Wie vielleicht einige bemerken, die mehr von meinen Texten lesen (mein aufrichtiges Beileid an dieser Stelle!), ringe ich für mich viel um die Begriffe des „Positiven“ und „Negativen“. Und kann mich dabei nicht entscheiden, ob ich nun ein besonders positiver oder gerade ein besonders negativer Mensch bin, oder, was am wahrscheinlichsten und ernüchterndsten ist: Gar nicht mal sowas Besonderes…

Wie bei allem, so scheint auch bei der Negation und der Affirmation die „Balance“ keine ganz schlechte Idee zu sein. Wobei jene merkwürdige aristotelische Idee von der Mitte („die Mitte ist kein Kompromiss zwischen zwei Extremen, sondern ein Drittes, das auf einer ganz anderen Ebene liegt als auf der direkten Linie zwischen den beiden Extrempunkten“) zugleich furchtbar langweilig daher kommt.

Das Spiel von Affirmation und Negation kann aber auch ziemlich interessante Formen annehmen. Z.B. kommt für mich persönlich der folgende, junge Gedanke einer Riesenentdeckung gleich: „Du kannst alles affirmieren, Du kannst alles tun, alles ist erlaubt, solange Du mit Deiner negativen Intuition aka Gewissen wirklich gut verbunden bist.“

Ja, mit uraltem Zeug konnte man mich schon immer ziemlich beeindrucken.

Dieses sokratische Prinzip ähnelt erschreckend einer anderen Unglaublichkeit, die ich bei Frank Farrelly gefunden habe, der ein Meister der Negation durch Affirmation war.¹

Diese andere Unglaublichkeit ist so …, dass ich persönlich mich fast scheue, sie hinzuschreiben. Und im Hinschreiben von allem Möglichen bin ich sonst völlig hemmungslos. Hier also zur Abwechslung mal ein Satz, den ich so richtig fürchte:

Farrelly, seines Zeichens Spross einer katholischen, irischen Großfamilie, formulierte sinngemäß: „Du darfst alles, wenn Du sicher bist, dass Du auf Seiten der Engel stehst.“

Gut, alle die eine Esoterik-Allergie haben, sind jetzt raus. Schade drum. Denn dieser Satz ist völlig unesoterisch gemeint.

Das für mich Schreckliche an jenem Satz ist vielmehr die offen ausgesprochene Annahme, wir könnten uns überhaupt einmal in einer Situation absolut sicher sein, „was zu tun und was zu lassen ist“.

Dass ich vor diesem Satz zurückschrecke, hat selbst wiederum eine stark absurde Note. Denn erstens ist es oft faktisch der Fall, dass wir uns tatsächlich absolut sicher sind, was hier gerade richtig und was hier gerade falsch ist. Und zweitens ist dieser Satz eine Grundlage der kantischen Ethik, die man heutzutage beinahe schon als common sense voraussetzen kann. Auch der olle Kant ging davon aus, dass unser Problem in den meisten Situationen nicht unbedingt darin besteht, das Richtige zu erkennen, sondern es zu tun. Auch er ging von einem moralischen Kompass aus, der bei den allerallermeisten von uns zur absoluten Standardausrüstung gehört. Ab Werk.²

Warum fürchte ich den „Auf-Seiten-der-Engel“-Satz dennoch? Nunja. Wie wohl den meisten Menschen kommt es auch mir so vor als hätten viele Menschen angenommen, sie stünden ganz klar auf der richtigen Seite, die dann gerade aufgrund dessen („der Zweck heiligt die Mittel“) die allerfurchtbarsten Dinge getan haben, die wir Menschen anderen Menschen antun können.

Aber vielleicht ist das eine negativ-naive Annahme. Denn jene Menschen, die sich zum Herzlosesten und Grausamsten haben hinreissen lassen, was wir Menschen tun können, waren wohl innerlich nicht wirklich so „zweifellos“ wie jener Engel-Satz es voraussetzt.

Vielmehr dürfte es sich um Zweck-Ideologien gehandelt haben, mit denen sehr viel innere Unsicherheit überspielt wurde. Also Glaubenssätze, die unsere eigene psychische Unsicherheit zudecken sollten, die diese Unsicherheit aber niemals auflösen.

Das Teuflische beginnt nämlich möglicherweise genau dort, wo wir in Erwägung ziehen, dass wir „in Wahrheit“ Teufel sind. Selbstzweifel sind aller Laster Anfang.

Es scheint also von nicht ganz unbeträchtlicher Bedeutung für die Einschätzung des Engel-Satzes zu sein, woran genau wir zweifeln und aus welchem Antrieb heraus.

Zu den beiden Kalenderspruchweisheiten:

Es gibt nichts Gutes außer man tut es

Und:

Es gibt nichts Schlechtes außer man lässt es

Kommt also möglicherweise noch hinzu:

Engel begegnen in Teufelsgestalt, Teufel begegnen in Engelsgestalt. – Wer vermag schon zu sagen, was was und wer wer ist? Nachdem sich nun die Engel als Teufel verkleiden, die sich als Engel verkleidet haben? Und die Teufel als Engel, die sich als Teufel verkleidet haben? Wissen sie alle in dieser allgemeinen Maskerade eigentlich selbst noch so ganz genau, wer und was sie jeweils gerade sind? Und woher?

Soviel ist sicher: Wir sind einer überaus komplexe, und damit spannende, Spezies. Langweilig wird uns miteinander SO ganz sicher NICHT.

