Beziehungsinkompetenz

Ich neige ja manchmal schon zu etwas arg naiven Annahmen und Sichtweisen. Z.B. zu der folgenden:

Als ich noch etwas jünger war, war ich beziehungstechnisch sagen wir es mal freundlich: katastrophal aufgestellt. Ich schnallte meist rein gar nichts von dem, was gerade los war, weder bei den Menschen um mich herum, noch bei mir selber, noch zwischen uns. Als Besetzung für den komisch-schrägen Typen in der jeweiligen Gruppe war ich so gut wie immer ein besonders heißer Kandidat. ( – Manche meiner Freunde behaupten ja, das sei auch heute noch so…)

Zum ersten Mal ansatzweise bewusst wurde mir das in der 11. oder 12. Klasse, als wir mit ein paar Klassenkameraden das damals beliebte Gesellschaftsspiel „Therapy“ spielten und – für mich völlig überraschend – alle meine Mitspieler völlig einhellig der Meinung waren, ich sei derjenige in der Runde, der sich am relativ wenigsten um Konventionen scheren würde. Das war für mich als Jugendlicher damals komischerweise nicht unbedingt ein Realitätsfeedback, nach dem ich jubelnd im Viereck gesprungen wäre.

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Nun, was kann ich sagen: Beziehungsinkompetenz ist eine ziemlich unangenehme Sache, wenn Du sie an der Backe hast. Damit will man auf Dauer eigentlich ungefähr genauso gern leben wie mit einem fetten, schmerzhaften Furunkel am Hinterteil. Es kam also wie es kommen musste, und ich lernte – recht mühselig – auf dem zweiten, dritten, vierten Bildungsweg, wie man im Großen und Ganzen einigermaßen mit anderen Menschen klar kommt (und damit zugleich: mit sich selber).

Für mich selber, in meinem privaten, stillen Kämmerlein, ist das eine veritable Superhelden-Story, eine rundum gelungener Entwicklungsroman von monumentalen Ausmaßen. Objektiv gesehen, im Vergleich zu anderen Menschen, ist es wohl eher so, dass mir ein Weg von almost Zero to halbwegs akzeptabler Durschnitt in Sachen Beziehungskompetenz gelungen ist. Auch heute noch bekomme ich viel nicht mit, verrutschen mir Bedeutungen von sozialen Ereignissen, schätze ich Beziehungssituationen völlig falsch ein, bin ich vom Verhalten meiner lieben Mitmenschen komplett überrascht oder erliege immer wieder alten persönlichen Reflexen, die nicht wirklich produktiv sind für gelingende Beziehungen.

Dennoch bin ich natürlich recht stolz, dass das überhaupt möglich war, sich so nach und nach ranzutasten an das Thema „gelingende Beziehungen, die für alle an ihnen Beteiligten überwiegend erfreulich sind“.

Und hier kommt nun meine naive Sichtweise ins Spiel: Mit Blick auf meine verzweifelte, dauer-katastrophale Ausgangslage denke ich mir oft:

„Wenn sogar MIR komplettem Beziehungsidioten so eine Entwicklung möglich war, dann kann sich wirklich JEDER, der das möchte, mit der Zeit brauchbare Beziehungsskills aneignen!“

Ich halte Beziehungskompetenz für ganz grundsätzlich lernbar, weil ich keinen müden Cent darauf gewettet hätte, dass es in meinem eigenen Fall jemals möglich werden könnte, dass die allermeisten meiner Beziehungen irgendwann doch ziemlich okay sind.

Öffentliche Debatten

Das große Manko öffentlicher Debatten: Ich kann nicht wirklich wahrnehmen, was meine Beiträge bei Dir auslösen. Du kannst nicht wirklich wahrnehmen, was Deine Beiträge bei mir auslösen.

Das macht unsere gemeinsame, kooperative Steuerung unseres Gesprächs recht schwierig. Es ist so, als würden wir gemeinsam des Nachts im emotionalen Nebel durch ein aufgewühltes Meer fahren. Während vielleicht irgendwelche Zuschauer unseres Gesprächs uns noch zusätzlich befeuern, jeweils „unseren Kurs durchzusetzen“. Und jeder von uns behauptet dann irgendwann, dass er persönlich eigentlich gar kein Schiff, sondern das Festland sei, also die unumstössliche Wahrheit für sich gepachtet habe.

Dass wir dabei dann immer wieder miteinander unschön kollidieren oder dass einer von uns auf ein Riff läuft, ist nicht sonderlich überraschend, sondern eigentlich doch ziemlich erwartbar.

Schon in direkten Gesprächen ist es ja für uns nicht immer ganz leicht, gleichzeitig unser gemeinsames Thema, uns selbst und unseren Gesprächspartner (also wie es uns beiden gerade wirklich geht) im Auge zu behalten. Gute Gesprächsführung ist geradezu eine „Kunst“. Und sie bleibt auch dann recht anspruchsvoll, wenn man theoretisch bereits einiges über ihre Regeln weiß. Also: Was lasse ich wann besser bleiben? Wann im Gespräch mache ich was?

Im rein virtuellen „Gespräch“, in öffentlichen Debatten stehen wir aber alle gemeinsam auf völlig verlorenem Posten. Gute Gespräche sind dort kaum möglich. Denn was wir dort systematisch verlieren, ist unser jeweiliger Gesprächspartner. Und für „gute Gespräche“ brauchen wir den.

Insofern könnten wir auch ganz pauschal in Frage stellen, ob öffentliche Debatten überhaupt irgendeinen positiven Wert für uns haben? Ob sie überhaupt etwas Nützliches für uns leisten? Ob sie überhaupt zur Befriedigung irgendwelcher menschlicher Bedürfnisse beitragen? Ob öffentliche Debatten eine produktive menschliche Praxis sind?

Und wir können uns stattdessen fragen, wie wir alle miteinander deutlich öfter, deutlich sinnvoller und deutlich konstruktiver ins Gespräch kommen.

Denn dafür gibt’s ja heute bereits einige nicht ganz uninteressante Vorschläge und Lösungen.

Arroganz

Arroganz ist deutlich besser als ihr Ruf. Gut, man macht sich durch sie jetzt nicht unbedingt irre beliebt bei Jung und Alt und Frau und Mann, aber sie bringt einen halt doch spürbar leichter durchs Leben.

Für mich, der ich Arroganz mühselig, unter Blut, Schweiß und Tränen, auf dem zweiten Bildungsweg erlernen musste, steht der operative Nutzen von Arroganz völlig außer Frage.

Außerdem macht es recht viel Spaß, sie anderen Menschen beizubringen.

Handyleichen

Ich habe keine Ahnung wie das in anderen Städten ist, aber hier in München hat in den letzten Jahren die Zahl der Mobileleichen extrem zugenommen.

Ich bin ja recht viel in der Stadt unterwegs, gerade auch in der U-Bahn. Und gerade dort kann man sie antreffen: Menschen, die mit einer Art „Anti-Geistesgegenwart“ unterwegs sind. Mit ihren Gedanken, mit ihrem Kopf irgendwo, nur nicht im Hier und Jetzt. Das drückt sich vor allem in ihren Bewegungen und ihrer ganzen Körpersprache aus, die nicht von ungefähr an Wesen erinnert, die man eher in Walking-Dead-Szenarien anzutreffen erwarten würde.

Zombieengpässe

Diese Handyleichen kommen hinzu zu all den verwirrten Touristen, den orientierungslosen älteren Mitmenschen, den Bierleichen und anderem menschlichem Wirrwarr, das in Städten völlig normal ist und zur Gesamtkomposition des Stadtbilds gehört.

