Wer mit Richard Rorty’s „Kontingenz, Ironie und Solidarität“ vertraut ist, wird wahrscheinlich bemerken, dass in vielen meiner Texte die von Rorty geschaffene Kunstfigur der „Liberalen Ironikerin“ mitwabert und herumgeistert.

Nun ist die derzeit übliche Ordnung der politischen Begriffe in den Vereinigten Staaten genauso speziell wie in jedem anderen Land der Welt. Und ich vermute, hätte Rorty z.B. in Deutschland geschrieben, so hätte es wohl „Soziale Ironikerin“ heißen müssen. Denn mit dem Sozialismus und den USA ist das so eine Sache.

Rorty: Private Ironie

Überhaupt passt gerade die Bezeichnung des „Liberalen“ viel besser zu dem, was Rorty mit „Ironikerin“ meint. Denn weit über das hinaus, was wir hierzulande unter „liberal“ verstehen, machen sich seine Ironikerinnen auch frei von allen eigenen Traditionen, in denen sie selber untergehen, aufgehen oder verlorengehen könnten. Sie sind Unkonservative par excellence.

Da Rorty seinen Ironikerinnen-Begriff u.a. anhand von Nietzsche gewinnt, ist klar, dass es sich bei der Ironikerin um eine ausgesprochen aristokratische Tätigkeit und Daseinsform handelt: Eine, die sich mit dem Zweitbesten niemals zufrieden geben würde, sondern die stets nach dem Besten-für-sich streben würde.

Mit jenem „-für-sich“ grenzt sich Rorty zugleich von Nietzsche ab. Anders als Nietzsche, der seine Aktivität selber als eine Sache versteht, die politisch-as-can-be ist („heroische Individuen, die ganzen Gesellschaften auf Jahrtausende ihren Stempel aufdrücken“), verbannt Rorty Nietzsches Ironie, seine eigene Ironie, ja: jegliches Ironikerinnentum in den Bereich des Privaten. Selbstüberschreitung, Streben nach Exzellenz, „Rechtfertigungen des eigenen Daseins aus Akten der Originalität“ gehören für Rorty in den Bereich des Privaten. Mehr noch: Sie sind heute Gemeingut. Jeder von uns ist heute frei, sich von sich selbst frei zu machen. Jeder kann heutzutage „für sich“ Ironikerin sein. Und das heißt auch: Im Privaten sind wir heutzutage allesamt „Aristokraten“ oder „Nietzscheaner“. Ob wir das nun für uns selber so nennen oder nicht.

Während Rorty noch über „besondere Individuen“ nachdachte, hat sich der Ironismus – im Privaten – längst auf weiter Flur durchgesetzt. Entgegen dem medialen Klischee ist heutzutage ausnahmslos jeder von uns „ein Original“. Und gerade klischee-ausbeutende Menschen haben oft ihre ganz eigene „Originalität“. Alles menschliche Klischee ist heute Schein. „Die besonderen Individuen“ sind heutzutage nur noch ein ferner Reflex aus einer Zeit, in der man Überhöhungen zum Heldentum als ganz normal empfand.

Ich folge für mich jedenfalls der Einschätzung Rorty’s, dass unser ironisches Streben als unsere reine Privatsache verstanden werden sollte. Und ich denke, wir können nicht nur im Ironikerinnen-Begriff über Rorty hinaus gehen, sondern auch in seinem Begriff des „Liberalen“. Denn es ist Fakt, dass Rorty keinerlei Begriff von Institutionenethik hatte. Sein Denken des Politischen ist maßgeblich beeinflusst von Hume, nicht von Hobbes und der griechischen Tradition der bewussten institutionellen Gestaltung der Gesellschaft. Gewissermaßen hat Rorty nie verstanden, was „Politik“ überhaupt ist und worin sie besteht. Daher ist seine Trennung des Privaten vom Politischen nur sehr schwach. Um nicht zu sagen: unbefriedigend. Wenn Rorty über „Politik“ spricht, bleibt alles im Denken und Sprechen. Politische Verfahren und Institutionen sind einfach nicht sein Thema.

Rorty ist recht hilfreich, wenn man das Problem verstehen möchte, das aus einer Vermischung von Privatem und Politischem entsteht. Zur Lösung kann er recht wenig beitragen. Zur Lösung des von Rorty sehr klar gesehenen Problems wendet man sich besser an ganz andere Adressen.

Van Reybrouck: Politische Demokratie

Es hilft z.B. ganz ungemein, die attische Demokratie deutlich vor Augen zu haben, um zu verstehen, dass eine gute Trennung und Beiordnung zwischen dem Privaten und dem Politischen sich heute in einer menschlichen Lebensform findet, die man – mit Rorty und über Rorty hinaus – als „demokratische Ironie“ bezeichnen kann.

Unter Marketing-Gesichtspunkten ist das, zumindest in Deutschland, ein furchtbarer Begriff. Von der Sache her trifft dieser Ausdruck auf den Punkt:

In ihm enthalten ist die von Rorty und der attischen Demokratie gleichermaßen bejahten Trennung von Privatem und Politischem. In ihm enthalten ist auch die aristokratische Selbstüberschreitung als Modus des Privaten. Ein Modus, in dem wir uns heute allesamt befinden, der uns jedoch im Politischen in tausenderlei (scheinbar) unlösbare Konflikte miteinander stürzt, und so dem „Liberalen“, der „Ironie“ zum Verhängnis zu werden droht.

