Einer der größten Mehrwerte, die geloste Bürgerversammlungen hervorbringen, sind menschliche Überraschungen. Erst wenn wir uns mit „den ganz anderen“ in einem Raum sitzen und uns mit ihnen über konkrete Themen konstruktiv auseinandersetzen, realisieren wir, dass diese „ganz anderen Menschen“ ganz anders sind als wir sie uns vorgestellt haben: Wir realisieren dann, dass sie uns in einigen Punkten viel ähnlicher sind, als wir immer gedacht haben. Und wir realisieren, dass sie sich in einigen Punkten sehr viel stärker von uns unterscheiden, als wir immer gedacht haben. Vor allem aber realisieren wir, dass die medialen Bilder, die wir von diesen Menschen haben, der Realität dieser Menschen nicht einmal ansatzweise gerecht werden. Das ist keine Schuld „der Medien“. Medien können nur einfach keine menschlichen Realitäten vermitteln. Sie sind von unserer Erwartung überfordert, das ersetzen zu können, was bei unmittelbaren Begegnungen zwischen uns Menschen von ganz alleine, auf ganz einfache, „natürliche“ Weise geschieht.

Auf gelosten Bürgerversammlungen überrascht sich also die Gesellschaft selbst. Wir überraschen uns, wechselseitig. Indem wir dort wahrnehmen, dass die Probleme heutiger Menschen deutlich vielschichtiger und größer sind, als wir sie bisher in unserem Kopf gemacht haben. Dass aber zugleich auch die Menschen selbst wesentlich tapferer, ethischer, klüger, vernünftiger und empathischer sind als wir sie uns sonst immer denken.

Es ist keine gute Idee für eine Gesellschaft, auf diese beständige Überraschung zu verzichten.