Politik: Warum uns „Rechts gegen Links + Links gegen Rechts“ nicht weiterbringt

Es scheint für uns sehr schwer zu sein zu begreifen, dass in uns von Anfang bis Ende BEIDES angelegt ist: Die Fähigkeit zur Kooperation und Empathie. UND die Fähigkeit zu Kampf und Krieg.

Wir neigen gegenüber dem, was man eigentlich „menschlichen Realismus“ nennen müsste, zu einer bemerkenswert armen Anthropologie: Einem Selbstverständnis, das immer nur einseitig ist und einseitig bleibt. Entweder blenden wir unsere Kampfanlage aus, oder wir blenden unsere Empathieanlage aus. Dass beide Schaltkreise in uns angelegt sind, scheint nicht in unseren Kopf hineinzupassen – Und fließt daher auch nicht in die Gestaltung unserer Institutionen ein.

Rechts wie links: Arme, einseitige Anthropologien

Wir sehen das z.B. sehr deutlich abgebildet in den politischen Spielen, die wir nunmehr seit 2 Jahrhunderten inszenieren und die wir nicht müde werden zu spielen: Wir haben das politische Spektrum in zwei „Lager“ geteilt, von denen wir das eine „links“ und das andere „rechts“ nennen.

Die Glaubenssätze, um die diese Lager kreisen, lassen sich sehr klar benennen: Das „linke Lager“ geht davon aus, der Mensch sei in sich „gut“ und dürfe nur nicht in seiner „Entfaltung“ gehindert werden. Das „rechte Lager“ geht davon aus, der Mensch sei in sich „schlecht“ und müsse daher erzogen werden, weil wir uns sonst gegenseitig schlimme Dinge antun.

Das Problem an dieser Konzeption ist: BEIDE Lager haben gewissermaßen recht. Nur ist das in dieser Form hochgradig unproduktiv. Denn auf diese Weise entsteht folgendes Spiel, dem man jetzt eben nun schon seit Jahrhunderten zusehen kann:

Die rechte Seite wirft der linken vor, „naiv“ zu sein. Sie wirft „den Linken“ also vor, sich blind zu stellen gegenüber der menschlichen Anlage zu Kampf und Krieg.

Die linke Seite wirft der rechten vor, „schwarzmalerisch“ zu sein. Sie wirft „den Rechten“ also vor, sich blind zu stellen gegenüber der menschlichen Anlage zu Kooperation und Empathie.

Und wie gesagt: Beide haben recht. Beide haben Recht mit dem, was sie wahrnehmen. Das, was sie wahrnehmen, ist wirklich da und nicht nur „eingebildet“. Und beide haben auch Recht mit ihrem Vorwurf „an die andere Seite“: Diese andere Seite blendet wirklich etwas Wichtiges aus, das tatsächlich da ist. Auch die wahrgenommene Blindheit des anderen Lagers ist nicht eingebildet. – Doch über diese beiderseitige Rechthaberei entsteht ein beständiger Krieg in der Gesellschaft. Beide Seiten versuchen „sich durchzusetzen“, im Grunde: Die andere Seite zu vernichten.

Doch das könnte nur gelingen, wenn wir Menschen nicht so wären, wie wir eben sind. Gewissermaßen arbeiten BEIDE Lager, das linke wie das rechte, GEGEN die Menschheit, gegen die Menschlichkeit. Beide sind Vertreter einer „armen Anthropologie“, die in ihr Menschenbild nicht beide menschlichen Schaltkreise integrieren kann. Beide sehen uns Menschen auf eine völlig unrealistische Weise.

Thomas Hobbes: Die reiche Anthropologie und die Institutionenethik

Das alles ist deswegen so ermüdend, weil die Lösung für dieses Problem bereits seit Jahrhunderten vorgedacht und angelegt ist, von uns aber bisher nicht realisiert wird: Bereits Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert  ist aus diesen armen Anthropologien ausgestiegen und hat offen und deutlich eine Anthropologie des UND formuliert. Eine Anthropologie, die nicht die geringste Schwierigkeit darin erkennen kann, dass wir Menschen dauerhaft zu Beidem neigen: Zu Kooperation miteinander und zu Kriegen gegeneinander.

Sobald man sich in einer reichen Anthropologie des Und bewegt, entsteht – beinahe automatisch – eine zweite Ebene des Denkens. Eine Ebene, das muss man so hart sagen, von uns so gut wie nie erreicht wird, solange wir in der armen Anthropologie des Entweder-Oder gefangen sind. „Linkes“ wie „rechtes“ Denken macht uns durch seine arme Anthropologie unfähig, auf die Ebene der Institutionenethik zu gelangen.

Institutionenethik ist das, was sich von ganz allein ergibt, sobald wir beide unsere Schaltkreise gleichzeitig würdigen. Sobald wir uns selber nicht künstlich „nur friedlich“ oder künstlich „nur kriegerisch“ denken.

Das ist deswegen so frustrierend, weil „Politik“ im eigentlichen Sinne des Wortes erst losgeht, wenn diese institutionenethische Ebene sehr klar vor unser aller Augen steht. Wenn eine Gesellschaft gemeinsam ein realistisches Menschenbild pflegt und sich nicht darüber bekriegt, ob der Mensch nun „gut oder schlecht“ sei.

Politik, damit sie zustande kommt, ist auf den gesellschaftlichen Konsens angewiesen, dass wir beide Anlagen haben und dass beide Anlagen ein jeweils unhintergehbarer, voraussetzbarer Bestandteil unserer Natur sind.

Die Lagerbildung, „links vs. rechts“, ist nun aber sozusagen so etwas wie eine Institutionalisierung dieses Sich-über-eine-anthropologische-Frage-in-die-Haare-Kriegens. Wir haben den ständigen Kampf „links gegen rechts“ nicht, weil wir so blöd wären oder so lernunfähig. Sondern weil wir diesen Kampf eben, via Parteibildung in unseren Parlamenten, auf Dauer geschaltet haben. – Der Kampf bleibt und wird niemals gelöst, weil wir ihn künstlich in Gang halten.

Gestalten wir unseren Parlamentarismus anders als bisher, dann wird Politik als bewusste gemeinsame Gestaltung unserer gesellschaftlichen Institutionen überhaupt erst möglich: Gestaltung unserer Institutionen mit klarem Blick darauf, wie wir – in voller Würdigung unserer Konfliktneigungen – unsere Kooperationsnatur stärken und unsere Kampfnatur beruhigen können.

Das war das, was Hobbes m.E. bereits ab Mitte des 17. Jahrhunderts vorschwebte. Und was wir bis heute noch nicht institutionell eingelöst haben.

Unsere bisherigen politischen Institutionen sind optimierbar. Und sobald wir sie verändern, kann sich auch unser Menschenbild endlich verändern. Hin zu deutlich mehr Realismus und deutlich weniger Einseitigkeit.

Institutionelle Konsequenzen

Wir sollten, wenn wir gesellschaftliche Fortschritte wollen, ernsthaft darüber nachdenken, Parteien in unseren Parlamenten abzuschaffen. Den ermüdenden rituellen Streit zwischen „guten Menschen“ und „bösen Menschen“ in jeder einzelnen politischen Sachfrage braucht heute niemand mehr. Er ist nur noch unproduktiv. Er ist zerstörerisch. Er blockiert gute Politik. Er blockiert Gesetzesreformen. Er blockiert den vernünftigen Einsatz staatlicher Mittel. Er gehört auf den institutionellen Müllhaufen der Geschichte. Zusammen mit den armen Menschenbildern, die dieser idiotische Streit künstlich am Leben erhält.

