Es gibt nur wenige Zentralen, die sich selber als das Problem begreifen, das sie sind. Eine der wenigen Ausnahmen: Bei dm drogeriemarkt ist das vor Jahren mal passiert. Oder bei Allsafe Jungfalk ist überdeutlich spürbar, dass „die zentrale Gestalt“, der Geschäftsführer Detlef Lohmann, das Problem sehr klar erfasst hat, das daraus entsteht, dass es eine zentrale Gestalt (samt angehängtem Exekutiv-Apparat) gibt. – Und ein paar stimmige Antworten auf das Problem gefunden hat, das er selber darstellt, die in der Praxis recht gut zu funktionieren scheinen.

Denn normalerweise passiert etwas völlig anderes, in und rund um „Zentralen“. Aus der gewohnten Sicht der Zentrale bestehen alle Probleme des Ganzen außerhalb der Zentrale. Alles Problematische ist aus ihrer Sicht sozusagen „um sie herum gelagert“ und will „gemanagt sein“.

Mit anderen Worten: Zentralen tendieren dazu, sich selbst als reine Lösung zu begreifen, aber niemals selbst als Problem. In der Zentrale hält man immer nur das Drumherum für problematisch, aber niemals sich selbst. Man glaubt eine Lösungsgenerierungsmaschine zu sein und übersieht darüber die Probleme, die man „kraft der eigenen Zentralität“ systematisch produziert. Am Fließband. Zentralen sind unbewusste Problemerzeugungsmaschinen.

Die Sichtweise: Klare Trennung zwischen Zentrale (Lösungen) und Peripherie (Probleme) wirft unweigerliche Folgeprobleme auf: Die Vernetzung von Zentrale und Peripherie nimmt auf diese Weise mit der Zeit immer weiter ab. – Wenn dem nicht aktiv und entschieden entgegengewirkt wird, also die Vernetzung und Durchmischung von Zentrale und Peripherie ganz bewusst, intensiv und regelmäßig betrieben und gepflegt wird.

Oder noch entschiedener: Wenn das Zentrum sich systematisch für die Peripherie öffnet und sich ganz bewusst von ihr „einnehmen lässt“. Die Peripherie wandert dann in der Zentrale ein und aus. Aber nicht, um „Bericht zu erstatten“. Sondern um den Ton zu setzen, der das Ganze in die richtige Schwingung versetzt.

Die Zentrale kann das Problem, das sie selber ist, nur lösen, indem sie die Peripherie systematisch tonangebend werden lässt und sie in ihre politische Verantwortung nimmt. Indem sie nicht „an ihrer Stelle“ oder „für sie“ Politik macht. Sondern indem sie es der gesamten Peripherie ermöglicht, selbst die Politik zu machen. Indem die Zentrale sich ganz bewusst nicht als „Dirigent“ begreift, sondern als Resonanzraum aller Teile der PeripherieDenn nur so kann ein stimmiges Konzert des Ganzen zustande kommen, das nicht voller Disharmonien ist. Nur so stärken sich die Teile des Ganzen und schwächen sich nicht gegenseitig. – Und nebenher das Ganze.

Doch das geschieht eben nur dort, wo das Zentrum sich selbst, seine eigene Getrenntheit, Abgespaltenheit und Abgeschiedenheit als „Problem an sich“ erlebt und begreift. – Als das größte aller Probleme, die das Ganze: die ein System, eine Gruppe, eine Gesellschaft haben kann.

Denn die die Peripherie ermächtigende Vernetzung von Zentrum und Peripherie fühlt sich in der Position der Zentrale nicht nur wie ein „Kontrollverlust“ an, sondern viel eher noch wie ein „Zusammenbruch des ganzen Systems“. Also völlig unverantwortlich. Der Anfang vom Ende. Auf keinen Fall kann man das zulassen! Auf keinen Fall sollte man auch nur daran denken, einen Schritt in diese Richtung zu machen!

Man sieht in der Zentrale bereits die Straßen brennen, wenn man den Gedanken auch nur ins Auge zu fassen versucht. Bzw. man hört die überdeutlich hallenden Schritte des Insolvenzverwalters, die wie ein sicheres Echo aus der Zukunft hinein in die Gegenwart der Zentrale hallen. Überdeutlich hören wir jene Schritte an dem Ort, an dem die wichtigen Entscheidungen fallen! Unter sehr wohl durchdachtem Ausschluss der völlig ahnungslosen Peripherie! Können die ja nichts dafür, dass sie nichts von der Bürde der Verantwortung ahnen, die wir hier in der Zentrale minütlich schultern! Sie können es ja gar nicht wissen, was wir hier täglich alles tun und erleiden! Unter tausend Zumutungen und Ungewissheiten!

Aus Sicht der Zentralen dieser Welt gefährdet eine größere, intensivere, regelmäßigere und egalitärere Vernetzung der Peripherie mit dem Zentrum die Operationsfähigkeit des gesamten Systems. – Und damit „das Überleben des Systems“ überhaupt.

Im Zentrum glauben wir daher so gut wie immer, wir würden „das System beschützen“, indem wir das Zentrum vor den Perspektiven, Erfahrungen, Ideen und Wünschen der Peripherie abschotten und das Zentrum möglichst elitär und unzugänglich gestalten.

Sind wir Teil der elitär gestalteten Zentrale, dann ist es für uns wirklich nur sehr schwer einzusehen, inwiefern die abgeschottete Zentrale selbst das mit Abstand bedrohlichste Problem des Systems ist. – In der Peripherie weiß man hingegen so gut wie immer darüber Bescheid und gibt auch freizügig Auskunft über die absehbaren Konsequenzen dieser katastrophalen Getrenntheit.

Im Grunde ist es offensichtlich, dass eine erhöhte Konnektivität dem ganzen System gut tut. Auch der Zentrale und dem, was sie irrtümlich glaubt „verantworten zu müssen“. Dem, wofür sie sich „verantwortlich fühlt“: Dem großen Ganzen.

Aber genau von jenem großen Ganzen, genau davon weiß die Zentrale eben nichts. Nur weiß sie nicht, in welchem Ausmaß sie davon nichts weiß. Sie fühlt sich in aller Unwissenheit einfach dennoch dafür verantwortlich. „Wer soll es denn sonst machen? Irgendjemand muss es ja machen! Dafür werden wir doch bezahlt! – Oder? Oder…!?“

Ausnahmen von dieser Unbewusstheit gibt es zwar immer wieder. Jedoch sind diese Ausnahmen stabil selten, und diese Stabilität lässt die Erwartung eines großflächigen „Systemwandels“ als reines Wunschdenken erscheinen.