Bekanntlich waren die Reformen des Kleisthenes der entscheidende Schritt auf dem Weg zur Erfindung der Demokratie. Interessant ist für mich, was die eigentlichen Triebkräfte hinter diesem Reformschritt und jener Erfindung waren:

„Die politische Neuordnung Attikas wäre ohne den Leidensdruck einer sich zunehmenden radikalisierenden Stasis, aber auch ohnde die Volks- und Rechtsfreundlichkeit der Tyrannis in der Frühform, die Ethik nachbarschaftlicher Solidarität, die Überwindung der Blutrache durch richterliches Urteil und selbstverständlich auch ohne die Nachwirkung der Politik Solons nicht möglich gewesen. Auf dieser Grundlage konnte Kleisthenes die ihm erreichbaren Machtmittel so ‚in Gebrauch nehmen‘, dass die Verbindung von aristokratischen und demokratischen Elementen, die dem Bündnis der Alkmeoniden mit dem Demos zugrunde lag, auch die bürgerlich-isonome Verfassung der Polis geprägt hat. In ihr sieht Herodot eine institutionelle Konkretisierung der sozial-anthropologischen Einsicht, dass Menschen, die einem „Herrn“ (despótes) dienen, sich ‚absichtlich‘  ‚feige und träge verhalten‘ und dadurch ihre Handlungskraft verlieren, während Freie ‚eifrig für sich selbst schaffen‘ und dadurch auch ihrer Gemeinschaft mehr nützen als Bürger, die wie die Spartaner, aufgrund ihrer vorgängigen Bindung an einen übergeordneten Nomos ein individuelles Interesse gar nicht kennen. Es ist deshalb machtpolitisch ‚außerordentlich nützlich‘ (chrema spoudaion) die informelle Praxis des gleichen Rederechts (Isegorie) als Isononomie in die Verfassung einer Polis zu verankern. Nach der von Otanes in der persischen Verfassungsdebatte vertretenen Regel wird damit die gesamte legislative und exekutive Macht ‚der Masse des Volkes‘ übertragen, so dass ‚alle Gesetzesanträge und Handlungspläne (bouléumata) der Gesamtheit vorgestellt (es tò koinón anaphérei), die Ämter verlost und die Amtsträger öffentlich kontrolliert werden‘. Der größte Feind dieser Ordnung ist der Tyrann, der seinerseits nichts mehr zu fürchten hat als die Macht einer bürgerlich-isonomen Polis, weil sie für die institutionelle Überwindung der Tyrannis steht, die hinsichtlich ihrer Wirkung jeder anti-tyrannischen Einzelaktion überlegen ist.“

(Alfons Reckermann: „Überzeugen“, S. 158 f.)

Die sozial-anthropologische Einsicht, die am Anfang aller Demokratisierungsprozesse stand, bemerkte, dass dikatorische, tyrannische, autoritäre Lebensordnungen das Ausmaß künstlich absenken, in dem wir Menschen unser Potential nutzen und einbringen. Wir werden in solchen Ordnungen absichtlich faul und feige.

Das entscheidende Wort ist dabei: „absichtlich“. Damit es keinen Bürgerkrieg gebe, nehmen sich die meisten zurück. Sie dimmen sich selbst vorsätzlich, um nicht im Zustand der „Stasis“ zu landen. Sie opfern ihr menschliches Potential im Namen des sozialen Friedens.

Die Demokratie ist daher die Negation von beidem:

Von aristokratischer Unordnung, in der Haufen von Wichtigtuern sich ständig wechselseitig bekämpfen und Bürgerkriege vorprogrammiert sind. Und von tyrannischer Ordnung, in der der ständige Streit zwar zum Erliegen kommt, aber mit ihm auch ein Großteil der menschlichen Lebendigkeit und Fähigkeiten. Auch bei der Tyrannei ist es daher immer nur eine Frage der Zeit, bis es zu „Aufständen“ und damit zum Bürgerkrieg kommt.

Während hierarchische Tyrannis Ordnung ohne Lebendigkeit ist, ist anomische Aristokratie Lebendigkeit ohne Ordnung. Die Tyrannis schüttet das Kind mit dem Bade aus, während der aristokratische Wettstreit das Kind im ständig künstlich aufgewühlten Wasser ertränkt.

Weder die Aristokratie noch die Tyrannis können daher mit dem Begriff der „Bürgerschaft“ wirklich etwas anfangen. In der Aristokratie bedeuten mehr aktive Bürger mehr Konkurrenz im Kampf um die Macht. In der Tyrannis ist der Bürger nur dann und nur so aktiv, weil und wie man es ihm befohlen hat, nicht weil er sich von sich aus einbringt und zur Geltung bringt, wer er ist und was er will. Im Endeffekt erzeugen beide – Tyrannei wie Aristokratie – Massen an rein passiven Bürgern. In der einen halten die Bürger still, weil sie nicht geschlagen und gefoltert werden wollen. In der anderen halten sie still, um den ständigen Dauerkonflikt und Wettbewerb nicht noch durch eigenen Beitrag zusätzlich anzuheizen.

Allein die Demokratie hat Bedarf an „aktiven Bürgern“. Allein die Demokratie vermag Lebendigkeit mit Ordnung zu vereinen. Das hatte man in Athen nach vielem Leiden endlich verstanden – und mit Kleisthenes institituonelle, verfahrenstechnische Konsequenzen aus diesen Erfahrungen und dieser Einsicht gezogen:

Man beteiligte systematisch alle am gemeinsamen „Spiel“, aber nicht in Formen des Wettstreits. Man befreite die Politik weitgehend von jenem „sich übertreffen-können“, „sich-übertreffen-wollen“. Man gab allen gleichermaßen die Möglichkeit, zum Gemeinsamen aktiv beizutragen, nicht den einen mehr, den anderen weniger (Isegorie, Isonomie, großflächige Nutzung des Losverfahrens). Auf diese Weise „belebte“ sich die Bürgerschaft, ohne miteinander in Stasis zu verfallen.

Die Bürger brauchten sich nicht mehr künstlich klein zu machen, aus Sorge um einen Bürgerkrieg, in dem sie sonst unweigerlich gelandet wären, hätten sie alle jeweils ihr menschliches Potential kultiviert, abgerufen und eingebracht.

Der Rahmen der Demokratie ermöglicht allen gemeinsam ihre wahre Größe. Ihre individuelle Größe, die dann wieder dem Gemeinwesen zugute kommt und in das Gemeinsame einfließt. Daher haben in einer Demokratie alle deutlich mehr von allen.