Ich habe keine Ahnung wie das in anderen Städten ist, aber hier in München hat in den letzten Jahren die Zahl der Mobileleichen extrem zugenommen.

Ich bin ja recht viel in der Stadt unterwegs, gerade auch in der U-Bahn. Und gerade dort kann man sie antreffen: Menschen, die mit einer Art „Anti-Geistesgegenwart“ unterwegs sind. Mit ihren Gedanken, mit ihrem Kopf irgendwo, nur nicht im Hier und Jetzt. Das drückt sich vor allem in ihren Bewegungen und ihrer ganzen Körpersprache aus, die nicht von ungefähr an Wesen erinnert, die man eher in Walking-Dead-Szenarien anzutreffen erwarten würde.

Zombieengpässe

Diese Handyleichen kommen hinzu zu all den verwirrten Touristen, den orientierungslosen älteren Mitmenschen, den Bierleichen und anderem menschlichem Wirrwarr, das in Städten völlig normal ist und zur Gesamtkomposition des Stadtbilds gehört.

Auch in diesem Punkt habe ich keine Ahnung, wie es woanders aussieht (komme hier kaum weg), aber die Stadt München und insbesondere ihr öffentliches Verkehrssystem sind schlicht nicht für die Menge an Menschen ausgelegt, die sie mittlerweile bevölkern und täglich nutzen. Die Arterien der Stadt sind kurz gesagt „verstopft“. Und es gibt ein paar besondere Engpässe, die heiße Kandidaten für den Infarkt-Fall sind, z.B. bestimmte Stellen am Hauptbahnhof oder am Sendlinger Tor. Sowohl überirdisch, als auch unterirdisch, im „Sperrengeschoss“, was sich nach und nach als überaus gut gewählter Name erweist. Die ebenfalls völlig üblichen Dauerbaustellen perfektionieren das Problem. Zudem ist die Stadt München vor einiger Zeit auf die glorreiche Idee gekommen, dicke, große Menschen mit gelben Westen an die U-Bahn-Gleise zu stellen, weil es dort vorher noch nicht kuschlig und sardinenbüchsig genug zuging. Für die Komplett-Durchquerung der U-Bahnstation Hauptbahnhof von einem Ende zum anderen plant der professionelle Großstadtmensch mittlerweile realistische 10 Minuten ein. Für eine Strecke von ca. 100m wohlgemerkt.

Ungeduldige Zeitgenossen wie meine Wenigkeit bekommen unter solchen Gegebenheiten regelmäßig wunderschöne Aggressionen und unsichtbar bleibende Wutanfälle über das fehlende Mitdenken unserer wunderbaren Mitmenschen, denen ansonsten ein Wunderbarkeits– und Großartigkeits-Attest ausgestellt werden muss, die aber in diesem ganz spezifischen Fall leider chronische Symptome von Braindead an den Tag legen.

Sollten Sie also aus den Medien erfahren, dass irgendein völlig Irrer in München mit der Spitzhacke auf Zombiejagd gegangen sei und sich dabei auf medial orientierungslose Menschen im öffentlichen Raum konzentriert habe, wundern Sie sich bitte nicht.

Okay, im Ernst: Ich lerne mit den Jahren, mit solchen Menschen immer gelassener und geduldiger zu werden, die unsere engen Straßen und U-Bahn-Tunnel dadurch bereichern, dass sie sich verhalten als seien sie ganz allein auf der Welt, als würde es bei keinem einzigen ihrer Mitmenschen irgendwelchen Stress verursachen, wenn sie an einem körperlichen Engpass lockerflockig und völlig mit sich im Reinen vor sich hin-whatsappen, facebooken, twittern, telefonieren oder was auch immer.

Denn: Diese Menschen haben ja eigentlich keine Körper mehr, sie sind weniger Cyborgs oder Zombies als vielmehr Geister. Das Handy ist das metaphyische Werkzeug unserer recht weitgehenden Vergeistigung. Unsere Mobilegeräte sind das Wahrwerden der feuchtesten Wunschträume unserer traditionellen Philosophien.

