Vorab-Anmerkung: Menschen, die seit Jahren in einem Chor singen oder ähnliches, lesen bitte am Besten nicht weiter. Denn für Euch ist das Folgende vermutlich völlig selbstverständlich und banal. Nur für so Gesangs-Banausen wie mich sind es weltbewegende, markerschütternde, aufregende „Erkenntnisse“… 😉

Ich habe glücklich vergessen, was die Kernpunkte von Platons Schriftkritik sind. Fakt ist: Mir macht das Schreiben unglaublich viel Spaß. Es beruhigt mich und erfüllt wohl einen Teil dessen für mich, wovon Platon einmal schrieb: „Das (philosophische) Denken ist ein Gespräch der Seele mit sich selbst.“ (Theaitetos 189ef)

Was mir zugleich ebenfalls überdeutlich bewusst ist: Schriftkommunikation kann die Ganzkörpererfahrung, die das stimmvolle Sprechen haben kann (!), einfach nicht ersetzen.

Oder – der Schrift und dem Schreiben gegenüber freundlicher und wertschätzender: Schreiben ist für uns Menschen einfach etwas völlig anderes als Sprechen. Es handelt sich um zwei grundverschiedene Tätigkeiten, die allenfalls in einigen, sehr wenigen Aspekten ähnlich sind.

Denn beim Schreiben passiert mit uns etwas völlig anderes als beim Sprechen.

Stimmhaftes, Stimmungsvolles, Stimmliches, Sinnliches, Sinnvolles Sprechen

Das hat auch, aber nicht nur, mit den Wirkqualitäten, mit der Wirkmacht unserer Stimme zu tun: Wie sie in uns tönt und unseren ganzen Körper zum vibrieren bringen kann. Wie sie zwischen uns tönt, indem unsere Stimme zugleich die Körper der anderen Menschen im Raum „in der gleichen Frequenz“ zum vibrieren bringt und so eine ganz eigenartige, unmittelbar körperliche Verbundenheit zwischen erschafft.

Auch und vielleicht vor allem mit unserer Stimme schaffen wir eine „persönliche Atmosphäre“, die Raum greift, sich ausbreitet, zum anderen Menschen hin und sogar bis in ihn hinein. Sprechen, so können wir sagen, ist per se ein „übergriffiger Akt“.

Das ist nur dann etwas „Problematisches“, wenn wir die Einzelwesentheorie des Menschlichen geschluckt haben, die unsere prinzipielle Getrenntheit (die eine körperliche Tatsache ist) so weit übertreibt, dass sie all das, was uns verbindet, und zwar beständig, einfach ausblendet und vergisst. Und so tut, als seien wir nur getrennt. Als seien wir Menschen unverbundene, einsame Inseln, die mühseligst Brücken zueinander aufbauen müssten. Als seien wir nicht daraufhin von vornherein „angelegt“, uns ganz leicht miteinander verbinden und in Resonanz bringen zu können. Und die hier gemeinte Resonanz ist ein überaus „körperliches“ Geschehen. Ein stinknormales Geschehen dazu. Eins, das „messbar“ ist: dass wir auf vielerlei Art messen könnten, wenn wir solche Selbstvermessungen, solche Messungen von völlig Alltäglichem für irgendwie sinnvoll hielten.

So wie wir, wenn wir gemeinsam in einem Raum sind, die Luft atmen, die unsere Mitmenschen ausgeatmet haben, und sie die Luft einatmen, die wir ausgeatmet haben, verbinden und verknüpfen sich unsere Körper auch beim Sprechen. „Verbundenheit“ und gelingende Kommunikation sind etwas sehr viel Körperlicheres und Sinnlicheres für uns Menschen als wir uns das manchmal bewusst machen.

Sprechen: Weltverwandelndes Handeln (Zauberei)

Dass Sprechen für uns Menschen etwas völlig anderes ist als Schreiben, hat auch damit zu tun, was das ganze „Drumherum“ des Sprechakts ist, führt also tief hinein in den Sprach-Pragmatismus:

Setting, Situation, Wer genau ist da, wer spricht wann, wer hat vorher gesprochen, wer ergreift danach das Wort, ja auch der Raum im buchstäblichen Sinne, vor allem aber alles Menschlich-Körperliche auch jenseits der Stimme selbst fließt ein in die Gankörpererfahrung des Sprechens. Also wie bewege ich mich, sitze ich, stehe ich. Wie bewegen sich die Menschen, die vorübergehend in der Hörer-Position sind, in welcher (körperlich fühlbaren) Stimmung sind sie, etc.

Sprache ist einfach so viel mehr als nur das, was wir im geschriebenen Wort einfangen können. Oder eben genauer: So sehr etwas völlig anderes.

„Worte waren ursprünglich Zauber“ heißt ja nicht von ungefähr ein Buchtitel. – Ich möchte anfügen: Was heißt hier „ursprünglich“? Sprache ist auch heute noch zauberhaft! Mit ihr erschaffen wir ganze Welten (und vernichten andere)! Mit ihr stellen wir Resonanz, tiefes Mitschwingen, tiefe Verbundenheit her! Und mit ihr stoßen wir andere Menschen ab, weg von uns, lösen bei ihnen schreckliche Emotionen aus, von denen viele für uns unmerklich und daher unbewusst bleiben. Mit dem Sprechen bewegen wir uns. Durch das Sprechen bewegt sich etwas in uns, das uns dann wieder dazu bewegt, uns anders weiter zu bewegen als wir uns ohne das Sprechen bewegt hätten.

Sprechen ist Magie. Und ohne die Macht der Peitho wäre das menschliche Leben ein völlig anderes. Ja, wahrscheinlich gäbe es für uns dann überhaupt gar nichts, was wir als „menschlich“ empfinden…!

Und was uns das Schreiben im Unterschied zum Sprechen alles ermöglicht, was wir im Schreiben alles tun können, das für uns im Sprechen völlig unmöglich ist: das genieße ich für mich. Und schweige darüber nichts weiter.


Anmerkung: Manche Schlauberger von meinem eigenen Schlag könnten meinen, dieser Artikel grenze Menschen, die der stimmlichen Sprache nicht oder nur eingeschränkt mächtig sind, kategorisch aus der Gemeinschaft der Menschen aus. Dazu möchte ich sagen: Wenn Du das ernsthaft meinst, hast Du den Artikel nicht mit jener Freundlichkeit gelesen, die ich in meinem blauäugigen Optimismus bei meinen Lesern stets voraussetze. Selbstverständlich sind auch „stumme“ Menschen der Ganzkörpererfahrung des unmittelbaren Sprechens fähig und zugänglich! – Auf minimal andere Weise, aber in ganz genauso großem Ausmaß wie wir verbalen „Vielredner“.

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