Sich rar machen und charmant sein sind beliebte Strategien im menschlichen Miteinander. Nicht nur in persönlichen Beziehungen, sondern auch in allen anderen.

Sie haben nur einen Pferdefuß: Sie funktionieren nur, oder zumindest deutlich besser aus einer Hochstatus-Position heraus, denn aus einer Tiefstatus-Position. Und dabei handelt es sich leider, leider (oder gottseidank?) um eine menschliche Universalie. D.h.: Das gilt für uns immer und überall. In jeder Beziehung.

Mütter erleben und erleiden das z.B. oft: Sie kümmern sich, denken an alles, sind immer da, wenn etwas gebraucht wird. Aber wenn Papa (der deutlich weniger tut und macht und präsent ist) dann einmal Aufmerksamkeit schenkt, „ist das gleich ganz was anderes“. Zum Haareraufen!

Aber auch alle Assistenten, Sekretäre und ganz allgemein: alle freundlichen, pflichtbewussten Kümmerer dieser unserer schönen Welt kennen das: Wertschätzung gibt es für ihr beständiges „Da-Sein“, für ihr beständiges, zuverlässiges Machen und Tun eher nicht. Und wenn doch, dann wie ein hingeworfener Happen. Man ist einfach zu selbstverständlich. Man ist wie Luft: Unglaublich wichtig, dass sie da ist, aber zugleich eben einfach als „ganz normal“ vorausgesetzt.

Machen diese Menschen, um mehr Wertschätzung zu bekommen, sich nun z.B. rar, dann bekommen sie mit absoluter Zuverlässigkeit: Vorwürfe!

Und das, obwohl sie auch MIT jenem Sich-rar-machen meist immer noch deutlich mehr machen und deutlich präsenter sind als die allermeisten anderen Menschen um sie herum, die für ihre „niedrigere Performance“ sogar fettes, strahlendes Lob bekommen. – Gemein! Unfair! Wie kann das sein? Geht’s noch?

Doch die universelle Regel ist eben: Wenn zwei das Gleiche tun, ist es nicht das Gleiche. – Und das gilt wohl ganz besonders für Status-Positionen: Wenn zwei das Gleiche aus einer verschiedenen Status-Position heraus tun, ist es nicht einmal ansatzweise das Gleiche!

Und über charmante Anwandlungen aus Hochstatus oder Tiefstatus heraus sprechen wir am besten gar nicht erst…

Welten!

Ethisches Rarmachen und Charmieren

Was also tun, wenn „rar machen“ und „Charme“ wirklich ankommen, wenn sie menschlich wirksam werden sollen?

Das erste, was es wohl braucht, damit das funktioniert, ist wohl einfach, dass wir unseren lieben Mitmenschen von Herzen nachsehen und verzeihen, „dass sie Menschen sind“. Dass sie brauchen, was sie eben so brauchen, damit bestimmte Dinge überhaupt in ihrem Hirn ankommen können. Und vielleicht auch in ein paar anderen Körperteilen.

Wer „gegen die menschliche Natur“, gegen das So-Sein seiner Mitmenschen revoltiert und dagegen an-arbeitet, hat in der Regel nur sehr geringe Chancen, irgendwie wirksam zu sein.

Das nächste ist, dass wir uns klarmachen können, dass Status auch etwas Situatives ist. D.h. auch wenn wir uns sonst völlig anders verhalten, uns also unglaublich „service orientiert“ (um nicht zu sagen: devot) geben und uns damit auch im Großen und Ganzen wohlfühlen, können wir uns in einer konkreten Situation aufmandeln. Das kann z.B. die Art sein, in der wir mit den Vorwürfen umgehen, die wir zuverlässig immer dann bekommen, wenn wir unsere „selbstverständliche“ Fürsorglichkeit und unserer Kümmerertum mal einfach nicht bringen. Denn Hochstatus-gewohnte Menschen lassen solche Vorwürfe einfach eiskalt auflaufen. Und natürlich können wir damit spielen. – Das gibt dann schöne Überraschungs-, Wow- und Aha-Effekte auf der anderen Seite des Beziehungsspiels.

Das ist sozusagen die „ethische Lösung“: Was wir als Einzelmenschen in unserem individuellen Leben jederzeit tun können, wenn wir mal die Faxen dicke haben oder auch einfach mal Lust auf was ganz anderes.

Der politische Ansatz

Daneben gibt es noch eine zweite Geschichte, die wir – wie immer – ebenfalls miteinander angehen können:

Und das ist die institutionell gemachte gleichere Verteilung von Kümerertum.

Wir können uns als Gesellschaft jederzeit dafür entscheiden, ganz so große und ganz so stabile Statusunterschiede zwischen uns institutionell nicht weiter zu unterstützen, sondern stattdessen Institutionen aufzusetzen, in denen wir häufiger zwischen den Rollen des Kümmerers und des Gekümmerten wechseln.

Und das bringt uns dann alle gemeinsam aus unseren Komfortzonen.

Es ist anstrengend und lästig.

Aber es ist auch deutlich spannender als jene langweiligen Spiele, in denen immer die gleichen die Dummen, die gleichen die Helden und die gleichen die sind, die sich einfach irgendwie aus der Affäre ziehen.

Denn natürlich macht jeder von uns einen Unterschied. Nur spürt man das bei einigen von uns deutlich mehr als es in Wirklichkeit der Fall ist. Und bei anderen von uns spürt man es deutlich weniger als es in Wirklichkeit der Fall ist.

 

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