Ich bin ja jemand, der sich zeitlebens am Rand von Gruppen deutlich wohler gefühlt hat als in ihrem Zentrum. „Verantwortungsscheu“ kann man das nennen. Oder vielleicht auch: Geschlagen mit einem übergroßen Bewusstsein über die Problematik von „Verantwortungsanmaßung“.

Es ist aber auch nicht unbedingt asketische Enthaltsamkeit, die mich dazu treibt. Außenseitertum hat nämlich auch viele Vorteile. Sie hat ihre Lüstchen genauso wie ihre Problemchen.

Z.B. habe ich es immer sehr genossen, dass das eigene Außenseitertum einem große Vorteile beim Kontaktaufbau zu anderen Menschen bietet. Nicht nur dass man (wenn man es darauf anlegt) deutlich interessanter und aufregender wirken kann als angepasste Zentralinge. Es ist auch deutlich leichter, zu allen anderen Arten von Außenseitern schnell einen sehr guten Kontakt herzustellen, wenn man das möchte. – Und wie wir wissen gehört ja heute so ziemlich jeder Mensch zu gleich mehreren „Randgruppen“. Bezogen auf die Gesamtgesellschaft ist jedes menschliche Individuum gleich in mehreren Hinsichten „in der Minderheit“.

Und selbst wenn man es gruppenbezogen mit einem waschechten, lupenreinen Zentraling zu tun hat, hat man als Außenseiter gerade dieser Gruppe keinerlei Nachteile beim Aufbau von gutem Kontakt. Denn Zentrumsbewohner haben klare Codes und Umgangsformen, auf die man sich beim Kontaktaufbau verlassen kann. Man muss nur Lust haben, damit zu spielen.

Außenseitertum punktet auch klar durch die Möglichkeit eines klareren Blicks auf das Ganze der Gruppe. Paradoxerweise ist dieser Blick gerade vom Zentrum aus besonders stark verzerrt und vom Rand her besonders klar und unvernebelt. Der Grund für diese „Nebel“ und „Verzerrungen“ sind die Mechanismen der „bedingten Zugehörigkeit“ zu Gruppen: Um dazu zu gehören, und ganz besonders, um möglichst nah am Zentrum dazu zu gehören, muss man die Dinge auf eine ganz bestimmte Weise sehen. Die Verzerrung ist die Eintrittskarte zur Gruppe. Und der Nebel wird um so größer, um so näher man sich an das Zentrum heranwanzt (oder dort hineingeboren ist).

Das Leben in der Zentrale bringt also neben allerlei (gruppeninternen) Privilegien, Bequemlichkeiten und Erfahrungen auch etliche Tücken und Nachteile. Und so gut wie alle Zentralen unserer Welt tun sich selber einen riesengroßen Gefallen, wenn sie sich „etwas lockerer machen“.

Das Bild vom Außenseiter ist dennoch in der Regel geprägt von Zentrumsbewohnern. Denn Außenseiter selber beschreiben sich nur selten selbst als „Außenseiter“. Sie bilden vielmehr ihr ganz eigenes kleines „Zentrum“ und beschreiben sich im Bewusstsein ihrer eigenen Zentriertheit als „Wanderer zwischen den Welten“.

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