Auch in diesem Punkt habe ich keine Ahnung, wie es woanders aussieht (komme hier kaum weg), aber die Stadt München und insbesondere ihr öffentliches Verkehrssystem sind schlicht nicht für die Menge an Menschen ausgelegt, die sie mittlerweile bevölkern und täglich nutzen. Die Arterien der Stadt sind kurz gesagt „verstopft“. Und es gibt ein paar besondere Engpässe, die heiße Kandidaten für den Infarkt-Fall sind, z.B. bestimmte Stellen am Hauptbahnhof oder am Sendlinger Tor. Sowohl überirdisch, als auch unterirdisch, im „Sperrengeschoss“, was sich nach und nach als überaus gut gewählter Name erweist. Die ebenfalls völlig üblichen Dauerbaustellen perfektionieren das Problem. Zudem ist die Stadt München vor einiger Zeit auf die glorreiche Idee gekommen, dicke, große Menschen mit gelben Westen an die U-Bahn-Gleise zu stellen, weil es dort vorher noch nicht kuschlig und sardinenbüchsig genug zuging. Für die Komplett-Durchquerung der U-Bahnstation Hauptbahnhof von einem Ende zum anderen plant der professionelle Großstadtmensch mittlerweile realistische 10 Minuten ein. Für eine Strecke von ca. 100m wohlgemerkt.

Ungeduldige Zeitgenossen wie meine Wenigkeit bekommen unter solchen Gegebenheiten regelmäßig wunderschöne Aggressionen und unsichtbar bleibende Wutanfälle über das fehlende Mitdenken unserer wunderbaren Mitmenschen, denen ansonsten ein Wunderbarkeits– und Großartigkeits-Attest ausgestellt werden muss, die aber in diesem ganz spezifischen Fall leider chronische Symptome von Braindead an den Tag legen.

Sollten Sie also aus den Medien erfahren, dass irgendein völlig Irrer in München mit der Spitzhacke auf Zombiejagd gegangen sei und sich dabei auf medial orientierungslose Menschen im öffentlichen Raum konzentriert habe, wundern Sie sich bitte nicht.

Okay, im Ernst: Ich lerne mit den Jahren, mit solchen Menschen immer gelassener und geduldiger zu werden, die unsere engen Straßen und U-Bahn-Tunnel dadurch bereichern, dass sie sich verhalten als seien sie ganz allein auf der Welt, als würde es bei keinem einzigen ihrer Mitmenschen irgendwelchen Stress verursachen, wenn sie an einem körperlichen Engpass lockerflockig und völlig mit sich im Reinen vor sich hin-whatsappen, facebooken, twittern, telefonieren oder was auch immer.

Denn: Diese Menschen haben ja eigentlich keine Körper mehr, sie sind weniger Cyborgs oder Zombies als vielmehr Geister. Das Handy ist das metaphyische Werkzeug unserer recht weitgehenden Vergeistigung. Unsere Mobilegeräte sind das Wahrwerden der feuchtesten Wunschträume unserer traditionellen Philosophien.

Ich höre Stimmen

Und es ist ja nicht ihr heroischer Beitrag zur schnelleren Verstopfung von Wegen und Engpässen allein. Sie beglücken uns auch mit detaillierten und emotionsreichen Informationen über z.B. ihre aktuellen Eheprobleme, Sorgen am Arbeitsplatz oder die von ihnen momentan bevorzugte Meinung zum Weltgeschehen. – Hier, immerhin, kommt ein körperliches Moment ins Spiel: Mit ihrer lautstark sich im Raum ausbreiteten Stimme, mit der sie ihre öffentliche Umwelt zum Mitfiebern und Mitvibrieren bringen.

In solchen Situationen akuter kommunikativer Umweltverschmutzung habe ich mir (da ich nicht wegen irgendwelcher unkontrollierter Spitzhackengeschichten im Gefängnis oder in die Psychiatrie landen möchte) ein paar Strategien zugelegt, die mir persönlich sehr helfen, mit dem ganzen Wahnsinn einigermaßen fertig zu werden:

Vom breiten, offeniven, dusseligen Grinsen (das natürlich rein GAR NICHTS mit meinem telefonierendne Gegenüber zu tun hat, ich freue mich einfach gerade nur meines Lebens…), über lautstark gefakte eigene Telefonate in mein eigenes Uralt-Handy („ja Mama, ich bringe die Zwiebeln mit. Ja, die ZWIEBELN. Nein, ich weiß Mama, keine Charlotten. Ja, ja. JAAA! Wirklich Mama. Nein, ich denk dran, Mama! Okay bis später dann, tschüüüüüüüüüüs…“ + Anschließend entschuldigender, mitleidheischender Blick in die Runde und besonders zum Mitmobilisierer: „Tut mir leid. Meine gute alte Mum ist leider etwas schwerhörig.“), bis hin zu klugen Ratschlägen, mit denen man freundlich und sachkundig zum laufenden Gespräch über die tiefgehenden persönliche Probleme des mobilen Geistes beiträgt. Ich helfe meinen Mitmenschen ja immer gerne, und stehe jedem, der mich zur Lösung seiner emotional verzwickten und völlig unaufschiebbaren Probleme ganz offensichtlich dringend braucht, mit Rat und Rat und noch einem Rat zur Seite. Jedes überaus öffentlich gemachte Handytelefonat ist ja im Grunde ein unstummer Schrei nach mitmenschlicher Zuwendung.

All diesen Kram mache ich natürlich nur, wenn ich grade furchtbar gut drauf und liebevoll bin mit dem armen Mitgeist.

Da das leider nicht ganz immer der Fall ist, bleibt mir in vielen Situationen tatsächlich nur die Flucht vor jenen vergeistigten Wesen, die unsere Straßen und U-Bahnen bevölkern.

Und ich bekenne ganz offen: Ich selber habe, schon seit meiner Kindheit, ganz schreckliche Angst vor Geistern.

Handyleichen im öffentlichen Raum? – Kein Grund zur Klage!

Aber was soll man machen? – Die Vergeistigung schreitet voran und lässt torkelnde, leere Hüllen zurück, die orientierungslos, richtungslos und rücksichtslos vor sich hinkommunizieren.

Das mag am anderen Ende der körperlosen Leitung ganz anders aussehen: z.B. wie Aufmerksamkeit oder wie Anteilnahme oder wie ein anregender oder beruhigender Kontakt.

Für mich, der ich leider nur die abwesende, seelenlose Masse bekomme, die ausgelutscht im Raum herumsteht oder -wankt, gestaltet sich das leider deutlich unangenehmer. Aber es hat ja auch nie jemand behauptet, dass das Großstadtleben ausschließlich großartig und angenehm wäre.

Und außerdem ist durch den allgemeinen Trend zum immer umfassenderen Zuhause-Bleiben auch schon eine uns alle entlastende Rettung in Sicht.

Es gibt also keinen Grund, sich über die notorisch dauer-eingestöpselten, abwesenden-anwesenden Vielmobilisierer unter uns zu beklagen. – Vergessen Sie daher bitte einfach, was ich hier alles an furchtbarem Unsinn geschrieben habe. Jedem von uns sei seine ganz persönliche geistige Umnachtung von Herzen gegönnt. Dankeschön.

Das Zeitalter, in dem Beziehungen von uns nicht mehr vorausgesetzt werden können

Wir leben in einem Zeitalter, in dem die Existenz von Beziehungen nicht mehr selbstverständlich ist. Man könnte auch vom Zeitalter der „disconnected society“ sprechen.

Schauen wir uns die Sache (unsere Lage) im Detail an:

Beziehungen zwischen uns als Menschen, die an weit voneinander entfernten Orten leben, und die dennoch schon lange miteinander eine Gesellschaft bilden: So gut wie nicht vorhanden.

Als Bürger innerhalb eines formalen Landes fehlen uns ebenfalls völlig die bürgerschaftlichen Beziehungen. Als Bürger verbindet uns im Grunde nichts als ein paar Zettel Papier bzw. ein paar Datenbankeinträge.

