Da ich „Politik“ vor allem als notwendigen gesellschaftlichen Abstimmungsprozess verstehe, der, wenn er vermieden wird, für uns alle sehr kostspielige Folgen hat, bin ich immer noch der Meinung, dass es jedem Einzelnen von uns nicht gestattet sein sollte, sich diesen Abstimmungsprozessen einfach so mir nichts dir nichts zu entziehen.

Mit anderen Worten: Die Entscheidung, ein reines Privatleben führen zu wollen, sollte für den Einzelnen mit spürbaren Kosten belegt sein. Ein kostenloses unpolitisches Leben sollte es nicht geben dürfen, weil eben die Folgen einer solchen individuellen Entscheidung für ein unpolitisches Leben allen Menschen spürbare Kosten auferlegt.

Für die eleganteste Umgangsform mit diesem Zusammenhang halte ich immer noch das „bedingte aktive Bürgergeld“, das die Freiheit des Einzelnen würdigt, das eigene Leben als reiner Privatmensch führen zu wollen, ohne eigene Teilnahme an der Politik des eigenen Gemeinwesens. – Nur dann eben nicht mehr kostenlos. Sondern als eine verantwortungsvolle Entscheidung, deren gesellschaftliche Last für den, der sich in dieser Weise für sich und gegen alle entscheidet, auch unmittelbar spürbar wird. Und nicht erst später, als mittelbare Folge von Folgefolgen.

Dieses gesellschaftliche Arrangement kommt mir persönlich deutlich „erwachsener“ vor als die kollektive gesellschaftliche Verantwortungslosigkeit, die wir heutzutage ganz überwiegend miteinander praktizieren. Nur Kindern werden die Folgen eigener Entscheidungen völlig von den Schultern genommen. Nur Kindern wird es gewöhnlich gestattet, völlig unmündig zu sein. Hier reden wir aber über erwachsene Menschen: Über die Bürger eines Staates, die sich eben mal von ihrer eigenen aktiven Teilnahme an diesem Staat einfach so zurückziehen können. Wir reden hier über uns als Bürger, denen man gestattet, sich gesellschaftlich in eine Kindposition zu begeben und politisch völlig unmündig zu bleiben.

Das bedingte aktive Bürgergeld mag von manchen als „Manipulation“ oder als „Zwang“ empfunden werden. – Ich würde aber immer dagegenhalten:

A) WENN wir das überhaupt so sehen wollen, dann handelt es sich dabei mindestens um eine Selbstmanipulation und einen Selbstzwang, wie sie in jedem Staatswesen qua Staatswesen beständig vorkommt. Lässt man das als prinzipiellen Einwand zu, dann darf man generell keine „Politik“ zulassen und muss den modernen Staat überhaupt einstampfen und dem Erdboden gleich machen. Denn der moderne Staat ist – per definitionem – Selbstzwang und Selbstmanipulation. Und das seit dem ersten Tag seiner Erfindung.

B) Wir können uns die Alternative deutlich vor Augen halten: Wenn wir uns selbst damit davon kommen lassen, einfach so auch unpolitische Wesen sein zu können (ohne dass das uns persönlich irgend etwas kostet), dann lassen wir zu, dass jeder von uns an politischen Abstimmungsprozessen auch einfach mal eben nicht teilnimmt. Nach dem Motto: „Da hab ich aber grade keine Lust drauf“. Wir lassen dann zu, dass jeder von uns sich seiner Transformation vom Privatmenschen zum Bürger auch einfach mal eben so entziehen kann. Als wäre nichts dabei. Als hätte die eigene Verweigerung gegenüber der eigenen Bürgerschaft gar keine Folgen für uns alle. Als hätte diese private Entscheidung für ein rein privates Leben gar keine Folgen für das Gemeinwesen, an dem wir alle partizipieren und in dem wir alle leben.

Aber es hat eben ohne Zweifel negative Folgen für uns alle. Auch dann, wenn wir diese Folgen einfach ausblenden und so tun als wäre nichts dabei. Wenn wir eine solche vorsätzlich unabgestimmte, vorpolitisch bleibende Gesellschaft zulassen, dürfen wir uns nicht darüber wundern, dass Unfriede, gegenseitiges Unverständnis und Unlust auf das unvermeidliche Miteinander der Regelfall werden. Dass „die Gesellschaft“ zu einer reinen Last für alle wird. Dass alle unter dem leiden, was sich aus solcher Teilnahmslosigkeit ergibt.

Denn wir schaffen auf diese Weise mit Vorsatz eine Gesellschaft von einander asozial gegenüberstehenden „Fraktionen“, „Parteien“, „Milieus“ und „Schichten“, die niemals auf systematische Weise miteinander in Kontakt treten, die eben „idiotisch“, d.h. vorpolitsch bleiben.

Und das, ohne darüber informiert zu werden, dass es gerade ihr eigenes Fernbleiben aus dem Raum des Politischen ist, das „am Ende“ zu sozialen Ergebnissen führt, die auch für sie selbst hochgradig unbefriedigend und beängstigend sind.

Insofern ist der Preis, der dem Einzelnen für sein Fernbleiben von aller aktiver Politik aufgebürdet wird (mittels dem bedingten, aktiven Bürgergeld) nicht mehr und nicht weniger als eine freundliche, unmittelbare Information darüber, dass er mit diesem seinem Fernbleiben sich selbst und zugleich seine Mitbürger und zugleich sein Gemeinwesen vorsätzlich schädigt. Eine freundliche Anfrage, ob er sich wirklich sicher ist, dass er das tatsächlich so haben will. Obwohl das Folgen für ihn und seine Mitmenschen hat.

Ich finde, jeder von uns hat ein Recht darauf, das zu wissen und das auch so zu spüren zu bekommen, dass es in seinem Bewusstsein ankommen kann. So dass er eine bewusste Entscheidung dafür oder dagegen treffen kann. Aber eben nicht eine „kostenlose“ Entscheidung. In beiden Fällen zahlt er dann einen unmittelbaren Preis: Einmal verzichtet er auf privates Geld. Einmal verzichtet er auf private Zeit. Und er kann selbst frei entscheiden, was davon ihm gerade mehr wert ist.

Und jeder von uns hat daher auch ein Recht darauf, dass seine Bereitschaft, aktiv an politischen Prozessen teilzunehmen, von uns allen honoriert wird. Denn seine persönliche Teilnahme und persönlicher Transformationsberetischaft ist definitiv ein wertvoller Beitrag zu einem guten Zusammenleben für uns alle.

 

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