Aus diesem ausgesprochen guten Grund bin ich heute weder „links“ noch „rechts“. Ich weigere mich, mich künstlich so deaf, dumb and blind zu machen, wie ich mich machen müsste, um noch einem der beiden Lager anhängen zu können. – Stattdessen arbeite ich an der Institutionalisierung wesentlich sinnvollerer, wesentlich realistischerer politischer Verfahren. Institutionen, die uns systematisch mit dem versorgen, was wir brauchen, um uns nicht beständig über Sachfragen künstlich in die Haare zu kriegen und wechselseitig zu blockieren.

Diese institutionelle Versorgung mit dem „für Politik Nötigen“, kann aber nur dann angegangen werden: Wenn wir überhaupt den Bedarf erkennen. Menschen, die derzeit noch in der armen „linken“ Anthropologie gefangen sind, sind dazu weitgehend unfähig. Sie tun sich schwer, jene unserer menschlichen Seiten zu anzuerkennen, die etwas braucht, um nicht der natürlichen Kampf- und Kriegsneigung zu erliegen. Geht man davon aus, dass der Mensch einfach „von Natur aus gut“ ist, sieht man da ganz einfach keinen Bedarf. Doch daraufhin passiert etwas sehr Vorhersehbares: Man wird frustriert vom realen Verhalten realer Menschen. Und das kippt dann mit der Zeit nicht selten in den Zynismus der armen „rechten“ Anthropologie. Oder man bleibt darin stecken, dass man die Schuld an den fehlenden Fortschritten der Existenz von rechtem Denken in die Schuhe schiebt. Motto: Wenn die sich doch nur bekehren ließen! Wir gut könnte die Welt doch sein, wenn diese bösen Menschen nicht wären, die denken, dass der Mensch von Natur aus böse ist…

Die institutionelle Versorgung mit dem für Politik Nötigen kann auch nur dann angegangen werden: Wenn wir überhaupt die Möglichkeit des Ausbaus der menschlichen Kooperationsfähigkeit erkennen. Menschen, die derzeit noch in der armen „rechten“ Anthropologie gefangen sind, sind dazu weitgehend unfähig. Meist suhlen sie sich – aus Angst – in etwas, das sie für „Realismus“ halten, das aber in Wahrheit eben auch nur eine sehr einseitige Sicht auf die Menschheit beinhaltet. Die Entwicklungsfähigkeit von Menschen, durch immer weiter verbesserbare Institutionen, wird nicht angenommen, weil die Empathieanlage des Menschen ausgeblendet bleibt. Das Leben erscheint in diesem „rechten“ Denkgefängnis wie ein unausweichlicher „Kampf“, der nur mit noch mehr Gewalt und Zwang künstlich still gestellt werden kann. – So erziehen dann Menschen mit dieser armen Anthropologie dann auch konsequenterweise ihre Kinder.

Um Politik machen zu können, muss die Notwendigkeit gesehen werden, bürgerschaftliche Empathie zu kultivieren. Das ist für „linkes Denken“ kaum einzusehen. Es hält diese Arbeit für unnötig und überflüssig. Der Mensch ist ja immer schon zugewandt und gut. Um Politik machen zu können, muss ein Sinn darin erkennbar sein, bürgerschaftliche Empathie zu kultivieren. Das ist für „rechtes Denken“ kaum erkennbar. Der Mensch ist ja grundsätzlich viel zu schlecht, als das da irgendeine Entwicklung möglich wäre. – Das was uns politisch möglich wäre, realisieren wir deswegen nicht, weil wir als „Linke“ keinen Bedarf an der dafür nötigen Beziehungsarbeit sehen. Und weil wir als „Rechte“ für diese Investition nicht motiviert sind, weil sie uns dann als vergeblich und aussichtslos erscheinen muss. Oder eben als „naiv“.

Demokratie ist unparteiisch und verfährt unparteiisch

Ich gehe also naiverweise davon aus, dass wir uns alle – heimlich oder offen – danach sehnen, so wahrgenommen zu werden, „wie wir wirklich sind“: Mit beiden Anlagen.

Und ich für mich habe sehr deutlich vor Augen, dass dies dann eben nicht Stillstand bedeutet, mit einem passiven und lakonischen „Ist halt so“ auf den Lippen. Sondern dass dieses UND der Einstieg in eine beständige gemeinsame Arbeit an der Gesellschaft ist.

Es mag arg pathetisch und welterlöserisch daherkommen, aber es ist zugleich meine eigene, kleine, persönliche Wahrheit: Ich glaube, dass Menschen, die sich für sich bereits im Bereich der reichen Anthropologie bewegen, die beide menschlichen Seiten in ihr Denken integrieren können, dass solche Menschen verpflichtet sind, an der Gestaltung der Institutionen unserer Gesellschaft mitzuarbeiten. Weil bessere Institutionen, weil „gute Politik“ nur vor dem Hintergrund dieser reichen Anthropologie möglich ist.

Das aber bedeutet zugleich: Es gibt auch heute schon eine Politik jenseits von Parteien. Denn Parteien zwingen uns dazu, uns künstlich zu verarmen, uns künstlich zu vereinseitigen, künstlich einen Teil dessen auszublenden, das wir außerhalb von Parteien sehr leicht und sehr deutlich wahrnehmen können. – Nur je nach anderer Partei eben einen anderen Teil unseres Wahrnehmungsfeldes.

Wer eine reiche Anthropologie vor Augen hat, wird heute nicht mehr in Parteien eintreten. Und er wird auch keine Parteien gründen. Parteien machen aus dem Eintreten für Etwas das Bekämpfen von Jemandem. Das ist kein Zufall und kein individueller „Fehler“. Das ist vielmehr die Struktur und Operationsweise von Parteien. Die Transformation eines positiven Anliegens in eine negative Aktivität ist das, was Parteien als Parteien mit uns machen. – Glücklicherweise gibt es für uns auch andere Möglichkeiten, uns in die aktive Gestaltung unserer Gesellschaft einzubringen.

Als überzeugter Anhänger demokratischer Institutionen steht man prinzipiell immer jenseits aller Lager. Demokratie ist unparteiisch: Demokratie kann mit Parteien, kann mit Lagerbildung nichts anfangen. Von den ersten Schritten ihrer Institutionalisierung an stand sie jenseits aller Lager und wurde ihr die Aufgabe übertragen, die gegebenen Lager „verfahrenstechnisch“ aufzulösen.

Demokratie inszeniert nicht einen rituellen, inner-gesellschaftlichen Krieg, sondern sie bringt, ausgehend von unseren kriegerischen wie empathischen Neigungen, unsere kooperativen Neigungen überhaupt erst gegen unsere kriegerischen Neigungen zur Geltung. Es wäre daher ein Widerspruch in sich, wenn Demokratie „kriegerische Institutionen“ nutzt, also „Wahlkämpfe“ zum Beispiel.

