Da ich immer wieder auf das antike Griechenland und besonders auf das Athen des 5. Jh. v. Chr. zu sprechen komme, könnte man auf die Idee kommen, ich sei ein Riesenfan der antiken griechischen Kultur und ihrer konkreten Lebensformen.

Das verweigerte Erbe: Was wir besser (zurück-)lassen

Ich selber würde sagen, dass viel eher das Gegenteil der Fall ist: Ich finde unendlich vieles, was ich an Denken, Leben, Staatsform und vor allem an der Psychologie der ollen Griechen auszusetzen habe, soweit uns etwas darüber bekannt ist.

Sogar an die heute weniger bekannte altgriechische Schattentradition habe ich jede Menge Fragen. Ich glaube, dass wir in der Moderne Erfahrungen gemacht haben, die es uns ermöglichen, miteinander auch über diese Schattentradition hinaus zu gehen. Wir können heute dort miteinander erfolgreich sein, wo die antiken Griechen miteinander gescheitert sind.

Mit dem Maskulismus, Rationalismus und ganz generell der Kriegsfixierung der griechischen Antike kann ich persönlich rein gar nichts anfangen. Für mich ist all das gebunden an einen Entwicklungszustand der Menschheit, den wir glücklicherweise hinter uns gelassen haben. Ich bin überaus dankbar und froh darüber, heute zu leben und nicht in einem idealisierten Athen vor 2400 oder 2500 Jahren.

Unbewusstes, angeeignetes Erbe

Mich erstaunt es eher, dass es überhaupt etwas gibt, dass ich an jenem fernen Athen als gut und inspirierend finden kann. Etwas, worauf wir aufbauen können, weil es uns gut tut, und das nicht auf fortgesetzte Selbstverletzungen hinausläuft.

Und mich erstaunt noch mehr, dass wir alle bereits zwei ganz spezifische „Graezismen“ (im institutionellen, nicht im sprachlichen Sinn) geerbt haben, bewahren, immer weiter kultivieren und immer weiter ausbauen.

Und mit „wir alle“ meine ich: Wir heute lebenden Menschen, „die Menschheit“, wir Menschen der Modernen Gesellschaft.

Wir sind bereits Erben der antiken Griechen, die dieses Erbe auch bereits vorsortiert haben, welchen Teil davon wir annehmen und welchen Teil davon wir ablehnen wollen.

Der angenommene Erbteil I: Individualität

Das eine ist der ganz besondere Eigensinn der Griechen.

Dieses Erbe hat dazu geführt, dass die Individualität das allgemeine Kennzeichen der Moderne werden konnte. Auch dazu, dass wir heute bereits Individualisten sind, allesamt.

Denn einige von uns sind sich ihres eigenen Individualismus‘ einfach nur noch nicht bewusst geworden.

Der angenommene Erbteil II: Demokratie und Politik

Der zweite Teil des griechischen Erbes, den wir uns heute, eben gerade derzeit, aneignen, ist ihr spezifische Begriff von Demokratie und Politik.

Unsere eigene, großspurige Absichtserklärung, den Raum des Politischen auf uns alle auszuweiten (anstatt nur auf ein paar wenige, privilegierte „Vollbürger“), ist zwar schon etwas älteren Datums und seit ca. 200 Jahren weitgehend eben das geblieben: Eine Absichtserklärung, der wir bislang keine institutionellen Taten haben folgen lassen.

Aber seit ein paar Jahren ist deutlich spürbar, dass wir aus diesem Erbe doch tatsächlich etwas mehr machen wollen.