Das große Manko öffentlicher Debatten: Ich kann nicht wirklich wahrnehmen, was meine Beiträge bei Dir auslösen. Du kannst nicht wirklich wahrnehmen, was Deine Beiträge bei mir auslösen.

Das macht unsere gemeinsame, kooperative Steuerung unseres Gesprächs recht schwierig. Es ist so, als würden wir gemeinsam des Nachts im emotionalen Nebel durch ein aufgewühltes Meer fahren. Während vielleicht irgendwelche Zuschauer unseres Gesprächs uns noch zusätzlich befeuern, jeweils „unseren Kurs durchzusetzen“. Und jeder von uns behauptet dann irgendwann, dass er persönlich eigentlich gar kein Schiff, sondern das Festland sei, also die unumstössliche Wahrheit für sich gepachtet habe.

Dass wir dabei dann immer wieder miteinander unschön kollidieren oder dass einer von uns auf ein Riff läuft, ist nicht sonderlich überraschend, sondern eigentlich doch ziemlich erwartbar.

Schon in direkten Gesprächen ist es ja für uns nicht immer ganz leicht, gleichzeitig unser gemeinsames Thema, uns selbst und unseren Gesprächspartner (also wie es uns beiden gerade wirklich geht) im Auge zu behalten. Gute Gesprächsführung ist geradezu eine „Kunst“. Und sie bleibt auch dann recht anspruchsvoll, wenn man theoretisch bereits einiges über ihre Regeln weiß. Also: Was lasse ich wann besser bleiben? Wann im Gespräch mache ich was?

Im rein virtuellen „Gespräch“, in öffentlichen Debatten stehen wir aber alle gemeinsam auf völlig verlorenem Posten. Gute Gespräche sind dort kaum möglich. Denn was wir dort systematisch verlieren, ist unser jeweiliger Gesprächspartner. Und für „gute Gespräche“ brauchen wir den.

Insofern könnten wir auch ganz pauschal in Frage stellen, ob öffentliche Debatten überhaupt irgendeinen positiven Wert für uns haben? Ob sie überhaupt etwas Nützliches für uns leisten? Ob sie überhaupt zur Befriedigung irgendwelcher menschlicher Bedürfnisse beitragen? Ob öffentliche Debatten eine produktive menschliche Praxis sind?

Und wir können uns stattdessen fragen, wie wir alle miteinander deutlich öfter, deutlich sinnvoller und deutlich konstruktiver ins Gespräch kommen.

Denn dafür gibt’s ja heute bereits einige nicht ganz uninteressante Vorschläge und Lösungen.

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