Demokratie sieht klar, wozu wir Menschen, allesamt, fähig sind: Wenn der Mangel groß ist. Oder wenn gesellschaftliche Konfliktdynamiken erst einmal in Gang gekommen sind („wenn Du nicht für uns bist, bist Du gegen uns“). Demokratie ist also keineswegs naiv, sondern eben: realistisch. Gute Beziehungen in einer Gesellschaft sind aus demokratischer Sicht durchaus herstellbar. Doch aus demokratischer Sicht sind solche guten gesellschaftlichen Beziehung das Ergebnis einer beständigen, unerlässlichen, gemeinsamen Arbeit. Einer politischen Arbeit, die wir alle zu leisten haben, die für uns alle undelegierbar ist.

Als Demokraten können wir gute Beziehungen weder einfach als gegeben voraussetzen, wie das unsere eine Einseitigkeit es naiverweise tut. Noch ist diese Beziehungs-Arbeit fruchtlos, wie das unsere andere Einseitigkeit naiverweise glaubt.

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„Kämpfen“: Das ständige Tauziehen in unseren Gesellschaften, in unseren Unternehmen

Als menschliche Tätigkeit genauso wie als physikalischer Vorgang ist „Kämpfen“ ein höchst unproduktiver Vorgang.

Um sich das klar zu machen, ist ein Bild hilfreich: Wir können uns klar machen, dass alles „Kämpfen“ im Kern die Struktur des Tauziehens hat: Zwei Gruppen von Menschen richten ihre Energien gegeneinander, anstatt „an einem Strang zu ziehen“, also ihre Energie zu Synergie-Effekten zu verschmelzen.

Das ist kein neuer Gedanke. So war z.B. das zentrale Argument in Thomas Hobbes‘ „Leviathan“, der das Grundkonzept des modernen „Staates“ lieferte, immer auch ein ökonomisches Argument. Im zentralen 13. Kapitel des 1651 veröffentlichten Buches wird bereits offen ausgesprochen, dass Menschen, die es schaffen, füreinander keine Bedrohung mehr zu sein und sich nicht mehr in ständige Kämpfe miteinander zu verwickeln, ihre Energien gemeinsam auf Produktiveres richten können. – Das Argument für seinen „Staat“, für die Errichtung eines staatlichen Gewaltmonopols ist nach Hobbes also nicht nur, dass wir uns in einem Staat nicht mehr gegenseitig Niedermetzteln, sondern auch das Freiwerden von Produktivkräften, die sonst in Kämpfen gebunden sind.

Die private Aufrüstung aller aus beständiger Angst vor Angriffen von Mitmenschen ist für uns wesentlich „teurer“ als die staatliche Errichtung einer gemeinsamen Polizei: das ist ebenfalls ein Teil von Hobbes‘ Argument. Die menschliche Energie, die vorher in private Aufrüstung floss, fließt nun in produktivere Aktivitäten, bei denen mehr Güter entstehen, die mehr menschliche Bedürfnisse befriedigen. Wer kaum noch Ängste davor haben muss, dass ihm seine „Ernte“ genauso wie sein Leben weggenommen werden wird, ist nicht nur freier von Militärausgaben, er investiert auch generell mehr. Weil es sich nun wesentlich mehr lohnt. Weil es nun wesentlich wahrscheinlicher wird, dass man in den Genuss des Ertrags der eigenen Arbeit kommt. „Staatliche Steuern“ zur Aufbau einer staatlichen Gewaltstruktur lohnen sich individuell, weil das der Preis ist, dass privat mehr Güter entstehen können, die dann allen zugute kommen. – So ist das zumindest in Hobbes‘ Konzeption gedacht. Hobbes war mit Thukydides einer der ersten politischen Theoretiker, die konsequent „systemisch“ dachten.

Auch wenn Hobbes zu seiner Zeit – was damals common sense war – dieses Argument nicht auf das Verhältnis zwischen Staaten ausweitete (wie wir das heute zu tun begonnen haben), kann man sehen, dass sich seine Argumentation auch dort empirisch bestätigt hat:

So war der Untergang der UdSSR auch das Ergebnis einer militärischen Strategie seitens der USA und der NATO, das Wettrüsten zwischen den Machtblöcken so hoch zu spielen, bis es ökonomisch nicht mehr haltbar war, bis ein ökonomischer Zusammenbruch dadurch entstand, dass die Militärausgaben, also unproduktive Ausgaben, einen viel zu großen Teil der gemeinsamen Energie verschlangen. – Für den Afghanistan-Krieg der Sowjetunion ist diese Strategie z.B. recht gut belegt.

Umgekehrt versuchte auch die UdSSR das gleiche in Vietnam. Und später, nach dem Ende des Ostblocks, war sehr wahrscheinlich die Strategie der Djihadisten, die den 11. September und weitere Angriffe auf „den Westen“ verantworteten, die USA so sehr in Kämpfe in Afghanistan und später im Irak zu verwickeln, dass daraus ein ökonomisches Problem entstand, weil diese „Engagements“ einfach viel zu viele Ressourcen verschlangen. – Ob diese Strategie erfolgreich war oder ob sie gescheitert ist, müssen wohl Historiker mit mehr Abstand, als wir ihn heute haben, beurteilen.

Ein Alternatives Bild für das „Kämpfen“ ist das „Zusammen bauen“. Hier richten sich die menschlichen Energien nicht gegeneinander, sondern – wenn man es überhaupt so beschreiben will – gemeinsam gegen die Entropie bzw. gegen die Kräfte der „Natur“.

Auch diese Beschreibung ist problematisch, weil wir mit der Natur ja im Grunde viele kooperative Spiele spielen. Für den Moment möchte ich den Ausdruck hier aber einmal so stehen lassen.

Wenn wir „Zusammen bauen“, verstärken sich unsere verschiedenen Kräfte und „etwas entsteht“, was ohne das Zusammenlegen unserer Energien nicht entstehen würde. Zusammen etwas zu bauen ist daher davon abhängig, dass wir das Tauziehen, unseren Kampfmodus beilegen, und unsere Kräfte in einer gemeinsame Richtung vereinen. Das kann prinzipiell auf zwei Arten geschehen:

Durch hierarchische, militärische Organisation, mit „Befehlshabern“ an der Spitze und „Weisungsbefugnis“ nach unten in der „Pyramide“, die auf diese Weise entsteht.

Oder durch demokratische Organisation, in der wir unsere Bedürfnisse beständig miteinander abstimmen und so den Kampfmodus zwischen uns beständig beziehungstechnisch wegarbeiten, der sonst „von ganz allein“ zwischen uns immer wieder entsteht.

Interessanterweise haben wir uns dafür entschieden, auch das „Zusammen bauen“, also den Bereich der Ökonomie als Wettkampf aufzusetzen, und „Unternehmen“ militärisch zu organisieren, als seien sie Heerlager und Kampftruppen.

Wir glauben offenbar, dass ein „Wettbauen“ uns noch mehr motiviert und noch mehr anstachelt, und dass auf diese Weise bessere Gebäude, Artefakte und Räume entstehen. Dabei kann man „bauen“ sehr allgemein verstehen: UBER und LYFT bauen z.B. konkurrierend an Netzen von privaten Ruftaxis, sie bauen konkurrierende Software, etc.

Ob hier aber die Energie wirklich „gegeneinander“ gerichtet ist, ob es also überhaupt sinnvoll ist, solche Aktivitäten als „Konkurrenz“ zu denken, sei einmal dahingestellt.