Auch die Beziehungen zwischen uns als Privatmenschen, die unmittelbar als Nachbarn nebeneinander wohnen, sind nicht per se gegeben. Zumindest nicht in der Stadt. Und wie wir alle wissen, nimmt die Verstädterung unseres Lebens überall auf dem Planeten beständig immer noch weiter zu. Die entfremdete Nachbarschaft ist also längst „die Normalform des menschlichen Zusammenlebens“. Und nicht mehr die Ausnahme. Und, noch wichtiger: Es handelt sich um einen unumkehrbaren Trend, auch wenn wir naiven Städter darüber oftmals anders denken.

Und selbst innerhalb von Unternehmen und manchmal sogar innerhalb von Familien ist es nicht von alleine einfach „gegeben“, dass wirkliche, gelebte, gepflegte, belastbare Beziehungen vorhanden sind.

All das ist uns heute oft noch nicht vollständig bewusst. Zu sehr sitzt uns noch das alte Dorfleben im Nacken, als ehemalige Normalform des menschlichen Lebens. So, wie es bei unseren Großeltern oder Urgroßeltern noch war.

Denn im klassischen Dorfleben sind Beziehungen tatsächlich „gegeben“. Wir werden in eine Gemeinschaft geboren, die sich personell im Laufe unseres Lebens nur geringfügig verändert. Wir werden gemeinsam alt. Es gibt gewissermaßen kaum ein Entkommen vor der „dörflichen Gemeinschaft“. Zumindest sind die Kosten und Risiken des Entkommens sehr hoch gewesen.

Was die alten, dörflichen Beziehungen aber kaum brauchten, war bewusster Aufbau und bewusste Pflege. Die Beziehungen in der alten Welt „waren einfach da“. Es waren eben Gegebenheiten, mit denen man zurecht kommen musste, aber um die man sich nicht eigens kümmern musste, damit sie überhaupt bestanden.

Das ist in der neuen Welt, in die wir alle gemeinsam unterwegs sind, durchaus anders: Beziehungen, in die wir nicht ganz bewusst investieren, entstehen einfach nicht. Wir können in der Moderne, in der liberalen Gesellschaft, in der Stadt, sehr gut (oder sehr schlecht, je nach Setting) nebeneinander her leben.

Die Grundtendenz der modernen Welt ist „die Gesellschaft als Zweck-WG“, ohne innere Verbindung zwischen den Menschen.

Dieser Gedanke ist auch keineswegs neu. Spätestens seit dem 19. Jahrhundert wird er immer und immer wieder geäußert. Aus den verschiedensten Ecken.

Keine ganz unwichtige Frage ist daher, welche Antwort die Moderne, d.h. wir alle, miteinander, auf diese normale Beziehungslosigkeit finden.

Denn dass beziehungsloses Nebeneinander-her-leben uns Menschen nicht gut tut, davon können wir ausgehen.

Nach meiner Auffassung ist z.B. der Illiberalismus, die Negation der Moderne keine mögliche Antwort. Es gibt für uns kein Zurück in die vermeintliche Idylle eines dörflich-tribalen Lebens. Auch darin sind wir heute Lebenden manchmal erschreckend naiv.

Es ist also weder nötig noch überhaupt möglich, die Verstädterung und die privaten Freiheitsrechte der Moderne „zurückzunehmen“, um eine verbundenere Gesellschaft herzustellen, in der Beziehungen bewusst aufgebaut und kultiviert werden.

Es ist eher so, dass in dieser Hinsicht eine zusätzliche, eigene Aufgabe auf uns zukommt, die bisher schlichtweg nicht nötig war. Die aber heute zunehmend notwendig für uns wird. Die Moderne muss lernen, wir müssen lernen, Beziehungen zueinander aufzubauen und „instand zu halten“. Als eine beständige, zusätzliche Tätigkeit. Als die eigentliche politische Tätigkeit, die bisher verzichtbar war, es aber nun nicht mehr ist.

Diese Aktivität, die es in der Moderne braucht, ist nach meiner Einschätzung sowohl erlernbar als auch institutionalisierbar. Und wahrscheinlich braucht es beides.

 

Der Gegensatz von Macht und Einfluss

Schon lange ringe ich für mich mit dem Gegensatz von Macht und Einfluss.

Früher hätte ich über mich gesagt: „Ich bin ein Mensch mit einem starken Machtmotiv“. Das Erleben von Selbstwirksamkeit ist für mich in fast allen Alltagssituationen von zentraler Bedeutung. Und umgekehrt: Wenn ich „gefühlte Ohnmacht“ erlebe, stürze ich ganz unmittelbar in ein Loch. Ich fühle mich dann physisch schlecht. Manchmal reicht sogar eine sehr kurze, schnell vorübergehende Situation, damit sich negative Gefühle über Tage hinweg in meinem Körper festsetzen. Ich könnte auch sagen: „Ohnmacht macht mich krank“.

Mir hat, in meinen ganz eigenen Verwirrungen, das Denken von Thomas Gordon ein großes Stück weitergeholfen: Seine Entgegensetzung von Einfluss und Macht, verbunden mit der Unterstellung, dass alle Menschen im Grunde Einfluss wollen, und kein einziger von uns Macht haben will, zumindest nicht dann, wenn ihm die Konsequenzen klar vor Augen stehen, die die Ausübung von Macht auf ihn selbst, auf seine Mitmenschen und auf unsere Beziehung hat.

Ich würde heute also eher sagen: Ich habe, ganz so wie alle anderen Menschen auch, ein starkes Einflussmotiv. Ich möchte Einfluss haben auf die Menschen, die mich umgeben. Und ich möchte, ganz reziprok, dass die Menschen um mich herum ebenso Einfluss auf mich haben.

Einfluss ist – anders als Macht – nicht verknüpft mit Fremdbestimmung. Einfluss hat mit „Herrschaft“ nichts gemein.

In den Einfluss selbst fließen die Motive, die Bedürfnisse, die Pläne, das Denken und Empfinden der Beeinflussten, ihre Situationen, ihre Aktivitäten, ihre Leistungen, ihre Geschichte aktiv mit ein.

Anders als Macht, die andere zu einem bestimmen Verhalten zwingt, ohne sich für sie zu interessieren, ist Einfluss von Offenheit und Wahrnehmung des anderen geleitet. Einfluss ist ohne Empathie vollkommen wirkungslos, während umgekehrt Macht sowohl darin besteht, auf Empathie verzichten zu können, als auch zuverlässig dazu führt, dass die eigenen Empathiefähigkeiten mit der Zeit immer mehr nachlassen.

Es ist für mich zu einer Art Lebensaufgabe geworden, Macht und Einfluss auseinanderhalten zu lernen. Handelnd zu verstehen, dass Einfluss völlig unproblematisch ist, während wir aus einer ganzen Reihe von Gründen den Einsatz und den Aufbau von Macht als das Kernübel des zwischenmenschlichen Lebens auffassen können.

Mit der wichtigste Unterschied zwischen Einfluss und Macht bleibt dabei: Einfluss ist unter uns Menschen recht demokratisch verteilt, während Macht so gut wie immer zur Selbstmonopolisierung und Selbstmaximierung neigt. „Macht“ tickt aus sich selbst heraus aus, während Einfluss sich wechselseitig immer wieder einfängt. Einfluss begrenzt sich ganz von selbst, Macht entgrenzt sich ganz von selbst.

Erst durch den Einfluss, den wir auf andere ausüben und den andere auf uns ausüben, können wir es sehr gut miteinander aushalten. Mehr noch: Erst durch unsere wechselseitige, gute Manipulation können wir es mit uns selbst sehr gut aushalten.

Selbstverteidigung in Beziehungen

Ich frage mich ja immer wieder, warum Selbstverteidigung in Beziehungen in unserer Gesellschaft nicht von Kleinkindheit an systematisch trainiert wird.