Und da haben wir über jene Situationen noch gar nicht gesprochen, die uns dazu bringen, Dinge zu tun, die wir später, rückblickend, in keine unserer vielen Ethiken mehr integrieren, sondern nur noch verdrängen können.

Und auch nicht über die menschliche Gestaltbarkeit von menschlichen Situationen. Darüber, wie leicht oder schwer wir es uns selbst machen, unsere Situationen anpassen zu können, Situationen, die uns dann wiederum dazu bringen, uns kooperativer oder weniger kooperativ zu verhalten. Ob wir also unsere „Gesetze“ ganz bewusst absolut setzen und sie in irgendeinen Sternenhimmel hängen, wo sie möglichst weit entfernt und unserem Zugriff entzogen sind³, einfach deswegen, weil wir unserer eigenen moralischen Natur so sehr misstrauen, oder ob wir unsere Gesetze bewusst sehr nah bei unserem Herzen aufbewahren, jederzeit zugriffsbereit, nur für den Fall, dass es vielleicht nötig werden sollte, unsere Gesetze zu unser aller Besten anzupassen.

 


¹ Ein Teil von Farrelly’s Praxis war: Man kann Menschen durch nichts so wirksam und nachhaltig zum Negieren ihrer eigenen liebgewonnenen Gewohnheiten und Gewissheiten bringen wie dadurch, dass man ihnen übertrieben überschwänglich, wortreich, nachdrücklich und vor allem freundlich zustimmt. Also affirmiert. Genauer: Ihr Eigenes noch um einiges entschiedener affirmiert als sie es selbst bereits tun. Denn dann rudern wir Menschen gaaaaaaanz schnell wieder zurück in die Fahrwasser des halbwegs Vernünftigen.

Damit sich diese Wirkung einstellt muss man in seinen „Übertreibungen“ allerdings in vielen Fällen weit ins Absurde gehen… …und noch darüber hinaus. 😉

 

² Damit gebührt Kant die uneingeschränkte Ehre, die unpraktischste aller praktischen Philosophien fabriziert zu haben, die überhaupt denkbar ist: Sie möchte lieber absolut sicher erkennen, was gut ist, als das Risiko einzugehen, einem halbwegs guten Tun Schubkraft zu geben, das mit der schrecklichen Rest-Gefahr des Unethischen behaftet sein könnte. „Auf gar keinen Fall etwas Falsches bekräftigen!“ ist ihre oberste Maxime. Und das selbst dann noch, nachdem sie erkannt zu haben glaubt, dass wir uns niemals wirklich sicher sein könnten, „aus gutem Willen zu gehandelt zu haben“, sondern lediglich darüber, welche theoretische Form es haben würde, wenn es uns doch einmal zufällig zugestoßen wäre, „moralisch gut“ gehandelt zu haben: Eine Ethik im praktischen Konjunktiv, mit größtmöglicher theoretischer Relevanz. Wir wissen nun, dass wir uns unserer eigenen Güte niemals sicher sein können, aber das wissen wir nun sicher!

Das alte platonische, stoische, augustinische Misstrauen in uns Menschen saß dem armen alten Kant wirklich sehr, sehr tief im Nacken. Die Angst sich zu beflecken und die eigene kleine Seele mit pfui! den eigenen und fremden, in jedem Fall furchtbar ekligen Körpersäften zu bekleckern, diese Angst trieft der kantischen Philosophie aus jeder Pore. Entsprechend schnell hat sich dann de Sade zum Oberkantianer aufschwingen können. Eine Philosophie, die die so überaus offensichtliche Schwächen hat, von allen ethischen Stärken und Schwächen des Menschengeschlechts mit Vorsatz abzusehen, ist eben ein sehr williges, unschuldiges, verführerisches Opfer für spannende Affirmationen und Negationen. Wir lernten daraus: Ethik darf deutlich tiefer mit beiden Händen in den Eingeweiden des Menschlichen wühlen, als sich Kant das jemals hätte vorstellen können. Das Streben nach asketischer Reinlichkeit und menschliche Ethik haben seither nie wieder glücklich zueinander gefunden (Wenn, dann ist es eher so eine Art On-Off-Beziehung). Und das ist natürlich Kants Verdienst.

 

³ Aus diesem Grund hat sich Solon nach seinen Gesetzesreformen ganz bewusst 10 Jahre freiwillig ins Exil begeben. Seinem politischen Reformwerk genützt hat dieser „Entzug“ freilich nicht sonderlich viel. Es war mehr eine Verlegenheitslösung. Eine unvermeidliche Verlegenheit, bevor die Demokratie erfunden war, die dann mit dem gleichen Problem deutlich eleganter – und konsequenter – umging: Die Demokratie stellte von „Eunomie“ auf „Isonomie“ um.

Die Demokratie entzieht überhaupt dem Streit darum, „was gut ist“, seine Sachgrundlage, indem sie behauptet, dass das, was als Ergebnis ganz bestimmter Verfahren herauskommt, das bestmenschenmögliche sei. Und das zentrale Merkmal jener Verfahren ist eben: Alle kommen zusammen, alle haben Rederecht und Beitragspflicht. Und werden dabei voneinander als gleich wichtig und gleich wertvoll anerkannt.

Die Demokratie ist für die Frage nach dem Guten eine sehr konsequente und auch radikale Lösung. Und sie funktioniert nachgewiesenermaßen. Das haben ihr die Philosophen nie so richtig verziehen.

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