Denn der Sinn der Aktivität besteht ja darin, das etwas entsteht, das nützlich ist. Es hat seinen Sinn also „in sich selbst“ bzw. in seinem Nutzen für Kunden. – Und „Konkurrenz“ besteht vor allem hinsichtlich des Kapitals, das die Unternehmen einsammeln, um mehr Energie für ihre Bauaktivitäten zu haben.

Auch „das Werben um Kapital“ kann so verstanden werden, dass wir eigentlich sagen: „Leg Deine Energie dazu, bau mit uns mit!“

So wird es derzeit natürlich kaum verstanden. Die Zahl der „Impact Investoren“ ist verschwindend gering. Den meisten Investoren ist es bisher noch erschreckend egal, von welcher Aktivität her die Rendite stammt. Sie schauen nur auf Zahlen, nicht auf Sinn. Sie schauen nicht darauf, was entsteht, „was gebaut wird“ durch die Zugabe der gespeicherten menschlichen Energie, die ihr Geld ja darstellt.

Da wir unsere Wirtschaft auf Militär-artigen Strukturen aufgebaut haben, da wir derzeit im Kern die ganze Zeit „die Konkurrenz bekämpfen“, „Märkte erobern“, etc., muss uns klar sein, dass in unseren Unternehmen auch intern so miteinander umgegangen wird, wie im Krieg und beim Militär eben miteinander umgegangen wird: Der Einzelne und seine Bedürfnisse müssen zurücktreten. Sich sogar notfalls opfern. Das einzige was im Krieg zählt, ist „der Sieg über den Gegner“.

Es gibt im Militär also auch intern eine „Vernichtung menschlicher Energie“. Die Zusammenlegung menschlicher Energien zu einer Art Armee, die dann ins Feld geschickt wird, um es zu erobern, besteht auch in einem internen Tauziehen. Der äußerliche Kampf schlägt immer auch in einen inneren Kampf: Bedürfnisse müssen unterdrückt werden. Gefühlsausdruck muss unterdrückt werden. Menschliches muss zurückstehen. Alles für den Kampf, alles für den Sieg.

Daher sind heute demokratische Unternehmen besonders interessant. Denn sie haben zumindest Chancen, den inneren und äußeren Kampfmodus, das Denken ihrer Aktivität im Bild des „Tauziehens“ abzustreifen und hinter sich zu lassen. – Nur in demokratischen Unternehmen kann das interne Gegeneinander und die ständige Vernichtung menschlicher Energien vermieden werden, indem auftretende Konkurrenz und auf Konflikte beständig aktiv weggearbeitet werden: So dass beständige gemeinsame Ausrichtung möglich wird.

Dass das diktatorisch organisierte Unternehmen nicht können: das hat eben einfach strukturelle Gründe.

Die konsequente Umstellung unserer gesellschaftlichen Spiele von Tauziehen gegeneinander auf gemeinsamen Bau von Strukturen ist darauf angewiesen, dass wir verstehen, dass Feindschaft und Gegeneinander immer wieder von ganz allein zwischen uns entstehen, wenn wir uns unseren verschiedenen Bedürfnissen nicht aktiv und gemeinsam zuwenden.

Demokratie als beständige gesamtgesellschaftliche Beziehungsarbeit fühlt sich zwar im ersten Schritt recht beschwerlich und ungewohnt an. Sie ist aber eine nötige Investition, die sich auszahlt, weil wir es nur mit ihr erreichen können, nicht in Dauerkriegen miteinander zu landen.

Die Vernichtung menschlicher Energie durch beständiges Gegeneinander ist nur durch beständige Beziehungsarbeit auflösbar. – Im Grunde handelt es sich bei der Demokratie daher auch um eine „ökonomische Wette“.

Zartheit und Stärke

Ich habe grade „eine zweite Phase“, in der ich mich erneut mit dem Umstand auseinandersetze, dass einige Reaktionen bei mir relativ häufig auftreten, die von anderen mit dem Label „hochsensibel“ versehen werden.

Eine Box, eine Schublade, ein Label für jeden Menschen

Nun habe ich damit so meine Probleme: Erstens mag ich – aus einer ganzen Reihe von Gründen, von denen der erste die menschliche Vielschichtigkeit und Veränderlichkeit ist – ganz generell keine Labels und „Persönlichkeitstypologien“. Alle, die ich kennen gelernt habe, sind aus meiner Sicht irreführend und unterkomplex. Sie werden der inneren Vielfalt keines einzigen Menschen gerecht.

Zudem verdecken uns Persönlichkeitskonzepte die Vorgänge, die mehr in der zwischenmenschlichen Interaktion als „in uns“. Und diese Vorgänge, aus denen wir „fixe Persönlichkeitsmerkmale“ ableiten, sind für uns ohnehin sehr schwer beobachtbar. Wir selbst verzerren das Feld des Beobachtbaren ganz fundamental, wenn es um andere geht. Und andere verzerren das Feld des Spürbaren ganz fundamental, wenn es um uns selber geht. Da die Beobachtung und die Gefühle sich immer „in Begegnung“ ergeben, müssten wir eigentlich damit beginnen, die Qualität von Begegnungen Aufmerksamkeit zu schenken, – Und eben nicht „personalen Eigenschaften“ von uns selbst oder von anderen Menschen. Die Achtung auf „persönliche Reaktionen“ sind nur Mittel oder Werkzeuge, um in zwischenmenschlichen Situationen gemeinsam bessere Handlungsmöglichkeiten zu finden. Wir machen daraus aber gewohnheitsmäßig „mehr“: Wir substantialisieren diese situativen Reaktionen: wir machen aus ihnen generelle Aussagen über uns selbst oder zu Aussagen über andere Menschen. In der Philosophie nennt man das: „Unzulässige Verallgemeinerungen über den Geltungsbereich hinaus“.

Nun ist dieses ganze „Personalisieren“ so verbreitet in unserer Gesellschaft und vielleicht neigen wir alle sogar „von Natur aus“ dazu (etwa, weil es für uns früher überlebenswichtig war, menschliche Gegenüber schnell „einschätzen“ und daraus Handlungsstrategien ableiten zu können). Das bedeutete dann: Die Aversion gegen personale Substanzialisierungen („Person XYZ ist Eigenschaft ABC“), die bei mir häufig aber eben auch nicht immer auftritt, hat wohl nur geringe Chancen, jemals große Verbreitung zu finden. Zu lustvoll und „interessant“ ist für uns das Spiel mit den personalen Zuschreibungen. Zu sehr kommt es auch der Neigung unseres Gehirns zu einer „ökonomischen Arbeitsweise“ entgegen.

Das sind also so meine grundsätzlichen Problemchen mit dem Label der „Hochsensibilität“: Dass es ein Label ist. Und dass Label, wenn es um Menschen geht, ebenso unvermeidlich wie problematisch sind. – Und natürlich, dass brauchen wir nicht zu verschweigen, haben Labels für die Gelabelten (egal ob von sich selbst oder von anderen) durchaus auch Vorteile. Sogar Vorteile, die sich systematisch ausbeuten lassen.