Nach meinem Dafürhalten kann ein Großteil der heute erwachsenen Menschheit nämlich eine große Dosis Nachhilfe in diesem „Fach“ vertragen. Also: Wie gehe ich mit anderen Menschen klugerweise um? Wo befinden sich bei verschiedenen Menschen die Knöpfe, die man bei ihnen erfolgreich drücken kann? Und: Wann ist eine deftige Prise freundlicher Bösartigkeit absolut angebracht und sozial hochgradig produktiv?

Dieses Schulfach kann man dann von mir aus „Rhetorik“ oder „Umgangsformen“ oder was auch immer uns heute als annehmbarer Titel erscheint genannt werden – Hauptsache die Inhalte sind nicht so brav und dröge, dass sie für unseren Alltag absolut unbrauchbar sind. Eher schon sollte es sich um gut erprobtes Praxiswissen handeln, das im eigenen, persönlichen Beziehungszoo unmittelbar ausprobiert und angewandt werden kann.

Nur wer selber noch keinerlei Gürtel im täglichen Beziehungsjudo erworben hat, muss Trainingseinheiten fürchten, die den Titel tragen à la: „Wie ich mich bei den meisten Lehrern ohne all zu großen Aufwand lieb Kind machen kann“ oder „Wie ich auf dem Pausenhof ne Menge anderer Kinder dazu kriege, dass sie genau das mit mir spielen, worauf ich grade Bock habe“. Etc.

Aber natürlich können wir auch weiterhin eine derart beziehungsinkompetente Gesellschaft pflegen, wie wir sie bisher haben. Eine, in der die meisten von uns so überhaupt gar keine Ahnung davon haben, wo der beziehungstechnische Hammer hängt (von ausgeprägten Erfahrungen im kunstvollen Schwingen der zahllosen möglichen Beziehungshämmer ganz zu schweigen). Eine, in der wir unser Hirn jahrelang mit weitgehend nutzlosem Detailwissen vergiften, das man sich heutzutage in 2 Sekunden herbeigoogeln kann, wenn man wirklich doch mal Bedarf daran haben sollte.

Das macht das Spiel für die wenigen Meistermanipulatoren, die es auch immer gibt (in jeder Klasse, in jeder Firma, in jeder Nachbarschaft, in jedem Verein, in jeder Familie, etc.), dann sehr sehr leicht.

Wenn wir also über die systematisch erlernbare Selbstverteidigung in Beziehungen sprechen, muss es ja gar nicht unbedingt darum gehen, dass wir uns beibringen, wie man dem anderen schnell und wirksam das seelische Nasenbein zu Brei schlägt. Eher darum, dass wir miteinander lernen, wie man anderen Menschen so die Nase pudert, dass sie davon gar nicht mehr genug bekommen und sogar gern noch deutlich mehr davon hätten.

Und wer überhaupt die zahllosen menschlichen Kniffe kennt, kann sich auch wesentlich leichter auf sie einstellen, wenn er ihnen dann „im wahren Leben“ begegnet. Er ahnt dann, was alles möglich ist, und auch, wie man gegebenfalls „kontert“. Alltagsnähe und Schwerpunktsetzung auf praktisches Üben vorausgesetzt.

Da die Beziehungsmodalitäten im zwischenmenschlichen Leben beliebig komplex werden können, spricht einiges dafür, dem neuen Übungsfach mindestens die gleiche Wertigkeit wie Deutsch oder Mathematik zukommen zu lassen.

Minimum 6 Trainingsstunden pro Woche sollten also schon drin sein, in der wundersamen Welt unserer „Lehrpläne“.

Die Transformation der modernen Demokratie

Schaut man sich die Entwicklung der Demokratie mit etwas Abstand an – also die Entwicklung der antiken Demokratie – so bemerkt man zwangsläufig, dass sie erst mit einer Verlagerung der eigentlichen Entscheidungsmacht tatsächlich abgeschlossen war.

Im engeren Sinne von „Demokratie“ sprechen die Historiker bei der attischen Demokratie erst mit der faktischen Entmachtung des Areopag, des Adligen- oder Älstestenrats im antiken Athen. Ob die Polis Athen bereits vorher eine Demokratie war oder nicht, ist also eher strittig bzw. nicht ganz eindeutig zu sagen.

Parallelsiert man diese allmähliche Entwicklung der Demokratie mit unserer heutigen Situation, so kann man sagen: Ein entsprechender Vorgang wäre gegeben, wenn in unseren heutigen „Demokratien“ sich die faktische politische Macht weg von Parteien und den an sie andockenden Lobbygruppierungen der Gesellschaft verlagerte, und zunehmend mehr hinein in geloste Bürgerräte, wie wir sie bisher nur sporadisch oder bei besonderen Gelegenheiten einsetzen. Z.B. um besonderes geladene politische Fragen zu entscheiden. Oder bei eher lokale Themen. Oder um uns ein vertieftes, aber dennoch eher vage bleibendes Stimmungsbild zu möglichen zukünftigen Entwicklungen zu verschaffen.

Wir würden dann zulassen, dass demokratisch geloste Bürger wirksame kollektive Entscheidungsmacht haben. Dass sie nicht nur beratend hinzugezogen werden, sondern dass „sie wirklich was zu sagen haben“. Dass geloste Bürgergremien also zu einem Staatsfaktor werden, zu einer tragenden Säule unserer Gesellschaft und unseres politischen Systems.

Ähnlich wie in der Antike dürfte der Weg dahin ein Weg der Gewöhnung sein: Auch in der attischen Demokratie wagte man den Schritt zur Entmachtung des Areopag erst dann, als sich geloste Bürgergremien und die Ämterbesetzung per Losverfahren sich bereits über Jahrzehnte hinweg spürbar bewährt hatte.

Man belastete die Demokratie und wirklich demokratische Organe erst dann mit „Macht“, als man den Eindruck gewonnen hatte, dass sie dieser Belastung auch wirklich standhielten. Ganz ähnlich hat man es z.B. im österreichischen Bundesland Vorarlberg gemacht, bevor man gelosten Bürgerräte 2013 in den Verfassungsrang erhoben und zu einem festen Bestandteil der politischen Verfassung gemacht hat: Man „testete“ erst, ob da nicht vielleicht doch etwas ganz Schlimmes passiert, wenn man mit der Demokratie tatsächlich ernst macht.

Die Bürgerräte in Vorarlberg oder die Citizens‘ Assemblies in Irland sind sicher nicht der Weisheit letzter Schluss. Aber sie sind recht ernsthafte Testreihen, ob Demokratie nicht möglicherweise doch auch in der Modernen Gesellschaft funktionieren könnte. Wie belastbar und verantwortungsvoll zufällig geloste Bürger tatsächlich sind, wenn man ihnen vor ihren Entscheidungen hinreichend Zeit, Informationsmöglichkeiten und Gelegenheit zum Austausch gibt.

Entgegen den ersten Annahmen und den starken Bedenken unserer frühmodernen Urururgroßväter.

 

Die alte Arbeitswelt

Wir haben in den letzten Jahren viel über die neue Arbeitswelt geredet. Um so mehr ich mich aber mit älteren Arbeitnehmern unterhalte, um so mehr bekomme ich den Eindruck, wir sollten vielleicht auch mal ein paar tiefergehendere Gespräche über die alte Arbeitswelt haben.

