen Wahrheiten in Frage zu stellen, das macht man ja nicht grundlos. Und vielleicht macht es einen auch verrückt, wenn man daraus eine Gewohnheit macht – und nicht etwas, dass man bei Gelegenheit macht, gezwungenermaßen.

Aber das trübt die Vorteile entschiedenen Zweifelns (s.o.) natürlich kein bisschen. Es gesellt sich vielmehr zu diesen Vorteilen dazu.

Was kann uns überhaupt vom Zweifeln abhalten?

Nach meinen Eindrücken sind die wesentlichen „Zweifel-Blockaden“ sozialer Natur: Wir haben schlicht Angst, es uns mit ganz bestimmten Menschen zu verscherzen, mit ihnen Stress oder Ärger zu bekommen, wenn wir an ganz bestimmten Glaubenssätzen zweifeln.

Unser Nicht-Zweifeln ist also in den allermeisten Fällen „vorauseilender Gehorsam“. Oder sagen wir freundlicher: Es handelt sich um Akte der Konfliktvermeidung.

Sollten wir es aber lernen zu zweifeln und dabei dennoch in gutem Kontakt mit jenen Menschen zu bleiben, denen der von uns bezweifelte Glaubenssatz die Grundlage ihres Lebens und Handelns gibt, fallen die meisten Zweifel-Blockaden weg.

Profi-Zweifler sind daher in der Regel recht charmante Menschen. Der Grund dafür ist einfach: Uncharmante Menschen können sich Zweifel auf Dauer nicht leisten. Denn dann ecken sie viel zu oft viel zu heftig an. Und das macht mit der Zeit auch den notorischsten Querdenker zu einem sehr zahmen Zweifler. Der soziale Gegenwind hat seine Infrage-Stellerei nach und nach mürbe gemacht.

Wer hingegen in Charme investiert, bekommt für seine Zweifel wenig Gegenwind. Und dafür um so mehr Interesse.

Worauf kommt es beim „korrekten und zielstrebigen Zweifeln“ vor allem anderen an?

Selbstverständlich auf das Ziel des Zweifels. – Und das gleich in doppelter Hinsicht:

1) Was genau bezweifelt wird und wie man sich dieses „Ziel des Zweifels“ aussucht.

2) Warum man zweifelt, was das Ziel ist, das man mit dem Zweifeln verfolgt.

Wir alle haben unsere Motive und Gründe (die natürlich ebenfalls bezweifelt werden können, wovon ich als semi-professioneller Zweifler jedoch aus gutem Grund abrate). So stellt sich nur die Frage, ob Zweifel wirklich der beste Weg und das beste Mittel ist, um das zu erreichen, was wir gerade erreichen wollen? Gibt es kein besseres? Mit geringerem Aufwand und geringeren Kollateralschäden? Erreichen wir mit Zweifeln überhaupt das, was wir gerade erreichen wollen? Und in welchem Ausmaß?

Sollte feststehen, dass Zweifel als Mittel hilfreich sind, so steht das „Opfer“ des Zweifels wohl in den meisten Fällen bereits fest.

Zielloses Zweifeln betreiben nur vollkommen Verrückte.

Das Opfer des Zweifels selbst ist es also, das das wilde Monster des Zweifel geweckt hat und nun von ihm verfolgt, vertilgt und verdaut wird.

Vielleicht hat es unsere Erwartungen an es enttäuscht. Das ist wohl der häufigste Fall. Vielleicht hat es uns verletzt oder uns Angst gemacht, so dass wir nach Auswegen und Alternativen zu ihm suchen.

Was auch immer wir bezweifeln: Es hat es sich wohl redlich verdient, dass wir unser Zweifel-Monster auf es hetzen.

So kommen wir also zu dem Schluss: Jeder, ausnahmslos jeder Zweifel ist „korrekt“ und wohlbegründet. Und „zielstrebig“ ist unser Zweifel ohnehin: In was oder wen er sich einmal verbissen hat, der kommt nicht davon, ohne von ihm zerfetzt zu werden, so dass irgendjemand hernach seine Einzelteile in allen Ecken unserer Welt suchen und zusammenfegen muss. Wenn denn unsere Welt danach überhaupt noch existiert. Und nicht eine völlig andere.

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