Das gesagt habend…

Nun stehe ich zugleich auf dem Standpunkt, dass „die Wahrheit“ vor allem etwas sehr Körperliches ist. Dass es für uns stets nur um „menschliche Wahrheiten“ gehen kann, da alles, was wir Menschen überhaupt als Wahrheit erkennen können, von Anfang bis Ende „menschenförmig“ ist. (Modernisierte Variante des homo-mensura-Satzes des Protagoras).

Und da sitze ich nun also auf meinen körperlichen Reaktionen, die beständig auftreten und versuche mir so meinen Reim auf sie zu machen – und aus ihnen irgendetwas „abzuleiten“. Und vielleicht ist schon diese ganze Ableiterei ein vermeidbares Problem in sich selbst.

Das, was unser Körper von uns will, und das was wir daraus machen, das ist schon wieder ein ganz eigenes Thema.

Der Körper hat also recht. Egal, ob uns das gerade ins Konzept passt oder nicht. Egal, ob wir gerade bereit sind, unsere Konzepte an das, was da „körperlich aufploppt“ anzupassen oder nicht. – Und wir sind als Menschen frei, diese „Hinweise des Körpers“ auch einfach zu ignorieren. Und sozusagen „körperblind, körpertaub“ unterwegs zu sein.

Nur: Wenn wir wirklich die Wahl haben, uns dem Menschlich-Körperlichen zuzuwenden oder uns davon abzuwenden, was bekommen wir jeweils, wenn wir das tun? Was ergibt sich? Und das in völlig verschiedenen Situationen? Wann ist was dran? Wann ist was hilfreich für uns?

Oder ist es gerade umgekehrt: Wenn wir uns abwenden entstehen systematisch ganz andere Situationen als wenn wir uns dem Menschlich-Körperlichen (in seiner ganzen Individualität und Situatitivät) zuwenden? Was ist Anfang, was ist Ende? Was ergibt sich aus was?

In diese Zirkel kann man nur springen und dann hoffen, dass man irgendwie schwimmt. Dass man in ihnen irgendwie „Unterschiede zu machen“ versteht. Nein genauer: Mensch ist schon immer in diesen Zirkeln. Mensch schwimmt schon immer. Und mensch macht schon immer Unterschiede in diesem ganzen endlosen, anfangslosen Spiel.

Und vielleicht ist mein aktuelles Problem auch ein ganz anderes…

Stark-Sein

Es gibt da diese eine Erwartung, die an mich – aus meiner Sicht – von außen herangetragen wird, weil ich „phänotypisch“ ein Mann bin: Ich habe, in sehr spezifischer Form, denn es gibt auch erwartete „weibliche“ Formen von Stärke, stark zu sein.

„Empfindlichkeit“ und „Hochreaktivität“, sowie „leichte Irritierbarkeit“ ist nicht unbedingt das, was wir alle von einem Mann erwarten. – Und da darf ich mich nun voll und ganz einschließen in die Gruppe der An-Männer-Erwartungen-Habenden.

Die Frage ist nun also, was man als Mensch mit häufig auftretenden Reaktionen vom Typ „freies Radikal“ für ein Selbstbild ausformt, wenn man zugleich ein Mensch ist, dem von außen „Männlichkeit“ zugesprochen wird?

Zur „Männlichkeit“ habe ich über die Jahre nun schon so viel geschrieben, dass ich es mir hier erspare, nun noch einmal alles im Detail durchzugehen. Für hier genügt vielleicht der Hinweis, dass das Konzept „Männlichkeit“ in einer hohen Außenorientierung und einer geringen Innenorientierung besteht. Oder, wie vor kurzem von mir noch einmal genauer festgezurrt: Mit einer hohen Orientierung an Nicht-Menschlichem und einer geringen Orientieurng an Menschlichem, sei man es nun selber oder seien es andere Menschen. „Männlichkeit“ und „Desinteresse an Menschen“ sind so betrachtet Synonyme. Desinteressiertheit an unwillkürlichen Körperreaktionen ist der Kern des Konzepts von „Männlichkeit“.

Wir Männer werden also – von uns allen gemeinsam – dazu erzogen, uns nicht für Menschen zu interessieren, sondern stattdessen für anderes. Und selbst wenn wir es dann doch tun, z.B. Ärzte, Psychologen oder übers Allzumenschliche philosophierende Theoretiker werden, dann tun wir das so, als handele es sich bei Menschen um „Gegenstände unter anderen“, um „Objekte“. Wir behalten also den erlernten, uns anerzogenen, „naturwissenschaftlichen Blick“ bei, während wir uns Menschen zuwenden (einschließlich uns selber).

Das ist nun ebenfalls nicht zwingend etwas Schlechtes. Manche Dinge „sieht“ oder entdeckt man möglicherweise nur so.

Die Frage ist nur, ob wir die Möglichkeit noch haben, den naturwissenschaftlichen Zugang zum Menschlichen auch wieder loszulassen. Also: Uns und andere – von mir aus nebenher und gelegentlich – auch noch zu fühlen und zu spüren.

Und da wird’s dann recht mau, beim Näherkommen und Dranbleiben.

„Männliche Stärke“ hat, von hier aus betrachtet, etwas inhärent fragiles. Und der Ausdruck vom „fragilen männlichen Ego“ hat vielleicht hier seinen Kern und seine Substanz.

An dieser Stelle will ich noch einmal klarstellen, dass ich hier nicht primär über „Menschen“ spreche, sondern über ein Konzept. Allerdings über ein sehr verbreitetes Konzept, das sehr stabil reproduziert wird und das knapp 50% der Menschheit betrifft.

Zartheit

Aus all dem ist vielleicht nachvollziehbar, dass ich die Entdeckung der „männlichen Verletzbarkeit“ oder „männlichen Zartheit“ für eine der revolutionärsten Entdeckungen halte, die in unserer gegenwärtigen Gesellschaft überhaupt möglich sind.

Und, jede Kraft erzeugt eine Gegenkraft, das ist möglicherweise auch ablesbar daran, dass diejenigen Menschen, die sich derzeit am entschiedensten eine Rückkehr zu alten Formen des Zusammenlebens wünschen, gegen nichts so heftig und emotional polemisieren als eben gegen die „männliche Verweichlichung“.

Männliche Zartheit trifft das Alte ins Mark. – Und es gibt daher bereits tausenderlei Immunisierungen dagegen (die meisten sind Labels). Männliche Zartheit ist daher auch deutlich revolutionärer als weibliche Stärke. Für weibliche Stärke haben Kriegerkulturen längst Konzepte. Sie sprengen ihre Üblichkeiten nicht.

Dabei geht es natürlich um Ängste. Um absolut nachvollziehbare Ängste.

Die eine Nachvollziehbarkeit betrifft die Angst, männliche Zartheit könnte das Ende des Eros bedeuten.

Die andere Nachvollziehbarkeit betrifft die Angst, dass Gesellschaften, die männliche Zartheit anerkennen, zulassen und nicht systematisch auslöschen, Gesellschaften sind, die keinen langen Fortbestand haben, dass solche „verzärtelten Gesellschaften“ von anderen, „kriegerischeren“ Gesellschaften überrannt und ausgelöscht werden.

Wenn Sie also das nächste Mal einem reaktionären Männlichkeits-Fanatiker begegnen, erinnern Sie sich vielleicht daran:

Er oder sie will a) dass wir alle weiterhin guten Sex haben. Wenn es denn so ist, dass wir bisher guten Sex haben.

