Die Moderne hat sich angewöhnt, die Leben von Menschen folgendermaßen zu unterteilen:

Privatleben | Berufsleben

Die Unterscheidung kann so betrachtet werden, als orientierte sie sich an Folgendem:

Privatleben: Wir dienen überwiegend unseren eigenen Bedürfnissen | Berufsleben: Wir dienen überwiegend den Bedürfnissen anderer Menschen

Sofort flackern 1000 Ausnahmen auf, in beiden Bereichen. Auch im Privatleben dienen wir oft den Bedürfnissen anderer Menschen. Und auch im Berufsleben dienen wir oft eher unseren eigenen Bedürfnissen als denen unserer Kunden oder „Dienstherren“. Das kann sogar als geradezu erstrebenswert eingeschätzt werden.

Nichtsdestoweniger ist die Unterscheidung in Privat- und Berufsleben eine der Hauptunterscheidungen des menschlichen Lebens in der Moderne.

Die Antike hingegen unterschied vorrangig:

Privatleben | Politisches Leben

Diese Unterscheidung macht sich selbstverständlich an anderem fest:

Privatleben: Dienst an individuellen menschlichen Bedürfnissen | Politisches Leben Dienst an allgemeinen menschlichen Bedürfnissen

Abgesehen davon, dass sich „das Private“ sehr verändert, je nachdem zu was man es in hauptsächlicher Opposition setzt, wurde auch in der Antike „gearbeitet“ und gibt es auch in der Moderne allgemeine Bedürfnisse und einen ganzen (staatlichen) Apparat, der sich auf sie bezieht.

Die verschiedenen Unterscheidungen fehlen also nicht, sondern sind nur jeweils vorrangig oder nachranging.

So ist z.B. der „Staatsdienst“ in der Moderne vor allem ein individueller Beruf, der von ganz bestimmten, einigen wenigen Menschen wahrgenommen wird. So wie manche Landschaftsgärtner oder Programmierer sind, sind andere eben „Berufspolitiker“. – Das sah die Antike – von einer anderen Leitunterscheidung her kommend – naturgemäß völlig anders.

Auch die Art und Weise, wie wir in den Staatsdienst kommen, unterscheidet sich, je nachdem ob privat | beruflich oder privat | politisch die Leitunterscheidungen des menschlichen Lebens sind: In der Moderne engagiert man „sich“ für das Politische. Das heißt, es bleibt eine private, individuelle Entscheidung, sich dem Politischen zu widmen – oder eben nicht. Die Antike bevorzugte es, dass das Allgemeine den Menschen für das Politische engagierte. M.a.W.: Man wurde von Staats wegen engagiert, man engagierte sich nicht selbst. Der Ausdruck des „politischen Engagements“ macht vor dem Hintergrund, dass jeder Bürger per se ein politisches Leben hat, nur wenig Sinn. Das Allgemeine blieb nicht den vorhandenen | nicht-vorhandenen Launen der privaten Individualität überlassen.

Zugleich wird Berufsleben mit der antiken Leitunterscheidung privat|politisch pauschal dem „Privatleben“ zugeschlagen – Und dadurch wird auch das Berufsleben schlichtweg unwichtiger. Das geschieht, indem es nun überhaupt für alle Bürger ein jenseits des Privaten gibt.

Indem dem Privatleben das Politische Leben als eigenständige Größe gegenübersteht, wandern affektive Anteile ab von beidem: Vom persönlichen Leben und vom beruflichen Leben.

Eine Moderne, die sich dafür entscheidet, den Begriff des Politischen zu restaurieren, gewinnt dadurch eine Dreiteilung:

Persönliches Leben | Berufsleben | Politisches Leben – Und das bei allen Menschen.

Interessant ist dabei vielleicht auch noch, dass die Antike das gesamte nicht-politische Leben mit dem „unfreien Leben“ assoziierte. Dass sie also vollständige Freiheitserfahrungen für den Menschen nur im Politischen für möglich hielt. Der reine Privatmensch war nach ihrer Erfahrung zur Unfreiheit verurteilt: Er blieb ein Spielball von zufälligen Bedürfnissen (eigenen und fremden), fremden Gesetzen unterworfen, an deren Gestaltung er keinerlei Anteil hatte. Der reine Privatmensch ist aus antiker Sicht vor allem eins: Ein ziemlich mitleiderregendes Wesen.