Ich höre Stimmen

Und es ist ja nicht ihr heroischer Beitrag zur schnelleren Verstopfung von Wegen und Engpässen allein. Sie beglücken uns auch mit detaillierten und emotionsreichen Informationen über z.B. ihre aktuellen Eheprobleme, Sorgen am Arbeitsplatz oder die von ihnen momentan bevorzugte Meinung zum Weltgeschehen. – Hier, immerhin, kommt ein körperliches Moment ins Spiel: Mit ihrer lautstark sich im Raum ausbreiteten Stimme, mit der sie ihre öffentliche Umwelt zum Mitfiebern und Mitvibrieren bringen.

In solchen Situationen akuter kommunikativer Umweltverschmutzung habe ich mir (da ich nicht wegen irgendwelcher unkontrollierter Spitzhackengeschichten im Gefängnis oder in die Psychiatrie landen möchte) ein paar Strategien zugelegt, die mir persönlich sehr helfen, mit dem ganzen Wahnsinn einigermaßen fertig zu werden:

Vom breiten, offeniven, dusseligen Grinsen (das natürlich rein GAR NICHTS mit meinem telefonierendne Gegenüber zu tun hat, ich freue mich einfach gerade nur meines Lebens…), über lautstark gefakte eigene Telefonate in mein eigenes Uralt-Handy („ja Mama, ich bringe die Zwiebeln mit. Ja, die ZWIEBELN. Nein, ich weiß Mama, keine Charlotten. Ja, ja. JAAA! Wirklich Mama. Nein, ich denk dran, Mama! Okay bis später dann, tschüüüüüüüüüüs…“ + Anschließend entschuldigender, mitleidheischender Blick in die Runde und besonders zum Mitmobilisierer: „Tut mir leid. Meine gute alte Mum ist leider etwas schwerhörig.“), bis hin zu klugen Ratschlägen, mit denen man freundlich und sachkundig zum laufenden Gespräch über die tiefgehenden persönliche Probleme des mobilen Geistes beiträgt. Ich helfe meinen Mitmenschen ja immer gerne, und stehe jedem, der mich zur Lösung seiner emotional verzwickten und völlig unaufschiebbaren Probleme ganz offensichtlich dringend braucht, mit Rat und Rat und noch einem Rat zur Seite. Jedes überaus öffentlich gemachte Handytelefonat ist ja im Grunde ein unstummer Schrei nach mitmenschlicher Zuwendung.

All diesen Kram mache ich natürlich nur, wenn ich grade furchtbar gut drauf und liebevoll bin mit dem armen Mitgeist.

Da das leider nicht ganz immer der Fall ist, bleibt mir in vielen Situationen tatsächlich nur die Flucht vor jenen vergeistigten Wesen, die unsere Straßen und U-Bahnen bevölkern.

Und ich bekenne ganz offen: Ich selber habe, schon seit meiner Kindheit, ganz schreckliche Angst vor Geistern.

Handyleichen im öffentlichen Raum? – Kein Grund zur Klage!

Aber was soll man machen? – Die Vergeistigung schreitet voran und lässt torkelnde, leere Hüllen zurück, die orientierungslos, richtungslos und rücksichtslos vor sich hinkommunizieren.

Das mag am anderen Ende der körperlosen Leitung ganz anders aussehen: z.B. wie Aufmerksamkeit oder wie Anteilnahme oder wie ein anregender oder beruhigender Kontakt.

Für mich, der ich leider nur die abwesende, seelenlose Masse bekomme, die ausgelutscht im Raum herumsteht oder -wankt, gestaltet sich das leider deutlich unangenehmer. Aber es hat ja auch nie jemand behauptet, dass das Großstadtleben ausschließlich großartig und angenehm wäre.

Und außerdem ist durch den allgemeinen Trend zum immer umfassenderen Zuhause-Bleiben auch schon eine uns alle entlastende Rettung in Sicht.

Es gibt also keinen Grund, sich über die notorisch dauer-eingestöpselten, abwesenden-anwesenden Vielmobilisierer unter uns zu beklagen. – Vergessen Sie daher bitte einfach, was ich hier alles an furchtbarem Unsinn geschrieben habe. Jedem von uns sei seine ganz persönliche geistige Umnachtung von Herzen gegönnt. Dankeschön.

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