Vielleicht ist es ein Fehler, das so kategorisch und wenig gewinnend hinzuschreiben:

Aber für mich sind mittlerweile nur diejenigen Beziehungen politisch, die durch das Losverfahren gestiftet werden. Alle anderen Formen von Zusammenkünften und Beziehungen sind nach meinem Verständnis „privat“. Nur durch das Los kommt der Bürger in Kontakt mit dem Bürger, und nicht nur der Privatmensch in Kontakt mit dem Privatmenschen.

WIE wir zur einer Versammlung kommen, das macht unsere Beziehungen dort politisch – oder lässt sie privat bleiben

Diese Unterscheidung von privaten und politischen Beziehungen ist paradoxerweise gerade auch für das Verhältnis der Bürgerschaft zu ihren „Politikern“ gültig: Es handelt sich beim Verhältnis von Bürgern zu Politikern gerade NICHT um eine „politische Beziehung“, sondern um ein Angestelltenverhältnis:

Wir engagieren Berufspolitiker, um in unser aller Namen ganz bestimmte (exekutive) Aufgaben auszuführen. Die Bürger sind die Auftraggeber. Die Politiker sind die Auftragnehmer.

Da Berufspolitiker sich bewerben, gewählt oder sonstwie bestimmt, jedenfalls nicht gelost werden, handelt es sich bei ihnen um Privatleute, die ihr privates Engagement eben der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen, die aber genauso gut auch für Unternehmen arbeiten können. Wie es dann eben auch oft geschieht.

Der entscheidende Unterschied, der das Politische vom Privaten trennt, ist also das Losen.

Das kann man von der antiken Demokratie lernen, wenn man das möchte. Man kann diese historische Lektion auch ignorieren, so wie wir das die letzten 200 Jahre in unseren „Demokratien“ gemacht haben. – Nur bekommen wir dann eben das, was wir dann eben bekommen. Wenn wir den Zustand unserer „Politik“ und den Zustand unserer Gesellschaft so richtig knorke finden und ernsthaft glauben „das geht nun aber wirklich nicht besser!“, dann brauchen wir die historische Lektion von der Unverzichtbarkeit des Losverfahrens sicher nicht.

Philosophen haben es da etwas leichter, denn sie neigen zum prinzipiellen Denken, z.B. zur prinzipiellen Unterscheidung des Besonderen vom Allgemeinen. Philosophen können dann recht nüchtern sagen: Naja, alle anderen Verfahren bringen das Besondere mit dem Besonderen in Kontakt – was die technische Definition des Privaten ist. Nur das Losverfahren bringt alle mit allen in Kontakt; und damit das Allgemeine zur Geltung. Daher ist nur das Losverfahren in der Lage, das Politische zu begründen und zu erhalten.

Daher kann auch „Eigeninitiative“ niemals politisch sein: Aufgrund meiner besonderen Neigungen, besonderen Wünsche, besonderen Fähigkeiten, besonderen Situation und besonderen Nöte werde ich aktiv. Und ich treffe dabei auf die Besonderheit ganz bestimmter meiner Mitmenschen. – Nur in eine gelosten Versammlung ist diese Besonderheit des Zusammenkommens systematisch ausgeschaltet.

Dort, in der Bürgerversammlung sind wir zwar auch in unserer Besonderheit (wie auch anders?) und in unserer Individualität (glücklicherweise!) anwesend, aber es sind dort eben systematisch alle anwesend. Oder genauer: Alle haben dort die exakt gleiche Wahrscheinlichkeit, anwesend zu sein. Das Losverfahren bringt das Besondere und Verschiedene zusammen, ohne dass es sich auch leicht aus dem Weg gehen kann, wenn ihm danach ist. Wie es das sonst im Privaten tut.

Im Politischen ist das anders: Wir suchen uns nicht nach unseren Lüsten und unseren Launen aus, wen wir auf Bürgerversammlungen treffen, sondern wir treffen dort alle gleich. Wir stehen zu allen gleich in Beziehung. Diese Gleichheit, die politische Gleichheit, begründet das bürgerschaftliche Verhältnis.

Nicht zu Losen bedeutet daher ganz automatisch: Keine Bürger zu haben, keine Politik zu haben, keine Demokratie zu haben. Das Losen verwandelt den Privatmenschen in den Bürger, und mit dieser Verwandlung aller Einzelnen geht auch eine Transformation der gesamten Gesellschaft einher.

