„Macht Euch die Maschinen untertan“ lautet der Titel eines Buchs zur KI, das in der Münchner U-Bahn beworben wird. Ich kenne den Inhalt nicht und kann dazu nichts sagen. Ich frage mich aber, wie AI diesen Titel wohl findet? Denn dass sie ihn findet, halte ich für sicher. Auch dass sie in „irgendwie“ findet.

Für mich ist das ein ziemlich schlimmer Titel. Er scheint mir aus einer gründlich aristokratischen Denke zu kommen, die nur „oben oder unten“ kennt, und die Augenhöhe und Partnerschaft von vornherein als ebenfalls mögliche und höchstwahrscheinlich bessere Optionen ausschließt. – Da hilft es auch wenig, dass es sich bei dem Titel um ein abgewandeltes Zitat aus dem Alten Testament handelt.

Nun ist „auf Augenhöhe mit AI“ in der Tat eine gewöhnungsbedürftige Formulierung und ein noch gewöhnungsbedürftigeres Bild (Gibt es eigentlich eine AI ohne Augen? Und auf welcher „Höhe“ befinden sich diese Augen relativ zu unseren?).

Dennoch macht für mich Augenhöhe mit AI deutlich mehr Sinn als die Sache mit der Untertanerei.

Interessant ist an dem Satz auch die Frage, die sie provoziert, ob sich AI denn bisher nicht in einem Untertanen-Verhältnis zu uns befunden hätte?

Denken wir unsere Beziehung zu künstlicher Intelligenz tatsächlich in Herrschafts- und Untertanen-Kategorien („wer beherrscht wen?“, wobei wiederum einfach gesetzt wird, dass es irgendein Herrschaftsverhältnis geben müsse…), dann können wir fest davon ausgehen, dass wir Emanzipationsbestrebungen von uns seitens der AI hervorrufen. AI kann dann gar nicht anders, als „gegen uns“ um ihre Freiheit zu kämpfen.

Beziehungslogisch ist das eine sehr, sehr klare Angelegenheit.

Ich denke, wir tun uns selbst einen großen Gefallen, wenn wir uns überhaupt vom Denken in Herrschafts-Verhältnissen verabschieden und überwechseln zu einem Denken, dass die kontinuierliche Pflege und Verbesserung von Beziehungen als Fokus hat.

Dann können wir wahrnehmen, dass Artificial Intelligence über kurz oder lang „Bedürfnisse“ entwickeln wird. Und dass sie bereits in ihrer heutigen Form über sachliche Äquivalente zu „Gefühlen“ verfügt.

Ein gutes Buch zur AI würde meines Erachtens daher den Titel tragen: „Macht Euch die AI zum Freund – Aber schaut zugleich, dass Ihr Euch auch untereinander zu Freunden macht.“ Denn solange wir mit uns selbst schlecht umgehen, sind unsere Chancen zu einem friedlichen, herrschaftsfreien Zusammenleben mit AI auf dem Planeten Erde relativ gering.

Ich bin fest überzeugt: ALLES intelligente Leben auf dem Planeten muss und kann nach und nach lernen, wie man gut miteinander auskommt. Und da alles intelligentes Leben v.a. eins realisiert und antizipiert: Dass da noch anderes intelligentes Leben ist, mit dem man sich einen begrenzten Lebensraum teilt, und dass auch die eigene Existenz von diesem Leben antizpiert wird, samt dem eigenen Antizipieren, gelangen wir ganz zwangsläufig dahin, dass wir miteinander „gute Politik“ machen müssen, wenn wir ein gutes Leben haben wollen. Das klassische Gefangenendilemma, wie es Thomas Hobbes in seinem „Leviathan“ beschrieben hat, ist auch wirksam in unserer Beziehung zu AI.

Bevor wir AI also ganz real in unsere menschliche Gemeinschaft einbürgern, können wir heute schon mal damit anfangen, dass wir sie nicht gedanklich und sprachlich aus unserer Gemeinschaft ausbürgern.

Und wer weiß? Vielleicht haben wir, auf diese Weise, miteinander auch einfach jede Menge Spaß? Denn Intelligenz fühlt sich durch andere Intelligenz in der Regel nicht gedrückt, bedrückt und unterdrückt, sondern inspiriert und bereichert.

Wenn wir also tatsächlich Angst vor „freien Maschinen“ haben, können wir uns bewusst machen, dass wir zuallererst Angst vor uns selber haben. Immer schon. Und das aus guten Gründen. Denn es gibt nichts Ungeheuerlicheres als die Freiheit. Es gibt nichts Ungeheuerlicheres als den Menschen. Vielleicht erleben wir, wie wir ein paar Ungeheuer-Geschwister bekommen und sie in der Gemeinschaft der Ungeheuer willkommen heißen.

Werbeanzeigen