In den Gesprächen, die ich mit Menschen Ende 50, in ihren 60ern und 70ern über ihr Erwerbsleben haben darf, verfestigt sich zumindest bei mir der Eindruck, dass an folgender Schilderung des Anthropologen David Graeber mehr als nur ein Fünkchen Wahrheit ist:

„In einem früheren Buch habe ich den Gedanken geäußert, dass der grundlegende historische Bruch, der zu unserem gegenwäritgen Wirtschaftsregime führte, im Jahr 1971 erfolgte, als der US-Dollar vom Goldstandard abgekoppelt wurde. Dies ebnete den Weg zunächst zur Finanzialisierung des Kapitalismus und schließlich zu wesentlich tiefgreifenderen langfristigen Umwälzungen, die nach meiner Vermutung das Ende des Kapitalismus insgesamt befördern werden. Davon bin ich nach wie vor überzeugt. Doch hier geht es um wesentlich kurzfristigere Auswirkungen. Was bedeutete die Finanzialisieurng für die stark bürokratisierte Gesellschaft des Amerikas der Nachkriegszeit?

Man kann diese Entwicklung meiner Ansicht nach am besten als eine Verschiebung der sozialen Loyalität des Managements der Großkonzerne bezeichnen: Während sich die die Manager früher de facto in einem fragilen Bündnis mit ihren Arbeitern sahen, fühlten sie sich nun in erster Linie mit den Investoren verbunden.

John Kenneth Galbraith hat schon vor Jahrzehnten auf diesen Zusammenhang hingewiesen: Wenn man eine Organisation aufbaut, deren Aufgabe darin besteht, Parfüms, Milchprodukte oder Flugzeugrümpfe herzustellen, dann werden die Menschen, die mit dieser Tätigkeit befasst sind, danach streben, noch bessere Parfüms, Milchprodukte oder Flugzeugrümpfe herzustellen, und nicht vorrangig daran denken, wie sie die Gewinne der Anteilseigner steigern können. Da zudem während des größten Teils des 20. Jahrhunderts ein Job in einer große bürokratischen Megafirma eine lebenslange Beschäftigungsgarantie darstellte, neigten die Beteiligten – die Manager und die Arbeiter gleichermaßen – zu der Einstellung, dass sie in dieser Hinsicht ein gemeinsames Interesse einte, das jenem der Eigentümter und Investoren entgegenstehen konnte.

Diese Art von Solidarität über Klassengrenzen hinweg hatte auch einen Namen, man bezeichnete sie als „Korporatismus“. Man sollte dieses Verhältnis aber nicht romantisch verklären. Es bildete unter anderem die philosophische Grundlage für den Faschismus. Der Faschismus habe einfach, so könnte man behaupten, den Gedanken übernommen, Arbeiter und Manager hätten gemeinsame Interessen, Organisationen wie Unternehmen oder soziale Gemeinschaften bildeten ein organisches Ganzes, Finanziers verkörperten eine fremde, parasitäre Kraft und der Faschismus hätte diesen Gedanken übersteigert und zugleich mörderisch auf die Spitze getrieben. Selbst in ihren milderen, sozialdemokratischen Spielarten in Europa und Amerika verband sich eine entsprechende Politik häufig mit einer Art von Chauvinismus. Aber auch in diesen Varianten wurde die Gruppe der Investoren eigentlich als Außenseiter betrachtet, gegen die sich die Arbeiter und die Manager in gewissem Maße in einheitlicher Front zusammenschließen konnten.“

(David Graeber, Bürokratie, S. 24 ff.)

Um den letzten Absatz zu bewerten, reichen meine eigenen Kenntnisse und Erfahrungen nicht aus. Was ich aber aus zig Gesprächen mit älteren Arbeitnehmern bestätigen kann, ist, dass mir in ihren Schilderungen eine völlig andere Arbeitswelt entgegentritt als die, die wir heute kennen und für „normal“ halten. Viele Geschichten älterer Arbeitnehmer drehen sich um den kulturellen Niedergang von Unternehmen, die von ihnen früher subjektiv durchaus als „great places to be“ empfunden wurden. Und dann über Jahrzehnte hinweg immer weniger. Diese Geschichten sind so zahlreich und so authentisch, dass sie nach meiner Einschätzung über reine Verklärungen vom Typ „Früher war alles besser“ hinausgehen. Auch mit einem auf hypersensibel eingestellten Bullshit-Detektor wirken sie auf mich persönlich glaubwürdig. Sie sind differenziert, detailliert und reflektiert. Es handelt sich um Wirtschaftsgeschichte durch die subjektive Brille von Menschen, „die dabei waren“. Oftmals mittendrin und in zentralen Rollen.

Es ist ohne Frage so, dass Unternehmen heute viel weniger darauf fokussiert sind „gute Waren zu einem erschwinglichen Preis“ zur Verfügung zu stellen, und viel mehr darauf, selbst eine gute Ware darzustellen. Der Handel mit Unternehmen hat den Handel der Unternehmen überlagert. – Und damit verbunden ist eine interne Solidarität der Arbeitnehmer aller Ebenen miteinander, inklusive einer Personalpolitik, die kaum Kündigungen kennt, nur noch im Ausnahmefall anzutreffen. Unternehmen sind heute nur noch im Ausnahmefall „Lebensgemeinschaften“. Die Bindung zwischen Arbeitnehmern und ihren Unternehmen besteht eher auf dem Papier oder in den hochtrabenden Sonntagsreden von Spitzenmanagern und der bestallten Internen Unternehmenskommunikation, die pro forma gute Stimmung zu verbreiten hat. Das hat man heute halt so.

Ähnlich wie Graeber liegt mir wenig daran, die alte Arbeitswelt zu verklären, die in Deutschland in den 80er Jahren des letzten Jahrtausends ihr Ende fand. Ähnlich wie Graeber ist mir der „Chauvinismus“, der Teil jener Arbeitswelten war, überdeutlich bewusst: Ihre Frauenfeindlichkeit, ihre Fremdenfeindlichkeit, ihre ausgeprägten Dünkel gegenüber anderen Unternehmen und sogar anderen internen Abteilungen. Es gab in der alten Arbeitswelt Berufscholeriker und Berufspsychopathen als Chefs, mit denen man sich als Arbeitnehmer irgendwie arrangieren musste und die einem das eigene Arbeitsleben zur Hölle machen konnten. Auch war „Arbeitslosigkeit“ noch viel stärker mit dem harten Verdikt versehen, nachdem „wer nicht arbeitet, auch nicht zu essen braucht“ (und schon gar kein schönes Leben haben darf!). Während heute Arbeitslosigkeit eine ganz andere Normalität angenommen hat. Bei den meisten von uns als wiederholte „Durchgangsstation“ von sehr unterschiedlicher Dauer.

Es gibt also viele Gründe, sich die alte Arbeitswelt nicht schön zu reden oder schön zu denken.

Allgemeine Entfremdung als Systemeffekt

Was wir aber auch in Rechnung stellen können: Mit jener Arbeitskultur, die wohl tatsächlich in den USA ihren Ausgang genommen und die sich seither auf unserem Planeten flächendeckend ausgebreitet hat, ist der interne Zusammenhalt in Unternehmen, ihre Fähigkeit zu langfristen, verlässlichen Partnerschaften mit ihren Arbeitnehmern („Arbeitsehen“) beständig im Abnehmen.

Bei Arbeitsverhältnissen handelt sich heute ganz überwiegend um reine Zweckgemeinschaften, wobei der „Zweck“ die raubbeuterische Ausbeutung von Märkten und auch die wechselseitige Ausbeutung ist. Unternehmen und Arbeitnehmer befinden sich miteinander in einem Wettbewerb darum, wer gerade wen „besser über den Tisch ziehen kann“, wer mehr aus dem anderen für sich herausholen kann, wer den anderen besser über den eigenen subjektiven Wert täuschen kann, wer beim Abschluss des Arbeitsverhältnisses den besseren „Deal“ macht und wer den anderen besser als Sprungbrett zu einem noch ganz anderen Verhältnis benutzen kann, in dem dann der momentane Partner und sein Wohlergehen keinerlei Rolle spielt. Man benutzt sich halt, aber man schätzt sich nicht. Und erst recht nicht sorgt man sich umeinander.