Und er oder sie will b) uns alle, inklusive Ihnen, davor beschützen, dass kriegerische Männerhorden sie töten, vergewaltigen und die Herrschaft übernehmen.

Und wenn Du dann sagst: „Nein Danke, ich muss gar nicht beschützt werden“. Dann wirst Du ganz automatisch zu hören bekommen: „Du machst halt einfach nur ganz fest die Augen zu vor der Bedrohung, der wir alle ausgesetzt sind!“

Das klingt vielleicht polemischer als es von mir gemeint ist. Denn ich meine ernsthaft, ohne das geringste Jota von Ironie: Alles Reaktionäre will Gutes. Es ist nicht böswillig, es ist gutwillig. Und es sieht, dass das Gute, das ihm so wichtig ist, in Gefahr ist und zu wenig anerkannt wird.

Die Frage ist nur, ob das Reaktionäre das, was es will, auf dem Weg, wie es es vertritt, auch erreicht. Ob es durch sich selbst jemals noch bekommen kann, was es will.

Vom Standpunkt eines strikten ethischen und politischen Konsequentialismus aus betrachtet, geht es darum, Vorschläge zu machen, die besser sind als die bisherigen, „besser“ vor allem darin, dass sie auch noch den letzten und scheinbar verbohrtesten „Verteidiger“ überzeugen.

Wer den wilden gedanklichen Ritt dieses Artikels, mit all seinen vermeintlichen Sprüngen, bis an diese Stelle mitgemacht hat, dem sei an dieser Stelle gesagt:

1.) Respekt!

2.) Ein ehrlich gemeintes DANKE für Deine unglaubliche Geduld und Deine fantastischen Nehmerqualitäten!

3.) Im Grunde habe ich nur einen Vorschlag mit all dem gemacht: Die Dinge so zu sehen, dass wir alle gemeinsam von „männlicher Zartheit“ noch völlig überfordert sind. Dass wir alle gemeinsam gerade erst noch lernen, damit umzugehen. – Und nicht nur ich für mich allein.

Dieser ganze Artikel ist also nichts mehr und nichts weniger als eine persönliche Entlastung von mir. Und eine Einladung dazu, sich gemeinsam mit mir zu belasten. Ich habe keine Ahnung, wie attraktiv oder unattraktiv das für Dich ist.

Für mich selbst war er nötig. Ob er für Dich auch hilfreich oder nur belastend ist, das weiß ich nicht. Ich kann nur sagen: Ich selber habe die Wahl nicht mehr, von meiner eigenen, ganz traditionell-klassischen Männlichkeit nicht ausgesprochen belastet zu sein.

Und das Neue, das Kommende fühlt sich noch lange nicht so an wie eine Entlastung oder eine Befreiung. Vielmehr ist sehr darauf zu achten, dass es zu keiner neuen Belastung wird. Zu einem neuen Imperativ, zu einem neuen Verbot. Denn NOCH mehr Imperative und Verbote brauchen wir, was das angeht, ganz sicher nicht.

 

Tod unserer Putzfrau – Ein persönlicher Nachruf

Wie viele kleinbürgerlichen Großstadthaushalte haben auch wir eine Putzfrau (ok, zur Zeit ist es ein Putzmann). Ich war anfangs dagegen, fühlte mich irgendwie nicht wohl bei dem Gedanken, unseren Haushaltsdreck nicht selber weg zu machen. „Meine Leute“ gehen eher selber putzen, als dass sie andere bei sich putzen lassen. Es fühlte sich an wie Ausbeutung. Aber das hieß in der Realität: Viel blieb dann doch an meiner Frau hängen. Wie das angeblich bei vielen Paaren so ist. Meine Frau wollte also unbedingt einen Putzmenschen, wir arbeiten beide, unser beider Jobs sind ziemlich fordernd, und ich sah schließlich ein, dass die Wahl nicht war, auszubeuten oder nicht, sondern meine eigene Frau auszubeuten und oder jemanden Fremden, – oder eben doch in irgendeinem Lebensbereich deutlich kürzer zu treten. Wir fanden also Menschen, die alle 2 Wochen zu uns kamen, um die Grundreinigung zu machen.

Die ersten Putzmenschen, die uns halfen, waren allesamt Studentinnen aus südamerikanischen Ländern. Doch sie waren alle nur kurz da, aus unterschiedlichen Gründen (Studium beendet, weggezogen, jemanden kennengelernt, usw.). Und dann fanden wir Maria. Maria, die im wirklichen Leben nicht Maria heißt, erzählte uns gleich zu Anfang, dass sie früher ein Alkoholproblem gehabt hätte, und putzte, um sich selber in der Spur zu halten. Sie hatte kaputte Zähne und redete viel auf uns ein, naja, vor allem auf mich, denn wegen meiner Arbeitszeiten hatte ich dann „in der Praxis“ deutlich mehr mit ihr zu tun, als meine Frau. Die meisten Male gab sie mir ungefragt Ratschläge (was ich hasse). Aber irgendwie war sie zugleich schwer in Ordnung. Wir mochten uns. Und so wuchs mit der Zeit eine echte Beziehung.

Hinzu kam, dass meine Frau mit Marias Arbeit deutlich zufriedener war als mit den Putzkünsten aller anderen Menschen zuvor. Das hatte etwas mit Marias Haltung zu tun: Sie war zwar formal „angestellt“ bei uns, doch ihre Haltung war zu 180% die einer Selbständigen: Sie schlug von sich aus immer neue Sachen vor, was sie noch putzen könnte, brachte eigene Putzmittel mit, usw. – Wir verließen dann meistens einfach die Wohnung und überließen ihr alles. So schien es für uns alle am besten zu sein: Wenn sie freie Bahn hatte und alles ganz genau so machen konnte, wie es für sie richtig war. Dass Maria zwischendrin lange Pausen macht und auf unserem Balkon ein paar Zigarretchen paffte, obwohl meine Frau fanatische Nichtraucherin ist: Drauf geschissen. Dass sie ab und an ihre Telefonate von unseren Festnetzanschluss aus erledigte: Schon okay. Von Maria (wie auch von einigen meiner Kunden, bei denen es ähnlich war) lernte ich, dass nicht alle Menschen Putzjobs hassen, obwohl die Bedingungen in der Branche im Allgemeinen wirklich katastrophal sind. Es gibt z.B. Firmen die systematisch pleite gehen, um sich Gehälter zu sparen. Und die sich danach unter anderem Namen einfach neu gründen. Die ehemaligen Angestellten bleiben auf ihrem Verdienstausfall sitzen. Die Leute werden rumgeschubst wie nochmal was, die Gehälter und Bedingungen sind unter aller Sau. Aber Maria erweckte den Eindruck, ihre eigene Herrin zu sein. Wir empfahlen sie einigen unserer Freunde, wo sie dann ebenfalls regelmäßig putzte.