Der Ruf nach dem Konservativen: nach der Verabsolutierung von Institutionen, die wir selber aus uns heraus geschaffen haben, erfolgt ja gerade deswegen und findet genau deswegen Anhänger, weil die Ironie aller keinerlei politische Ordnung begründen kann, sondern direkten Weges in tausenderlei kleine und große Bürgerkriege hineinführt.

Das Konservative will die private Ironie begrenzen und eindämmen, um politische Ordnung („Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“) zu schaffen. Wir sollen auch privat stillhalten, weil das konservative Verständnis von Politik sonst nicht mehr mit uns mitkommt. Solche autoritären „Lösungen“ haben heute keine Chance mehr auf dauerhafte Selbstrealisierung.

Demgegenüber bahnen sowohl Rorty, die Institutionenethik und das antike griechische Beispiel einen ganz anderen Ausweg aus dem scheinbaren Widerspruch zwischen privater Ironie und gutem politischen Zusammenleben.

Und diese Antwort hat eben einen ebenso einfachen wie bekannten Namen: Er lautet „Demokratie“.

Denn indem in der Demokratie alle gemeinsam die Gesetze schaffen und deren Einhaltung beaufsichtigen, wird auch das Soziale, werden die Institutionen beweglich und müssen nicht verabsolutiert werden.

Zugleich gibt es Ordnung, so dass die private Ironie nicht in einen anomischen Zustand führt, in dem stets die Stärkeren und Dreisteren die Schwächeren und Kooperativeren „fressen“.

Und da die demokratische Ordnung beweglicher ist als jegliches konservative Verständnis von Staaten und Gesetzen, ist sie gewissermaßen sogar „ordentlicher“ als jegliche konservative Ordnung.

Denn das konservative Bild von Politik führt immer wieder zu einem Staat, der sich in einem Gegensatz zu der Gesellschaft wiederfindet, in der er Ordnung schaffen will. Denn die Gesellschaft verändert sich und entwickelt sich weiter, während der Staat ohne Demokratie in seiner entsprechenden Weiterentwicklung blockiert ist.

Indem die staatliche Ordnung in der Demokratie wesentlich dynamischer und anpassungsfähiger ist, gerät sie nicht in einen Gegensatz zur Gesellschaft, sondern wird zu einem authentischen Ausdruck und zu einer Anerkennung der Gesellschaft.

Gerade weil das konservative Staatsverständnis auf Demokratie verzichten zu können glaubt, erzeugt es im Resultat – und völlig gegen seine eigenen Absichten – einen überaus „unordentlichen Staat“: Einen Staat, der eine einzige große Disharmonie in die Gesellschaft hineinträgt, anstatt sich ganz organisch aus den jeweils gegebenen gesellschaftlichen Harmonien immer wieder neu zu formen.

Allgemeinheit der Ironie, Ausbaufähigkeit der Demokratie

Gewissermaßen sind wir in der Moderne allesamt dazu verurteilt, „demokratische Ironikerinnen“ zu sein. Denn ohne Demokratie kommen wir nicht miteinander aus, schon gar nicht mit unserer verschiedenen, wechselseitigen Ironie.

Demokratie besteht – auch davon hatte Rorty keinen Begriff – in der aktiven Pflege von Beziehungen. In der aktiven Pflege von Bürgerfreundschaft.

Und dieses politische Miteinander-befreundet-sein, das nur durch die demokratische institutionelle Praxis (Losverfahren, Isegorie) möglich wird, ist eine Freundschaft jenseits unserer verschiedenen privaten Lebensentwürfe und Lebensvollzüge. „Freundschaft plus“, um den Begriff zweckzuentfremden. Denn die Bürgerfreundschaft kommt „on top“ zu all unseren privaten Freundschafts- und Feindschaftsverhältnissen. Sie besteht in einem eigenen Raum, in einer eigenen Sphäre, in der sie all das Private nicht berührt. Der Raum des Politischen schafft seine eigenen, freundlichen Beziehungen. Und in diesem Raum ist, wenn es denn wirklich ein politischer Raum ist, kein Platz für private Feindschaften. Außerhalb von ihm bestehen die privaten Feindschaften selbstverständlich weiter. Ganz genauso wie die privaten Freundschaften.

Natürlich können wir uns im Privaten dazu entscheiden, auch keine Ironikerinnen zu sein. Uns also in die Arme irgendeiner, beliebigen Tradition zu werfen. „Wie es uns gefällt“. Dazu gibt es ja den privaten Bereich: Dass wir für uns wählen können, was uns für uns gerade „gut“ erscheint. – Ob wir dadurch aber unserem eigenen Ironismus entkommen? Ich bin mir nicht sicher.

Theoretisch sind in der Moderne also nicht nur „demokratische Ironikerinnen“, sondern auch „demokratische Konservative“ denkmöglich, die privat, für-sich irgendeine Tradition absolut setzen und nicht mehr hinterfragen. Und die dennoch ganz genauso an den demokratischen Verfahren, Beratungen und Beschlüssen teilhaben wie natürlich auch die demokratischen Ironikerinnen.

Praktisch kommen solche „demokratische Konservative“ in unserer heutigen Welt jedoch so gut wie nie vor. Und das kann auch der Gesellschaftstheorie zu denken geben. Warum und Wieso das so ist. Und was das für die Theoriebildung heißen könnte.

Für den Moment können wir festhalten: Der Ironismus ist heutzutage bereits allgemein. An der Ausbreitung, Vertiefung und Etablierung der Demokratie haben wir noch gut zu tun. Was wohl auch dauerhaft so bleiben wird.