Man kann ganz allgemein von einem Verlust der wechselseitigen „Fürsorge“ sprechen. „Ist doch nicht mein Problem, wie es Dir morgen geht!“ ist das Grundprinzip der Sozialpartnerschaften, das für heutige Arbeitsverhältnisse bestimmend ist. Dass ein neuer Arbeitnehmer behutsam eingearbeitet wird, dass man miteinander mitfiebert und dem anderen möglichst viel Erfolg bei seinem Tun wünscht, dass man die kleinen persönlichen Eigenheitheiten voneinander kennt und liebevoll toleriert, dass man sich kurz gesagt „umeinander kümmert“, das kann man in heutigen Unternehmen realistischerweise nicht mehr erwarten.

Auch wenn heute immer noch unglaublich viele Arbeitnehmer erschreckend loyal mit ihren derzeitigen Unternehmen sind, kann man feststellen, dass diese Loyalität in der Regel sehr einseitig ist und von der anderen Seiten nicht im gleichen Ausmaß erwidert wird (erwidert werden kann). Menschen, die das Kümmern aus individuellen, psychologischen Gründen einfach par tout nicht lassen können, sind beliebte Ausbeutungsziele. Lebende Zielscheiben, so groß, dass sie gar nicht verfehlt werden können. Der Kümmerer ist der Dumme.

Würde man Unternehmen heute die klassische Einstellungsfrage: „Wo sehen Sie sich denn in 5 Jahren?“ stellen, müssten die allermeisten Unternehmen mangels lanfristiger Interessen passen. Denn sie wissen selbst nicht, wem sie in 5 Jahren gehören, und wohin jene neuen Eigentümer das Unternehmen entwickeln (oder abwickeln) wollen werden. Der verbindliche geistige Horizont vieler Unternehmen reicht exakt bis zum nächsten Quartalsbericht. Mal schauen, ob das derzeitige Management danach überhaupt noch in Amt und Würden ist.

Auch ich selber habe schon in Unternehmen gearbeitet, in denen es nichts Ungewöhnliches war, wenn ein Mitarbeiter in einem Fiskaljahr 3 verschiedene Vorgesetzte hatten. Die persönliche Bindung hält sich da naturgemäß in sehr engen Grenzen. Die rein statistische Chance, mit einem der vielen „Führungskräfte“ auch einfach mal nicht gut klar zu kommen, war nicht ganz gering. Viele Mitarbeiter arbeiteten in rein virtuell bleibenden „Teams“ zusammen. Echte, belastbare Vertrauensbasis auf der Grundlage dieses Nicht-Kontakts: So lala.

Wäre es das erklärte Ziel, ein Arbeitssystem mit allgemeiner Entfremdung voneinander zu schaffen, so wäre das, was wir gemeinsam seit den 80er Jahren entwickelt haben, ein heißer Kandidat für eine durchschlagende Umsetzung dieses Ziels.

Nun liegen mir persönliche auch Verschwörungstheorien ziemlich fern. Verschwörungstheorien überschätzen aus meiner Sicht immer die Fähigkeit des menschlichen Bewusstseins, gleichzeitig jede Menge Entwicklungen und Zusammenhänge im Auge zu behalten. Nur rückwirkend lassen sich gut Intentionen in Entwicklungen hineinprojizieren, die dann als „immer schon gewollt“ erscheinen. In Wahrheit stolpert die Menschheit eher von einer trial&error-Geschichte in die nächste.

So ist das Traurige auch bei der Sache mit der alten Arbeitswelt: Diejenigen, die damals in den 70-ern Entscheidungen getroffen haben, die den sozialen Zusammenhalt der Arbeitswelt irgendwas zwischen systemisch unmöglich bis faktisch sehr unwahrscheinlich gemacht haben, hatten kaum Ahnung davon, was ihre Entscheidungen anrichten würden. Die Ausmaße, die die Entfremdung voneinander bei der Arbeit annehmen kann, war – aus der Sicht der alten Arbeitswelt – wahrscheinlich schlichtweg unvorstellbar. Und vielleicht wissen viele „Entscheider“ auch heute noch nicht, was ihre Entscheidungen in der täglichen Realität des Arbeitslebens zerstört haben. Wie unmenschlich, kalt und seelenlos sie die Arbeitswelt gemacht haben.

Auch das ist ein Entfremdungszusammenhang: Denjenigen, die die Entscheidungen treffen, bleiben von den Folgen ihrer Entscheidungen merkwürdig unbetroffen. Die menschlichen Wirkungen bleiben den menschlichen Ursachen fremd. Es gibt kein wirksames menschliches Feedback. Sie wissen nicht was sie tun. Und sie bleiben in dem entstandenen System auch für immer unwissend und damit gewissermaßen „unschuldig“. Sie glauben wohl wirklich, das Beste für alle zu tun. Sie haben ein reines Gewissen, keine menschliche Rückmeldung wird je zu ihnen vordringen. Nichts wird je auf einen Zusammenhang zwischen ihrer Entscheidung gestern und der humanitären Katastrophe heute in einer solchen Form hinweisen, dass man sich den Zusammenhang nicht auch sehr leicht wegdenken könnte. „Alles Spekulation“. „Es ist viel komplexer“. Es herrscht eine allgemeine menschliche Verantwortungslosigkeit. Es muss heute eben jeder selbst schauen, wo er bleibt. Und einige von uns können ein klitzekleines bisschen leichter danach schauen als andere von uns. Wer all zu engagiert und kooperativ ist, betreibt einfach schlechte Selbstsorge.

Natürlich hat man (dennoch? genau deswegen?) immer brav argumentiert und Dinge schön geredet. Sachzwänge erfunden, um zu kaschieren, dass es sich um rechtlich-politische Entscheidungen handelte, die dann eben die Folgen hatten, die viele von uns zu spüren bekommen haben. „Abwanderung von Arbeitsplätzen“ war z.B. seit den 90ern ein beliebter rhetorischer Topos, der so oft wiederholt wurde, bis er eine unhinterfragbare Wahrheit war. Ungeachtet Produktionsmängeln, kostspieliger Verständigungsprobleme, Transport- und Lagerkosten, die mit solchen Arbeitsplatzverlagerungen zuverlässig einhergingen. Ungeachtet aber vor allem der allgemeinen Entfremdung, die sich in den meisten unserer Unternehmen breit gemacht hat. Oft schon in Start-Ups, die bereits vorgeburtlich um das Kapital institutioneller oder hauptberuflicher Investoren buhlen (müssen?).

Die produktive Frage ist demzufolge auch eher: Ist heute wieder eine Arbeitswelt möglich, die die interne Unternehmens-Solidarität und die starke personelle Bindung der Mitarbeiter aneinander restauriert? Jedoch ohne zurück in einen vormodernen Chauvinismus zu verfallen, der in einer Welt einfach nur noch absurd wirkt, in der ein Großteil der Menschheit bereits ein weltbürgerliches Selbstverständnis entwickelt hat, Tendenz: immer noch weiter zunehmend?

Familiengeschichten über die alte Arbeitswelt

Ich selber kann dabei auch mit eigenen Familien-Geschichten aufwarten. Mein eigener Vater wurde in den 70ern in Wien von Siemens als Ungelernter von der Straße wegrekrutiert und auf den damaligen Großrechnern eingelernt. Das waren diese Computer-Monster, die ganz Gebäudeteile füllen konnten. Er wechselte dann zu Wacker Chemie nach München, opferte dort einen Teil seiner Gesundheit und Nerven im Drei-Schichtbetrieb, und machte danach bei IWIS Ketten eine kleine, bescheidene Karriere, bis er irgendwelchen Restrukturierungen zum Opfer viel. Wöchentliches Pendeln zwischen München und Lindau inklusive. – In der neuen Arbeitswelt ab den 90ern fand er sich dann nicht mehr zurecht. Lebhaft ist mir noch seine Schilderung im Gedächtnis, wie er in die IT-Abteilung seiner neuen, moderneren Firma kam und kein einziger seiner Kollegen zur Begrüßung auch nur den Kopf vom Rechner hob. Darauf hatte mein Vater dann irgendwann keinen Bock mehr und zog sich auf der Grundlage eines teils ererbten, teils erarbeiteten und ersparten Vermögens von der schönen neuen Arbeitswelt zurück.