Warum und wie diese Verbindung Politik = Menschliches Freiheitserleben für die Antike überhaupt möglich war, ist heutzutage tatsächlich nicht mehr ganz so leicht zu rekonstruieren.

Zu sehr assoziieren wir heute Lebenden das Privatleben mit „Freiheit“ und alles Staatlich-Politische mit „Unfreiheit“. Unser Staat bleibt uns fern und fremd, weil wir kein Politisches Leben haben.

Wir sind, ohne Politisches Leben, nicht in der Lage unseren eigenen Staat als Ausdruck und Form unserer eigenen Freiheit zu erfahren und zu verstehen.

Nichtsdestoweniger gilt auch für uns: Irgendwer macht auch heute unsere Gesetze. Irgendwer überwacht sie. Und wenn dieses „Irgendwer“ nicht wir alle sind – kraft der Gegebenheit eines allgemeinen politischen Lebens – dann sind dies logischerweise andere, „die das für uns tun“.

Der reine Privatmensch ist auch heute ein fremdbestimmter, fremdbeherrschter Mensch.

Wer der Allgemeinheit ihr Politisches Leben nimmt und ihr nur noch die Option lässt, ihre Freiheit ausschließlich im Privatleben zu suchen (egal ob im Persönlichen oder im Beruflichen), stellt damit sicher, dass das Unfreiheitserleben allgemein wird.

Oder um es mit Hannah Arendt zu sagen:

„Im Sinne der Polis war der politische Mensch in seiner ihm eigentümlichen  Ausgezeichnetheit zugleich der freieste, weil er die größte Bewegungsfreiheit vermöge seiner Einsicht, seiner Fähigkeit, alle Standort zu berücksichtigen, hatte.

Dabei ist es aber wichtig, sich zu vergegenwärtigen, dass diese Freiheit des Politischen durchaus von der Anwesenheit und Gleichberechtigung Vieler abhing. Eine Sache kann sich unter vielen Aspekten nur zeigen, wenn Viele da sind, denen sie aus einer jeweils verschiedenen Perspektive erscheint. Wo diese gleichberechtigten Anderen und ihre partikularen Meinungen abgeschafft sind, wie etwa in der Tyrannis, in der alle und alles dem einen Standpunkt des Tyrannen geopfert ist, ist niemand frei und niemand der Einsicht fähig, auch der Tyrann nicht.“ (Hannah Arendt, Was ist Politik?, S. 98)

Dass im Privatleben für sich allein keine Freiheit zu finden ist, ist eine Erfahrung, die die griechische Antike voll und ganz ausgekostet hatte, die wir in der Moderne dagegen so behandeln, als hätten wir diese Erfahrung noch nötig bzw. vor uns.

Offenbar wollen wir auch noch heute immer noch Nachschlag von dieser Erfahrung: Wie ganz genau sich das menschliche Leben anfühlt, wenn die allermeisten Menschen kein politisches Leben haben.

Wir könnten sogar soweit gehen zu behaupten, dass wir nun seit mehr als 200 Jahren – entgegen dem äußeren Anschein – in völlig politiklosen Gesellschaften leben. Gesellschaften, die zwar viel von und über „Politik“ sprechen, die aber keine Politik machen, da zum Politischen ohne Zweifel Polites (Bürger) gehören: Merkwürdige, seltsame Wesen, die in all jenem Gerede über „Politik“ nur als vage Vorstellung vorkommen, die aber als Akteure und Subjekte des „politischen“ Geschehens auffällig inexistent sind.

Man möchte den armen, privaten „Bürgern“ einfach keine Politik zumuten. Man möchte die Bürger von ihrem Ureigensten „verschonen“.

Komischerweise sind sie aber über diese Verschonung keineswegs nur erfreut. Ja, sie gebärden sich ganz ausgesprochen undankbar für den tollen Service, mit dem man ihnen ihr politisches Leben zu nehmen und sie stumm zu stellen versucht. Indem man ihnen professionelle „Sprecher“ vorsetzt, die in ihrem Namen ihre Erfahrungen und Meinungen „politisch vertreten“ sollen.

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