Ich muss ja zugeben, dass ich trotz meines penetranten Helden-Bashings ab und zu doch ganz gern den Helden spiele. Es fühlt sich einfach gut an, „alles im Griff zu haben“, so zu tun, als habe man keinerlei Bedürfnisse, wäre durch nichts einzuschüchtern und wüsste immer, wo es lang geht und was genau zu tun ist. Zweifellosigkeit fühlt sich geil an und macht einen zuverlässig ziemlich sexy.

Dafür, dass das auch gut bleibt, ist es es entscheidend, dass es für einen ein „Spiel“ bleibt. Denn wie bei vielen guten Dingen kann das, was eben noch Spiel war, plötzlich zu einer Art Sucht werden. Und dann ist es einem todernst mit dem eigenen Heldentum.

Dabei sprechen wir noch nicht mal über jene Art von „Heldentum“, bei dem man über andere Leichen geht als nur über die eigene. Es gibt noch ganz andere Aspekte am Heldenspiel, die nicht ganz unproblematisch sind:

Senkung des „Heldenfaktors“ bei anderen

Ich habe keine Ahnung, wie das genau funktioniert, aber es scheint so zu sein, dass in einem sozialen Raum gleichzeitig immer nur Platz für genau einen Helden ist. Spielt man ständig den Helden, wird allen anderen Menschen im Raum ihr eigenes Heldentum „genommen“.

Oder es gibt eben ständige „Ausscheidungskämpfe“ darum, „wer hier der Held sein darf“. Das bekommt in den allermeisten Fällen dem betreffenden sozialen Raum und den Menschen in ihm nicht ganz so gut…

Wehe dem sozialen Raum, in dem allgemeines Heldentum idealisiert und betrieben wird.

Denn in solchen Räumen endet der zwischenmenschliche Krieg nie. Mit allen üblichen Folgen solcher endlosen Kriegereien.

Die Abstandnahme der Vielen von der Möglichkeit eigenen Heldentums kann daher auch als zutiefst sozialer Akt interpretiert werden. Als Beitrag zur Befriedung der verschiedenen sozialen Räume.

Der Preis dafür ist die Tyrannis: Soziale Räume, in denen einer zum amtlichen Helden wird, während alle anderen im Namen des sozialen Friedens „Dienst nach Vorschrift“ machen.

Sinnloses Heldentum

Heldentum besteht ja immer ein Stück weit in Selbstaufopferung. Sonst ist es kein Heldentum. Das Heldentum selbst versucht natürlich unkenntlich zu machen, dass es Opfer bringt, um heldenhaft da zu stehen. Denn wenn es überdeutlich auf die eigenen erbrachten Opfer verweist, ist es ebenfalls kein Heldentum.

Der Held leidet still, strahlt und schweigt über die erbrachten Opfer.

Das bedeutet aber zugleich auch, dass Heldentum ein verkappter „Deal“ ist: Heldentum darf zwar nicht darüber sprechen, dass es sich lohnen muss, um „aufzugehen“, aber es muss sich lohnen. Ansonsten kollabiert es recht schnell.

Ungefragtes Heldentum ist daher highway to hell. Sind die vollbrachten Heldentaten für die menschliche Umwelt im Grunde wertlos oder sogar lästig und nervig, gibt es statt der erwarteten Meriten lange, frustrierte Gesichter auf allen Seiten.

Und der möchtegern-strahlende Held verwandelt sich unversehens, eher er so recht weiß, wie ihm geschieht, in ein ausgewachsenes Arschloch.

Die Rechnung des Heldentums

Doch selbst wenn alles passt: Es werden sozial brauchbare Heldentaten vollbracht, die beim „Publikum“ gut ankommen, es bleibt einem halb bewusst, dass man den Helden nur spielt, und es kommen auch immer wieder andere heldenhaft zum Zug, – selbst dann gibt es einen Preis für regelmäßiges Heldentum.

Die Selbstaufopferung, in der alles Heldenhafte besteht, will bezahlt sein. Die liebe Natur ist da unerbittlich und lässt sich auch nicht hereinlegen. Irgendjemand muss die Rechnung für Heldenspiele begleichen.

Und so finden sich viele leidenschaftliche Helden unverhofft in der Rolle des vollkommen Bedürftigen wieder. Eben noch kümmerten sie sich selbst recht wenig um sich, und jetzt müssen sich andere um sie kümmern. Voller blutender Wunden liegt der Held im Lazarett, umgeben von einem ganzen Heer an Ärzten und Therapeuten und Krankpflegern, die kraft ihres eigenen Heldinnentums selbst irgendwann in einem Lazarett landen werden.

Und diese eigene Bedürftigkeit muss man, als gewohnheitsmäßiger Held, dann erst einmal verknusen können.

Es braucht wohl wirkliches Heldentum, um die Rechnung für das eigene Heldentum wirklich selbst zu bezahlen und nicht andere dafür bezahlen zu lassen. Falls es solches „wirkliches Heldentum“ überhaupt geben kann. Denn ich bin mir dessen nach wie vor keineswegs sicher.

 

 

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