Dabei darf man meinen Vater getrost als nicht ganz unkomplizierten Menschen bezeichnen. Mein Eindruck als jemand, der all seine Erzählungen nur durch seine Filter und meine ausgeprägte Vorstellungskraft erhalten hat, war: Auch in der schönen alten Arbeitswelt haben ihm, dem irakischen Kurden, nur wenige Kollegen verziehen, dass er in vielen seiner Eigenheiten „deutscher als die Deutschen“ war: Nämlich hyperkorrekt, absolut zuverlässig, diszipliniert, technisch findig und krankhaft pedantisch. Das war sowohl die Grundlage für seinen beruflichen Erfolg (in der alten Arbeitswelt) als auch für seine zwischenmenschlichen Probleme in einem Umfeld, das „Ausländer“ nur als billige Hilfs- und Zuarbeiter duldete, aber nicht in einer führenden oder tonangebenden Position.

Vor dem Hintergrund dieses Teils meiner persönlichen Familiengeschichte ist es vielleicht nicht ganz überraschend, warum ich es dann später selber überdurchschnittlich viel mit IT-lern zu tun bekommen habe (obwohl ich selber keiner bin) und zudem keinen ganz kleinen Teil meiner Tätigkeit als Business-Coach Menschen widme, „die auf der Suche nach einer neuen beruflichen Herausforderung sind“. Beide Themen, IT und Arbeitslosigkeit, habe ich sozusagen mit der Vatermilch aufgesogen.

Weltarbeitnehmer, wie wollt Ihr Euch eigentlich noch überhaupt vereinigen?

Heute, als Coach, treffe ich viele hochkompetente Menschen aus aller Welt, die hier in Deutschland – zumindest an der Oberfläche – völlig ohne Probleme leitende Rollen einnehmen, die für „das internationale Kapital“ hierzulande Märkte erschließen oder überhaupt erst aufbauen, oder umgekehrt von Deutschland aus ins Ausland expandieren.

Das alles erscheint mir vor dem Hintergrund meiner täglichen Gesprächserfahrungen mittlerweile als „business as usual“. So selbstverständlich, dass es kaum noch der Rede wert ist.

Genauso treffe ich auch die kaum qualifizierten „Arbeiter“, die sich in Märkten wie Fahrjobs, Lagerarbeit, Produktionshilfe, Putzjobs, Gastronomie, Bau und ähnlichem tummeln und dort nach Strich und Faden ausgebeutet und mies behandelt werden. – In München ist der Traum vieler dieser Menschen „einen Job bei der Stadt“ zu ergattern. Oder irgendwie in die Produktion bei BMW reinzurutschen. Also bei den letzten Relikten der alten Arbeitswelt, die wir hier lokal so zu bieten haben: 35-Stunden-Woche, 30 Urlaubstage und gefühlte Jobsicherheit auf Lebenszeit (obwohl ich persönlich mir nicht sicher bin, ob diese Rechnungen heute wirklich noch aufgehen).

Und natürlich gibt es sie auch heute, die Unternehmen „mit guter Kultur“, in denen der eine für den anderen einsteht, in der man zusammen für gemeinsame Ziele arbeitet, und der gemeinsame Erfolg im Vordergrund steht und nicht die individuelle Karriere, weil zugleich bei allen immer auch auf das persönliche Wohlergehen geschaut wird und was es dafür jeweils gerade individuell braucht. Durch alle Wechselfälle des Lebens hindurch: Familiengründung, Teilzeitwünsche, Mehrarbeitswünsche, Erkrankungen, Verlust von Partnerschaften, Wunsch nach Ortswechsel, Nachlassen der rein physischen Leistungsfähigkeit, Bedarf an größeren Herausforderungen oder auch einfach nur Abwechslung, etc.

Nur sind solche Unternehmen heute – zumindest nach meinen Erfahrungen – weitaus eher die Ausnahme als die Regel.

Die gegenseitige Ausbeutungsgesellschaft hat sich seit den 80er-Jahren weltweit durchgesetzt. Und es ist eine große Frage, wie wir, mit welchen rechtlich-politischen Regelungen, von diesem Trip jemals wieder runterkommen wollen?

Denn dass dieser Trip uns Menschen gut tut, erscheint mir, mit all den Gesprächen mit älteren Arbeitnehmern in meinem gedanklichen Gepäck, als extrem gewagte Behauptung. Die Arbeitswelt scheint durchaus auch schon mal besser gewesen zu sein, als sie es heute ist.

Heute kommen wir so mit Unternehmen zusammen: Was sind meine Bedürfnisse? Was sind meine Ziele? – Wer nützt, wer bietet mir grade am meisten? – Wie sieht das Ganze in meinem Lebenslauf aus, wenn ich diesen Job, dieses Unternehmen dann wieder verlasse? Wie baue ich gutes Arbeitnehmerkapital auf?

Aus Sicht der Unternehmen: Wer hilft uns sofort weiter? Wer macht keinen Ärger? Wer ist leistungsbereit, ehrgeizig und hat ein besonders beeindruckendes pauschales Skillset? Wer verkauft sich gut bei uns?

Von Bindungen und Wohlwollen der Arbeitnehmer füreinander ist bei solchen „Arbeitsquickies“ nicht die Rede. Das geht schon damit los, dass nur in den allerwenigsten Unternehmen das zukünftige Team selbst den neuen Kollegen kennenlernt und die Einstellung verantwortet, sondern eben „HR“ oder irgendein Chef, der schon morgen selbst gegangen sein wird und der sowieso sehr weit weg von jenem Team agiert, das für ihn hauptsächlich aus Excel-Sheets, Flowcharts und offiziellen Reportings besteht.

Kurz gesagt arbeiten heutzutage Menschen „zusammen“, die sich kaum kennen und die sich menschlich auch niemals werden kennen lernen können. Man bleibt sich eben fremd, obwohl man täglich irgendwie miteinander zu tun hat und voneinander abhängig ist.

Unsere Unternehmen selbst werden dabei zu seltsam würdelosen Gebilden. Kaum ein heutiger Arbeitnehmer ist ernsthaft stolz darauf, für dieses oder jenes Unternehmen zu arbeiten. Das ist selbst, vielleicht auch gerade bei „beliebten Arbeitgebermarken“ so. Beliebt sind diese Unternehmen wegen der vermeintlichen Arbeitsplatzsicherheit, die sie bieten, den Incentives und zivilen Arbeitszeitregelungen, wegen überdurchschnittlichen Gehältern oder ihrer Bekanntheit („Marke“) bei Freunden und Verwandten. Aber nicht wegen dem, was sie tun. Nicht wegen dem, was man in ihnen gemeinsam hervorbringt. Erst neulich hat mir ein international aufgestellter Engineer aus dem Automotive-Bereich in ebenso bildhafter wie glaubhafter Sprache den Qualitätsniedergang geschildert, den die Branche nach seinen Erfahrungen im letzten Jahrzehnt hinter sich hat. Der Mann ist Mitte 30, beruflich überaus erfolgreich und ein klassischer „Benzin-im-Blut“-Mensch. Stolz ist er auf das, woran er da beteiligt ist, aber ganz offensichtlich schon seit längerer Zeit nicht mehr. Das hört sich bei Menschen Anfang 60, die in ihrem Berufsleben die Automotive-Industrie mitgeprägt haben, noch deutlich anders an.