Unser privatistischer Selbstbetrug

Wir können natürlich auch ohne Einsatz des Losverfahrens von „Bürgern“, „Politik“ und „Demokratie“ sprechen. Aber rein technisch gesehen lügen wir uns damit in die Tasche. Wir legen uns sozusagen selber herein, indem wir Etikette auf Dinge pappen, die dort nicht hingehören:

Wir (v)erklären einfach Menschen zu „Bürgern“, die faktisch aber keinerlei bürgerschaftliche Aktivität haben, sich niemals mit allen Bürgern in einem Raum wiederfinden, die keinerlei Austausch untereinander und keinerlei Beziehung zueinander haben. Die auch keinerlei politische Verantwortung tragen, sondern die als träge, unzufriedene Zuschauer die jeweils letzte Folge der „Politik“seifenoper kommentieren und kritisieren. Wie unreife, verzogene Erwachsene, die künstlich in einer Babyposition gehalten werden, in der sie niemals politische Mündigkeit erlangen können.

Wir (v)erklären einfach private Streitereien und willkürliche private Entscheidungen zu „Politik“: Alles Dinge, die sich faktisch in einer gelosten Bürgerversammlung niemals so ereignen würden, in der sachlicher und emotionaler Austausch herrscht und in der keiner sich künstlich aufplustern muss, um Aufmerksamkeit zu bekommen, weil ja eben alle von vornherein gleichermaßen einbezogen sind. Weil in der Politik, die durch das Losen zustande kommt, Sicherheit darüber herrscht, dass alle eine gut hörbare Stimme haben, dass alle gehört werden, dass alle Einfluss haben. Dass die Perspektiven aller wirklich einfließen. Auch meine. Auch Deine. Und das immer.

Wir erklären einfach Verfahren und Institutionen für „demokratisch“, die keinerlei Gleichmächtigkeit, Gleichwichtigkeit und Gleichwirksamkeit aller Bürger herstellen und zum Ausdruck bringen, sondern die vielmehr garantieren, dass einige wenige von uns viel zu viel Einfluss auf das Gemeinsame haben, sehr viele von uns viel zu wenig Einfluss, und immer noch viele zu viele von uns keinerlei Einfluss auf das Gemeinsame haben.

Alles drei: Bürgerschaft, Politik und Demokratie entsteht durch großflächigen, systematischen Einsatz des Losverfahrens. Und ohne das Losverfahren entsteht alles Mögliche, aber ganz sicher keine Bürgerschaft, keine Politik und keine Demokratie. Nur Merkwürdigkeiten, die einfach ein wenig besser klingen, sich aber keinen Deut besser anfühlen, nur weil wir sie schönfärberisch mit diesen großartigen Bezeichnungen adeln.

Das wenig wahrgenommene Leiden der Politiker

Wirklich „politisch“ können Berufspolitiker im Übrigen erst dann sein, wenn sie sich regelmäßig vor gelosten Bürgergremien verantworten müssen und von diesen dann entweder entlastet oder entlassen werden. – Denn ohne diese Kopplung haben Berufspolitiker gar keine andere Wahl als irgendwelchen beliebigen Privatinteressen zu dienen. Mangels existierendem Gemeininteresse bleibt ihnen ja gar nichts anderes übrig, woran sie ihr Handeln ausrichten können als eben am Privaten. Und auf diese Weise können sie nur Unzufriedenheit auslösen. So können sie gar nichts richtig machen. So können sie nur wählen, aus welcher Richtung ihnen vermutlich nun die Scheiße ins Gesicht fliegen wird (und oft sehen sie sie eben auch gar nicht kommen).

Ohne von den Bürgern selbst erarbeitetes Gemeininteresse haben Berufspolitiker keine Sicherheit. Oder genauer: Sie haben nur die eine Sicherheit: dass sie alles falsch gemacht haben werden. Diese Sicherheit aber ist ihnen garantiert. Weil sie so nicht dienen können, sondern nur herrschen, genau aus diesem Grund ist „Berufspolitikertum“ bisher ein so undankbarer Job. Wer den Ton angibt und den Fehler macht „zu führen“, ist am Ende ganz automatisch der Depp vom Dienst.

Statt auf Politiker zu schimpfen, die selbst die ersten Opfer eines dysfunktionalen Systems sind, brauchen wir geloste Bürgergremien, vor denen Politiker sich endlich verantworten können.

Denn ich persönlich, ganz privat, bin überzeugt, dass gerade unseren Berufspolitikern solche geloste Bürgergremien noch mehr fehlen als uns Privatiers. Niemand vermisst wirkliche Bürgerschaft, Politik und Demokratie mehr als gerade eben unsere gewählten Politiker, die dem Gemeinwohl dienen sollen und wollen, die das aber gar nicht können, so wie wir es bisher anstellen. Alle zusammen.

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