Schon lange ringe ich für mich mit dem Gegensatz von Macht und Einfluss.

Früher hätte ich über mich gesagt: „Ich bin ein Mensch mit einem starken Machtmotiv“. Das Erleben von Selbstwirksamkeit ist für mich in fast allen Alltagssituationen von zentraler Bedeutung. Und umgekehrt: Wenn ich „gefühlte Ohnmacht“ erlebe, stürze ich ganz unmittelbar in ein Loch. Ich fühle mich dann physisch schlecht. Manchmal reicht sogar eine sehr kurze, schnell vorübergehende Situation, damit sich negative Gefühle über Tage hinweg in meinem Körper festsetzen. Ich könnte auch sagen: „Ohnmacht macht mich krank“.

Mir hat, in meinen ganz eigenen Verwirrungen, das Denken von Thomas Gordon ein großes Stück weitergeholfen: Seine Entgegensetzung von Einfluss und Macht, verbunden mit der Unterstellung, dass alle Menschen im Grunde Einfluss wollen, und kein einziger von uns Macht haben will, zumindest nicht dann, wenn ihm die Konsequenzen klar vor Augen stehen, die die Ausübung von Macht auf ihn selbst, auf seine Mitmenschen und auf unsere Beziehung hat.

Ich würde heute also eher sagen: Ich habe, ganz so wie alle anderen Menschen auch, ein starkes Einflussmotiv. Ich möchte Einfluss haben auf die Menschen, die mich umgeben. Und ich möchte, ganz reziprok, dass die Menschen um mich herum ebenso Einfluss auf mich haben.

Einfluss ist – anders als Macht – nicht verknüpft mit Fremdbestimmung. Einfluss hat mit „Herrschaft“ nichts gemein.

In den Einfluss selbst fließen die Motive, die Bedürfnisse, die Pläne, das Denken und Empfinden der Beeinflussten, ihre Situationen, ihre Aktivitäten, ihre Leistungen, ihre Geschichte aktiv mit ein.

Anders als Macht, die andere zu einem bestimmen Verhalten zwingt, ohne sich für sie zu interessieren, ist Einfluss von Offenheit und Wahrnehmung des anderen geleitet. Einfluss ist ohne Empathie vollkommen wirkungslos, während umgekehrt Macht sowohl darin besteht, auf Empathie verzichten zu können, als auch zuverlässig dazu führt, dass die eigenen Empathiefähigkeiten mit der Zeit immer mehr nachlassen.

Es ist für mich zu einer Art Lebensaufgabe geworden, Macht und Einfluss auseinanderhalten zu lernen. Handelnd zu verstehen, dass Einfluss völlig unproblematisch ist, während wir aus einer ganzen Reihe von Gründen den Einsatz und den Aufbau von Macht als das Kernübel des zwischenmenschlichen Lebens auffassen können.

Mit der wichtigste Unterschied zwischen Einfluss und Macht bleibt dabei: Einfluss ist unter uns Menschen recht demokratisch verteilt, während Macht so gut wie immer zur Selbstmonopolisierung und Selbstmaximierung neigt. „Macht“ tickt aus sich selbst heraus aus, während Einfluss sich wechselseitig immer wieder einfängt. Einfluss begrenzt sich ganz von selbst, Macht entgrenzt sich ganz von selbst.

Erst durch den Einfluss, den wir auf andere ausüben und den andere auf uns ausüben, können wir es sehr gut miteinander aushalten. Mehr noch: Erst durch unsere wechselseitige, gute Manipulation können wir es mit uns selbst sehr gut aushalten.