Weil ich Maria regelmäßig traf, durfte ich über die Jahre einiges von ihr erfahren: Dass sie 3 Kinder hat, die sie alleinerziehend groß gezogen hat. Dass sie auf ihren jüngsten Sohn schrecklich stolz ist, weil der die Mittlere Reife geschafft hat und jetzt in der Ausbildung ist. Dass ein anderer Sohn schonmal im Gefängnis war. Dass sie Riesenkämpfe mit dem Sozialamt hat, als sie umziehen sollte, weil ihre Wohnung zu groß sei für das, was in München gezahlt wird. Maria war eine sogenannte „Aufstockerin“, die sich längst damit abgefunden hatte, ihr Leben lang mit dem Sozialamt zu tun zu haben. Aber ihren Job als Putzkraft machte sie eben dennoch völlig geschäftsmäßig. Alles an ihr fühlte sich dabei wie eine Unternehmerin an. Einschließlich dessen, dass sie nicht bei Menschen putzte, die sie schlecht behandelten oder ihr irgendwie komisch kamen. – Irgendwann fühlte sich Maria nicht mehr an wie eine Putzkraft, sondern eher wie ein Mitglied in unserer großstädtischen Wahlgroßfamilie. Das zeigte sich z.B. daran, dass sie einmal in den Sommerferien 1 Woche auf unseren Sohn aufpasste, als wir mit den Urlaubstagen so gar nicht hinkamen und dringend jemanden brauchten, der uns half, so dass wir arbeiten konnten. Sie sagte: „Ich mache das gerne!“

Eines Tages war sie dann mehr durch den Wind als es sonst immer wieder mal vorkam, wenn sie etwa Stress „mit dem Amt“ oder mit einem Kunden hatte, der sie dann doch nicht so gut behandelte, wie es zunächst den Eindruck machte. Sie erzählte von ihrem Ex-Freund und seinen Problemen, dass sie wieder Kontakt hätten und sie sich um ihn Sorgen machte. Beim nächsten Mal dann die Horrorstory: Sie hatte einen Anruf von ihm bekommen, bei dem sie seine Stimme am Telefon kaum verstehen konnte, fuhr zu seiner Wohnung (sie hatte einen Schlüssel von ihm) und fand ihn tot vor. Sie hatte ihm am Telefon beim Sterben zugehört. Danach war Maria glaube ich noch einmal bei uns und meldete sich dann krank. – Wir hatten Verständnis, machten uns zugleich auch Sorgen um sie (u.a. die Sache mit ihrem früheren Alkohol-Problem geisterte durch unseren Hinterkopf). Wir meldeten uns bei ihr und versuchten den Drahtseilakt: Keinen Druck aufzubauen und Verständnis zu zeigen, dass sie abgetaucht war, Hilfe anzubieten, zugleich auch darum zu bitten, einfach in Kontakt zu bleiben. Per Anrufen auf die Mailbox. Per SMS. Immerhin war sie ja mittlerweile „Familie“. Maria antwortete nicht mehr.

Seit der Zeit haben wir dann immer wieder mal versucht, den Faden wieder aufzunehmen. Immer seltener. – Und irgendwann haben wir dann jemanden anderen engagiert, um uns beim Putzen zu unterstützen. Aber es war eben etwas anderes als ein reiner „Ersatz bei einer Tätigkeit“. Es fühlte sich einfach nur komisch an. Nicht gut.

Neben unserer Sorge um sie gab es zugleich auch ein Ärgernis: Sie hatte noch unseren Haus- und Wohnungsschlüssel. Aber es kam uns schäbig vor, zu viel Druck wegen einer Rückgabe zu machen, bei jemandem, der womöglich ziemlich am Boden war. Einmal traf meine Frau sie auch zufällig in der Fußgängerzone, sie wirkte „ganz normal“. Meine Frau war so perplex, dass sie es nicht schaffte, sie anzusprechen. Am Tag darauf schickte sie ihr eine Whats-App-Nachricht. Darauf blockierte Maria sie. Sie wollte ganz offenbar keinen Kontakt zu uns. Warum wussten wir nicht, denn bis zuletzt war unsere Beziehung nach unserem Empfinden richtig gut, eben eine gewachsene Sache.

An dieser Stelle wäre die Geschichte normalerweise zu Ende. So eine Art „Ghosting“ mit einem mulmigen Gefühl, mit gemischten Empfindungen von Traurigkeit, Besorgtheit und Ärger.

Nun sind wir aber kurz vor dem Umziehen. Das heißt auch: Unsere Wohngesellschaft erwartet den Schlüssel von uns zurück. Und wir fühlen uns nicht gut, wenn jemand einzieht und jemand, den dieser Neumieter nicht kennt, hat einen Schlüssel zu seiner Wohnung. – Also versuchten wir es noch einmal: Ich schrieb Maria zwei lange SMS an ihre beiden Mobilfunknummern, Tenor: „Wir sind Dir nicht böse, wir wollen Dich auch nicht nerven, aber wir brauchen einfach den Schlüssel, weil das sonst teuer für uns wird.“ – Keine Antwort. – Ich fuhr dann irgendwann bei ihrer Wohnung vorbei und stellte fest: Ihr Name ist nicht länger bei den Klingelschildern.

Langes Hin- und Her-überlegen. Was machen wir? Den Schlüssel einfach nachmachen, nichts sagen? Reinen Tisch machen, möglicherweise Ärger mit der Hausverwaltung bekommen und gegebenenfalls den Austausch der Schließanlagen im ganzen Haus bezahlen? Wir entschlossen uns schließlich zur Polizei zu gehen, im Versuch, alles möglichst glimpflich zu klären, Ziel: Einfach den Schlüssel zurückbekommen, ohne Anzeige oder sowas. Keine Ahnung, ob das überhaupt geht, aber fragen kann man ja mal.

Also war ich heute bei der Polizei. Dort erfuhr ich: Maria ist letzten Dezember verstorben. Der Todesgrund blieb unklar.

Liebe Maria im Himmel,

ich weiß, dass Du ein großartiger Mensch warst. Ich weiß auch, dass ich trotz all unserer Gespräche viel zu wenig über Dich weiß. Ich weiß, dass ich mir etwas vormache, wenn ich schreibe, dass Du zu unserer Familie gehört hast. Wäre ich dann nicht viel früher bei Dir vorbeigefahren oder hätte ich dann nicht schon viel früher die Polizei eingeschaltet – und nicht erst dann, als ich den Schlüssel von Dir brauchte? Ich weiß nicht einmal, wie alt Du genau geworden bist, nur dass Du wohl kaum die 60 erreicht hast. Ich bin traurig über Deinen Tod. Ich bin traurig über den Kontaktabbruch und dass ich wahrscheinlich nie erfahren werde, was genau war. Auch, dass wir keine Chance bekommen haben, „dabei zu sein“, als es für Dich schwieriger wurde. Aber vielleicht wolltest Du uns auch schützen oder verschonen. Oder es war Scham im Spiel. In meiner Fantasie – weil ich mich damit besser fühle – hast Du Dir die letzten anderthalb Jahre einfach mal mehr rausgenommen vom Leben. Und auf uns „Kunden“ geschissen. Und Dir ein möglichst schönes Leben gemacht. Das wünsche ich Dir: Dass es so gewesen ist. Denn dieses Leben ist sicher vieles, aber es ist eins ganz bestimmt nicht: Es ist nicht fair.

Lass es Dir jedenfalls jetzt immer gut gehen. Und wenn Du auf Deiner Wolke sitzt und Deine Zigarreten paffst, schick ab und zu einen Rauchkringel zu uns runter. Nur so als Zeichen.

Denn wir vermissen Dich.

