Ich bin mir nicht ganz sicher, ob es schwer oder leicht nachvollziehbar ist, wenn jemand behauptete, ein Großteil unserer heutigen Probleme käme daher, dass die Gesellschaft heute einfach keinen Ort hat, an dem sie zusammenkommt.

Wohl begegnen sich viel diese oder jene von uns, in dieser oder jener Absicht. Aber die Gesellschaft als Gesellschaft kommt nirgendwo zusammen.

Und eine Gesellschaft, die nie zusammenkommt, hat eben auch nur einen sehr losen Zusammenhalt, eine lose Verbindlichkeit und auch nur ein sehr loses Verständnis für sich selbst.

Wie aber bringt man heutzutage „die Gesellschaft“ zusammen, d.h. in einer liberalen, differenzierten Großgesellschaft, in der jeder von uns seine eigene (sehr verschiedene) Agenda hat, die meiste Zeit über sogar mehrere Agenden?

Die Antwort kann eigentlich nur lauten:

a) mit der Zeit, d.h. nicht auf einmal, sondern nach und nach. – Es sei denn, wir finden doch noch auf unserem Planeten einen Ort, an dem sich mehr als 8 Milliarden menschliche Wesen versammeln und begegnen und sinnvoll miteinander austauschen können.

b) durch das Losverfahren. – Denn ohne das Losverfahren begegnen sich dann eben doch immer nur wieder bestimmte Menschen, aber eben nicht „die Gesellschaft“.

Regelmäßig durchgeführte Losverfahren, in denen wir uns politisch austauschen, beraten und entschließen, sind im Grunde die einzige Möglichkeit, heute noch die ganze Gesellschaft zusammen zu bringen und gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stiften.

Alle Alternativen, die ich kenne, sind entweder autoritär, d.h. sie vernichten die Diversität und Liberalität der Gesellschaft (und haben genau deswegen auch keinen Bestand), oder sie sind „Mogelpackungen“. D.h. sie behaupten vielleicht zwar, die Gesellschaft zusammen zu bringen, beim näheren Hinsehen ist aber sehr schnell klar, dass dort gerade nicht die Gesellschaft zusammenkommt, sondern wiederum nur Bestimmte.

Natürlich gibt es auch noch die Alternative, die sagt: „Die Gesellschaft zusammenbringen – Wozu DAS denn? Wofür soll das gut sein? Brauchen wir das wirklich?“

Aber solche Fragen stellen eigentlich nur Menschen, die völlig zufrieden mit der heutigen Gesellschaft sind. Und zumindest ich treffe in meinem, natürlich völlig unrepräsentativem, Alltag nie solche Menschen. Aber vielleicht haben Sie in Ihrem Alltag ja lauter Menschen um sich, die mit dem derzeitigen Zustand unserer Gesellschaft völlig zufrieden sind. Dann können Sie das mit dem „die Gesellschaft zusammen bringen“ einfach vergessen. Dann können Sie das mit der Einführung regelmäßiger, geloster Bürgerversammlungen einfach als Zeitverschwendung abtun, die schlicht überflüssig ist.

Denn es geht ja auch so, ohne dass wir zusammenkommen, ohne dass wir uns immer wieder neu kennen lernen.

Eins kann uns jedoch klar sein: Solange nirgendwo die Gesellschaft als Gesellschaft zusammenkommt, kann jeder von uns, jede kleine, partikuläre Gruppe ganz leicht behaupten „für die Gesellschaft“ zu sprechen, die Gesellschaft „hinter sich zu haben“. Und wenn sie nur laut genug brüllt und kampagniert, kann es auch ganz leicht erscheinen als wäre dem so. Als würde diese kleine laute Gruppe „für die Gesellschaft“ sprechen.

Denn woher, von welchem Ort her sollte je die Gesellschaft, die ja nie als solche zusammenkommt, solchen Partikulargruppen widersprechen? Da ja ein solcher Ort nicht existiert?

Eine Gesellschaft, die nicht zusammenkommt, wird IMMER von Partikularinteressen „gehijackt“, gekapert, besetzt, okkupiert. Sie kann sich gegen solches Partikularinteresse, das sich für Gemeinwohlinteresse ausgibt, nicht wehren. In einer Gesellschaft, die nie zusammenkommt, ist das Gemeinwohl stets nur reine Behauptung. Das Gemeinwohl ist in ihr keine eigene Kraft. Dort wo eine kraftvolle Stimme der Gesellschaft sein könnte, ist stattdessen eine Leerstelle. Und in diese Leere dringen alle möglichen Teilgruppen vor und besetzen sie. Und plustern sich auf als wären sie das Ganze. Als wäre ein Teil das Ganze.

Und so steht gegen die eine Teilgruppe eine andere Teilgruppe auf. Und dann eine dritte gegen beide. Und so weiter. Es tritt immer NOCH eine Partei auf. Und dann immer noch eine. Und noch eine. Und alle bekämpfen alle. – Aber es entsteht so niemals eine Zusammenkunft der Gesellschaft. Die Negation der Negation der Negation ist in diesem speziellen Fall keine Affirmation des Ganzen. Keine Affirmation der Individualität aller und unseres Willens, gemeinsam neue Wege miteinander zu finden.

Das können wir heute sehr leicht wissen. Weil wir es täglich erfahren, erleben und erleiden.

 

 

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