Ich frage mich ja immer wieder, warum Selbstverteidigung in Beziehungen in unserer Gesellschaft nicht von Kleinkindheit an systematisch trainiert wird.

Nach meinem Dafürhalten kann ein Großteil der heute erwachsenen Menschheit nämlich eine große Dosis Nachhilfe in diesem „Fach“ vertragen. Also: Wie gehe ich mit anderen Menschen klugerweise um? Wo befinden sich bei verschiedenen Menschen die Knöpfe, die man bei ihnen erfolgreich drücken kann? Und: Wann ist eine deftige Prise freundlicher Bösartigkeit absolut angebracht und sozial hochgradig produktiv?

Dieses Schulfach kann man dann von mir aus „Rhetorik“ oder „Umgangsformen“ oder was auch immer uns heute als annehmbarer Titel erscheint genannt werden – Hauptsache die Inhalte sind nicht so brav und dröge, dass sie für unseren Alltag absolut unbrauchbar sind. Eher schon sollte es sich um gut erprobtes Praxiswissen handeln, das im eigenen, persönlichen Beziehungszoo unmittelbar ausprobiert und angewandt werden kann.

Nur wer selber noch keinerlei Gürtel im täglichen Beziehungsjudo erworben hat, muss Trainingseinheiten fürchten, die den Titel tragen à la: „Wie ich mich bei den meisten Lehrern ohne all zu großen Aufwand lieb Kind machen kann“ oder „Wie ich auf dem Pausenhof ne Menge anderer Kinder dazu kriege, dass sie genau das mit mir spielen, worauf ich grade Bock habe“. Etc.

Aber natürlich können wir auch weiterhin eine derart beziehungsinkompetente Gesellschaft pflegen, wie wir sie bisher haben. Eine, in der die meisten von uns so überhaupt gar keine Ahnung davon haben, wo der beziehungstechnische Hammer hängt (von ausgeprägten Erfahrungen im kunstvollen Schwingen der zahllosen möglichen Beziehungshämmer ganz zu schweigen). Eine, in der wir unser Hirn jahrelang mit weitgehend nutzlosem Detailwissen vergiften, das man sich heutzutage in 2 Sekunden herbeigoogeln kann, wenn man wirklich doch mal Bedarf daran haben sollte.

Das macht das Spiel für die wenigen Meistermanipulatoren, die es auch immer gibt (in jeder Klasse, in jeder Firma, in jeder Nachbarschaft, in jedem Verein, in jeder Familie, etc.), dann sehr sehr leicht.

Wenn wir also über die systematisch erlernbare Selbstverteidigung in Beziehungen sprechen, muss es ja gar nicht unbedingt darum gehen, dass wir uns beibringen, wie man dem anderen schnell und wirksam das seelische Nasenbein zu Brei schlägt. Eher darum, dass wir miteinander lernen, wie man anderen Menschen so die Nase pudert, dass sie davon gar nicht mehr genug bekommen und sogar gern noch deutlich mehr davon hätten.

Und wer überhaupt die zahllosen menschlichen Kniffe kennt, kann sich auch wesentlich leichter auf sie einstellen, wenn er ihnen dann „im wahren Leben“ begegnet. Er ahnt dann, was alles möglich ist, und auch, wie man gegebenfalls „kontert“. Alltagsnähe und Schwerpunktsetzung auf praktisches Üben vorausgesetzt.

Da die Beziehungsmodalitäten im zwischenmenschlichen Leben beliebig komplex werden können, spricht einiges dafür, dem neuen Übungsfach mindestens die gleiche Wertigkeit wie Deutsch oder Mathematik zukommen zu lassen.

Minimum 6 Trainingsstunden pro Woche sollten also schon drin sein, in der wundersamen Welt unserer „Lehrpläne“.