Für ein Lebewesen in der Bauart des Menschen ist es ein ganzes Stück weit normal und erwartbar, dass es „angespannt“ ist, um nicht zu sagen: dass es Angst hat.

Zu viele Möglichkeiten, was alles passieren kann. Zu viele Möglichkeiten, was man gerade mit Blick auf jene Möglichkeiten tun oder nicht tun könnte. Im Grunde ist das menschliche Leben – zumindest potentiell – ein einziges, großes Versäumnis.

Daher gibt es einen natürlichen Bedarf an menschlichen „Beruhigungsmitteln“, um die eigene Anspannung wieder auf ein halbwegs erträgliches Maß herunterzuregeln.

Es bieten sich z.B. alle möglichen Arten von chemischen Mittelchen an. Und gerade in den USA wäre es ein recht interessantes Experiment, wenn von einem Tag auf den anderen der Supply der gesamten Bevölkerung mit Psychopharmaka ausfallen würde. Ich wage da keine Prognosen mehr, was das wohl für Auswirkungen hätte…

Körperliche Betätigungen können ebenfalls recht beruhigend wirken. Vom „Auspowern“ bis zur gleichmäßigen, regelmäßigen Belastung, mit der der Körper sich selber sagt: „Ja, Du bist noch da. Du funktionierst. Und gleich was passiert, wahrscheinlich wird das auch morgen einigermaßen so sein.“

Einige Menschen beruhigen Gespräche mit anderen Menschen. Die tägliche Rückversicherung und Bestätigung, dass man mit seinen Gefühlen, Ansichten und Handlungen im Großen und Ganzen nicht völlig auf dem Holzweg ist. Dass andere Menschen es mit einem ganz gut aushalten und sich gern mit einem abgeben, obwohl man doch…

Ähnlich mit „Arbeit“. Und hier wiederum beides: Die täglichen Routinen der Arbeit, die unsere Gedanken (und damit auch Ängste) kanalisieren und andere gar nicht erst aufkommen lassen. Und besonders fordernde Arbeit, besonders spannende „Projekte“, bei denen wir alles aufbieten müssen, nach denen wir aber „wissen, was wir heute getan haben“ und abends zufrieden und müde ins Bett fallen.

In eine nicht ganz unähnliche Kategorie fallen alle Arten von Spielen und Ablenkungen, die – wie mittlerweile viele Menschen angemerkt haben – sich in vielen Punkten kaum noch von „Arbeit“ unterscheiden. David Graeber schreibt in seinem Aufsatz „Die Utopie der Regeln“ zur faszinierenden Ähnlichkeit, die viele Fantasy- und Computerspiele mit jenen bürokratischen Ordnungen haben, aus denen sie vermeintlich Ausflüchte bieten: „Bürokratien schaffen Spiele. Bürokratien sind selbst Spiele – die aber absolut keinen Spaß machen.“ (David Graeber, Bürokratie, S. 227). Der „verborgene Reiz der Bürokratie“ bestünde in der künstlich abgetrennten Welt, die sie erschafft, und in der absoluten Kontrolle, die sie uns verspricht, wenn wir ihre „Regeln“ beachten. Absolutes Selbstbestimmtheiterleben durch Hingabe und Anpassung an eine absolute Fremdbestimmung. Ermöglicht wird das durch die klare zeitliche und räumliche Begrenzung jener künstlichen, bürokratischen Welt. Und natürlich ist auch das vor allem anderen: beruhigend. Beruhigend ist sowohl der Einstieg in solche Welten mit ihrem sich stets einlösenden Sinnversprechen, als auch die prinzipielle Möglichkeit, sie wieder zu verlassen, sich nicht für immer in ihnen aufhalten zu müssen, ohne dass es ein Entkommen aus ihnen gäbe.

Sex ist natürlich ebenfalls ein fantastisches Beruhigungsmittel, weil wir mit ihm sowohl einen Großteil der Körperchemie aktivieren, aufbieten und abrufen, und der zusätzlich noch den zwischenmenschlichen Bestätigungs- (und Beruhigungs-)aspekt mit sich bringt.

Manche von uns können sich selbst und ihre menschliche Umwelt auch recht gut mit Humor, Sarkasmus, Ironie und co. herunterregeln. Zur hohen Kunst wird das, wenn die Waves of Fear gerade türmend hoch in die Himmel schlagen, und wir selbst noch auf der Spitze und in den Strudeln solcher Tsunamiwellen freundlich-böse Witze reißen. „Galgenhumor“ eben.

Dass der Mensch aber überhaupt einen beständigen Bedarf an Beruhigungsmitteln hat, scheint eine anthropologische Konstante zu sein. Die Mittel können wir variieren und uns auch (manchmal viel zu sehr) an sie gewöhnen. Aber notorisch beunruhigte Menschen sind in jedem Fall ein Fluch für sich selbst und für ihre lieben Mitmenschen.

Denn es ist völlig normal, gesund und vernünftig, als Mensch jeden Tag eine ganzen Haufen von Scheißängsten zu haben.

 

 

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