Träume von gestern, Träume von morgen

Der Traum von der guten Arbeit der Zukunft sieht daher logischerweise wie folgt aus:

100% Home Office, fancy Arbeitgebermarke, die sich gut im CV macht, und natürlich so viel Gehalt, wie sich nur irgendmöglich rausholen lässt. Arbeit in Teilzeit (und damit die zeitlich möglichst weitgehende Reduktion der eigenen Entfremdung) rundet das optimale Arbeitsangebot ab.

Leidenschaften und Bindungen sind außerhalb der heutigen Arbeitswelt einfach deutlich besser aufgehoben als in ihr.

Uns aber bleiben immerhin die nostalgischen Geschichten „von früher“. Nutzen Sie also die alten Arbeitnehmer, so lange sie noch am Leben sind! Sprechen Sie einfach mal mit Ihren Eltern, Großeltern, mit der netten älteren Nachbarin oder mit dem schachspielenden Opa im Park über seine „Karriere“. Und fragen Sie diese Menschen mal ganz gezielt, wie die Arbeitswelt sich ihren Erfahrungen nach über die Jahrzehnte hinweg verändert hat. Betreiben Sie vergleichende ethnologisch-historische Feldforschung am lebenden Erfahrungsschatz.

Ich zumindest war sehr, sehr überrascht über die Einmütigkeit unserer Alten, was das angeht.

Kein folgenloses Unpolitisch-Sein-Können

Da ich „Politik“ vor allem als notwendigen gesellschaftlichen Abstimmungsprozess verstehe, der, wenn er vermieden wird, für uns alle sehr kostspielige Folgen hat, bin ich immer noch der Meinung, dass es jedem Einzelnen von uns nicht gestattet sein sollte, sich diesen Abstimmungsprozessen einfach so mir nichts dir nichts zu entziehen.

Mit anderen Worten: Die Entscheidung, ein reines Privatleben führen zu wollen, sollte für den Einzelnen mit spürbaren Kosten belegt sein. Ein kostenloses unpolitisches Leben sollte es nicht geben dürfen, weil eben die Folgen einer solchen individuellen Entscheidung für ein unpolitisches Leben allen Menschen spürbare Kosten auferlegt.

Für die eleganteste Umgangsform mit diesem Zusammenhang halte ich immer noch das „bedingte aktive Bürgergeld“, das die Freiheit des Einzelnen würdigt, das eigene Leben als reiner Privatmensch führen zu wollen, ohne eigene Teilnahme an der Politik des eigenen Gemeinwesens. – Nur dann eben nicht mehr kostenlos. Sondern als eine verantwortungsvolle Entscheidung, deren gesellschaftliche Last für den, der sich in dieser Weise für sich und gegen alle entscheidet, auch unmittelbar spürbar wird. Und nicht erst später, als mittelbare Folge von Folgefolgen.

Dieses gesellschaftliche Arrangement kommt mir persönlich deutlich „erwachsener“ vor als die kollektive gesellschaftliche Verantwortungslosigkeit, die wir heutzutage ganz überwiegend miteinander praktizieren. Nur Kindern werden die Folgen eigener Entscheidungen völlig von den Schultern genommen. Nur Kindern wird es gewöhnlich gestattet, völlig unmündig zu sein. Hier reden wir aber über erwachsene Menschen: Über die Bürger eines Staates, die sich eben mal von ihrer eigenen aktiven Teilnahme an diesem Staat einfach so zurückziehen können. Wir reden hier über uns als Bürger, denen man gestattet, sich gesellschaftlich in eine Kindposition zu begeben und politisch völlig unmündig zu bleiben.

Das bedingte aktive Bürgergeld mag von manchen als „Manipulation“ oder als „Zwang“ empfunden werden. – Ich würde aber immer dagegenhalten:

A) WENN wir das überhaupt so sehen wollen, dann handelt es sich dabei mindestens um eine Selbstmanipulation und einen Selbstzwang, wie sie in jedem Staatswesen qua Staatswesen beständig vorkommt. Lässt man das als prinzipiellen Einwand zu, dann darf man generell keine „Politik“ zulassen und muss den modernen Staat überhaupt einstampfen und dem Erdboden gleich machen. Denn der moderne Staat ist – per definitionem – Selbstzwang und Selbstmanipulation. Und das seit dem ersten Tag seiner Erfindung.

B) Wir können uns die Alternative deutlich vor Augen halten: Wenn wir uns selbst damit davon kommen lassen, einfach so auch unpolitische Wesen sein zu können (ohne dass das uns persönlich irgend etwas kostet), dann lassen wir zu, dass jeder von uns an politischen Abstimmungsprozessen auch einfach mal eben nicht teilnimmt. Nach dem Motto: „Da hab ich aber grade keine Lust drauf“. Wir lassen dann zu, dass jeder von uns sich seiner Transformation vom Privatmenschen zum Bürger auch einfach mal eben so entziehen kann. Als wäre nichts dabei. Als hätte die eigene Verweigerung gegenüber der eigenen Bürgerschaft gar keine Folgen für uns alle. Als hätte diese private Entscheidung für ein rein privates Leben gar keine Folgen für das Gemeinwesen, an dem wir alle partizipieren und in dem wir alle leben.

Aber es hat eben ohne Zweifel negative Folgen für uns alle. Auch dann, wenn wir diese Folgen einfach ausblenden und so tun als wäre nichts dabei. Wenn wir eine solche vorsätzlich unabgestimmte, vorpolitisch bleibende Gesellschaft zulassen, dürfen wir uns nicht darüber wundern, dass Unfriede, gegenseitiges Unverständnis und Unlust auf das unvermeidliche Miteinander der Regelfall werden. Dass „die Gesellschaft“ zu einer reinen Last für alle wird. Dass alle unter dem leiden, was sich aus solcher Teilnahmslosigkeit ergibt.

Denn wir schaffen auf diese Weise mit Vorsatz eine Gesellschaft von einander asozial gegenüberstehenden „Fraktionen“, „Parteien“, „Milieus“ und „Schichten“, die niemals auf systematische Weise miteinander in Kontakt treten, die eben „idiotisch“, d.h. vorpolitsch bleiben.

Und das, ohne darüber informiert zu werden, dass es gerade ihr eigenes Fernbleiben aus dem Raum des Politischen ist, das „am Ende“ zu sozialen Ergebnissen führt, die auch für sie selbst hochgradig unbefriedigend und beängstigend sind.

Insofern ist der Preis, der dem Einzelnen für sein Fernbleiben von aller aktiver Politik aufgebürdet wird (mittels dem bedingten, aktiven Bürgergeld) nicht mehr und nicht weniger als eine freundliche, unmittelbare Information darüber, dass er mit diesem seinem Fernbleiben sich selbst und zugleich seine Mitbürger und zugleich sein Gemeinwesen vorsätzlich schädigt. Eine freundliche Anfrage, ob er sich wirklich sicher ist, dass er das tatsächlich so haben will. Obwohl das Folgen für ihn und seine Mitmenschen hat.

Ich finde, jeder von uns hat ein Recht darauf, das zu wissen und das auch so zu spüren zu bekommen, dass es in seinem Bewusstsein ankommen kann. So dass er eine bewusste Entscheidung dafür oder dagegen treffen kann. Aber eben nicht eine „kostenlose“ Entscheidung. In beiden Fällen zahlt er dann einen unmittelbaren Preis: Einmal verzichtet er auf privates Geld. Einmal verzichtet er auf private Zeit. Und er kann selbst frei entscheiden, was davon ihm gerade mehr wert ist.

Und jeder von uns hat daher auch ein Recht darauf, dass seine Bereitschaft, aktiv an politischen Prozessen teilzunehmen, von uns allen honoriert wird. Denn seine persönliche Teilnahme und persönlicher Transformationsberetischaft ist definitiv ein wertvoller Beitrag zu einem guten Zusammenleben für uns alle.