Es ist ja ein recht weit verbreitetes Phänomen, dass sich Menschen ihrer Stärken nicht wirklich bewusst sind. Was sie können und machen ist einfach viel zu selbstverständlich für sie, um zu realisieren „wer sie sind“.

Heißt im Klartext: Alle, wirklich alle um sie herum sind sich voll und ganz dessen bewusst, was diesen Menschen auszeichnet, was nur er kann oder was nur er so gut kann, aber der Mensch selber sagt: „Machen das nicht alle so? Was ist da schon dabei? Ist doch völlig normal.“

Ich habe mit diesem Phänomen beruflich relativ viel zu tun, weil es Teil meiner persönlichen Job description ist, Menschen zu helfen, artikulieren zu können, was sie so ausmacht. Und zwar so, dass das auch solche anderen Menschen kapieren, die diesen Menschen noch nie erlebt haben, noch nie mit ihm zusammengearbeitet haben und daher gar nicht wissen können, „was Sache ist“, wenn man es ihnen nicht auf den Kopf zu sagt. Mit dem verbalen Vorschlaghammer.

Nun ist man ja auch selber nicht unbedingt vor den Dingen gefeit, die man bei anderen Menschen überdeutlich wahrnimmt. Mir kommt es z.B. so vor, als sei ich heute über eine meiner Superpowers gestolpert, die mir in dieser Form noch nicht so ganz wirklich klar war: Ich kann wohl tatsächlich wirklich jeden in Grund und Boden quatschen, wenn mir danach ist, das Setting stimmt, Vertrauen aufgebaut wurde, etc. – Und zwar auch ziemlich gestandene „Persönlichkeiten des … Lebens“, die ich selber für unendlich viele Dinge bewundere, die ich selber so niemals könnte und wohl in diesem Leben auch niemals in dieser Form können werde.

Es ist erschreckend.

Dabei ist es jetzt, rückblickend, ein Rätsel, warum mir das erst jetzt einigermaßen klar wird. Immer schon klar war mir z.B., „dass die Sprache mein Freund ist“ und dass ich rhetorisch nicht vollkommen unbegabt bin. Auch war mir schon seit Jahrzehnten klar, dass ich, der ich mit einer veritablen Prüfungsangst gesegnet bin, das ganze Zeug nur deswegen irgendwie (und oft richtig gut) hingekriegt habe, weil ich „die Flucht nach vorne“ antrat und anfing, mich um Kopf und Kragen zu reden. Und es hat so gut wie immer funktioniert. Oder auf einer Weiterbildung, ich war Ende zwanzig, habe ich von einer Trainerin das Feedback bekommen: „Sag doch öfter mal was. Mach den Mund auf. Denn wenn du was sagst, hat das meistens Hand und Fuß. Man hört dir gerne zu.“ Und wie man liest, ist das ja irgendwo bei mir hängen geblieben und über die Jahre in Erinnerung geblieben. – Nur die Sichtweise: „Hey, das funktioniert ja wirklich bei so ziemlich jedem! – Ich kann da ja wirklich was!“ war dann heute doch neu für mich.

Keine Ahnung, wie mir das so lange entgehen konnte, obwohl ich das nun schon so lange anwende und damit ganz überwiegend gute Erfahrungen mache

Vielleicht liegt’s daran, dass ich mal unglaublich schüchtern war (und im Grunde meines Herzens natürlich noch immer bin), und dass jene merkwürdige „Superpower“ so gar nicht zu meinem früheren Selbstbild passt? – Egal! Jetzt ist’s mir jedenfalls halbwegs klar. Und vielleicht hilft mir dieses allmähliche Bewusstwerden, das doch ziemlich scharfe Schwert der Sprache etwas behutsamer und schnittsicherer einzusetzen. Schau mer mal.

Denn ob das, was ich da anscheinend kann, nun wirklich eine nützliche Fähigkeit ist und nicht viel eher eine furchtbar destruktive Sache, sei mal dahingestellt. Rhetoric is a bitch.

Für den Moment erfreue ich mich lieber an der neuen, wunderbaren Selbsterkenntnis.