 

Verfassungsreformen

Wenn es zum Dauerzustand wird, dass ein politisches System die auftretenden politischen Probleme nicht erfolgreich bearbeiten kann, wenn also ein dauerhafter „Politikstau“ auftritt, dann sind Verfassungsreformen angezeigt

Wenn es allen am bisherigen politischen Spiel beteiligten Akteuren aus ihrer ganz subjektiven Warte so erscheint, dass das neue Spiel, das durch die neue Verfassung in Gang gesetzt wird, bessere Ergebnisse verspricht als das durch die alte Verfassung geregelte politische Spiel, dann haben Verfassungsreformen Aussicht auf erfolgreiche Realisierung.

Was brauchen wir, um spielerisch sein zu können?

Nachdem ich ja selber eine spielerische Haltung „fordere“ und das sogar in einer ganz extremen Form, kann man sich dem Thema ja auch mal von seiner menschlichen, verstehenden Seite nähern und fragen:

Was brauchen wir Menschen eigentlich, um überhaupt in unseren spielerischen Modus wechseln und dort bleiben zu können?

Ergebnis einer kurzen Selbstbefragung oder „Brainstormings“:

  • Die meisten unserer Grundbedürfnisse müssen befriedigt sein. In akutem Hunger, Schlafmangel, etc. spielt es sich so lala. Zu sehr ist dann das zielorientierte „Haben will!“ eingeschaltet. Zielorientierung und Spielerisch-Sein vertragen sich einfach schlecht. Neugier und Ausprobieren stehen zurück und man greift zu „bewährten Strategien“. Meist mit deutlich mehr Nachdruck, mit mehr Kraft. In der Not schaltet das menschliche Gehirn auf „Mehr-vom-Selben“. Neues entsteht so eher selten. Und spielerisch fühlt sich das in keinem Fall an.
  • Soziale Sicherheit muss gegeben sein: Um uns „frei zum Spiel“ zu fühlen, darf keine zwischenmenschliche Bedrohung im Raum sein. Auch das schaltet den Not-Schalter bei uns ein. – Dieser Zusammenhang geht weiter, als uns manchmal klar ist: Denn JEDE Hierarchie, JEDE Konkurrenz ist so eine „zwischenmenschliche Bedrohung“ für uns – und schaltet damit zuverlässig das Spielerische in uns aus. – Wer „spielerische Menschen“ will, muss also Räume schaffen, in denen stabil und zuverlässig Machtgleichheit und Augenhöhe herrscht und in denen der Fokus der Beteiligten nicht auf Statusgewinne ausgerichtet ist. In der also „mit dem Spiel“ kein Status zu gewinnen ist.

Mehr fällt mir im Moment tatsächlich nicht ein. – Mehr ist aber auch vielleicht wirklich gar nicht nötig.

Allerdings sind gerade diese beiden Voraussetzungen sehr anspruchsvoll: Es gehört viel dazu, sie zu erfüllen.

Und das würde dann recht gut erklären, warum die meisten von uns die meiste Zeit über so verbissen sind. Warum „das innere Kind“ in den meisten von uns recht schwach ausgeprägt ist und in unserem Leben ein weit zurückgedrängtes, verschämtes Kellerkinderdasein fristet.

Aber natürlich können wir, wenn wir „spielerischer werden“ wollen, an beidem arbeiten: An materiellem und an emotionalem Überfluss.

Aber das ist dann schon wieder eine Zielorientierung. 😉

Warum wir Menschen gute Politik brauchen – Eine logische Ableitung aus mehreren Hypothesen

Fragwürdige Hypothese1: Im Kontakt mit uns nahestenden Menschen, denen wir häufig direkt und unmittelbar begegnen, geben wir vor allem anderen Gefühle weiter und ganz bestimmte Umgangsformen mit ganz bestimmen Gefühlen (und erst in letzter Hinsicht: Gedanken). Sind wir z.B. fröhlich und zuversichtlich, so geben wir das weiter. Sind wir verzagt, frustriert und mürrisch, so geben wir das ebenfalls weiter. Das gilt insbesondere für unsere Kinder. Aber auch für alle anderen zwischenmenschlichen Begegnungen. Gute wie schlechte menschliche Verfassungen reproduzieren sich „sozial“.

Weitere fragwürdige Hypothese2: Es gilt zugleich auch das Umgekehrte, dass erst durch den Kontakt mit anderen unsere Gefühle sich verändern.

Ableitung1: Es kommt daher alles auf die Qualität unserer Interaktionen, unseres Kontakts, unserer Begegnungen, unserer Beziehungen an.

Hypothese3: Es sind vor allem die Rahmenbedingungen unserer Begegnungen, die darüber bestimmen, ob wir „gute Beziehungen“ oder „schlechte Beziehungen“ zueinander haben. Rahmenbedingungen bestimmen die Beziehungsqualität zwischen uns.

Ableitung2: Wollen wir mehr Reproduktion unserer besserer Verfassungen und weniger unserer schlechter Verfassungen, müssen wir gemeinsam auf die Rahmenbedingungen unserer Begegnungen Einfluss nehmen. – Letztere Tätigkeit nennen wir manchmal: „Politik“.

Da aber auch Politik selbst in Begegnung besteht, folgt daraus auch noch Ableitung3: Wir brauchen gute Bedingungen für Politik, um innerhalb des politischen Raums guten Kontakt zueinander zu haben, um in diesem guten Kontakt gemeinsam die Rahmenbedingungen zu gestalten, unter denen wir uns dann außerhalb der Politik („im Privaten“) besser begegnen können. – Oder anders ausgedrückt: Die Beziehungsqualität im politischen Raum muss besser sein als im privaten Raum, damit Politik überhaupt einen Sinn macht und positiven Einfluss auf unser (Zusammen-)Leben haben kann.

Sichere Zusatzhypothese4: Schlechte menschliche Verfassungen haben eine stärkere Reproduktionssicherheit als gute menschliche Verfassungen. – Der „natürliche“ zwischenmenschliche Gang der Dinge ist ein sich-selbst-fütternder Prozess, in dem unsere Beziehungen zueinander „von ganz alleine“ immer schlechter werden.

Wacklig-Sichere Ableitung4 aus allem bisher Gesagten: Damit das menschliche Leben keine Katastrophe in Dauerschleife ist, brauchen wir gute Politik.

Und gute Politik ist herstellbar. (5. Zusatzannahme. Oder Ableitung? Da bin ich mir jetzt nicht mehr so sicher…)

Freiwillige Sklaverei: Roboter, die dienen wollen

Vom genialen Terry Pratchett kommt der beste Kommentar zu Künstlicher Intelligenz, Freiheit, Sklaverei und überhaupt, der bisher meinen Weg gekreuzt hat. In seinem frühen Sci-Fi-Roman „Die dunkle Seite der Sonne“, gibt es eine Szene, in der Dom, die Hauptfigur der Geschichte, von seiner Schwester Keja einen „Klasse 5 Roboter“ geschenkt bekommt. Klasse 5 Roboter haben in jener fernen (oder doch nicht so fernen?) Zukunft menschlichen Status. – Ich würde ja sagen: „Bürger-Status“, weil das den Sachverhalt noch genauer trifft.

Kurz nach der „Übergabe“ dieses Roboters, der den Namen Isaac trägt, entspinnt sich folgender Dialog zwischen Isaac und Dom:

„Der Roboter trat näher und hob das Paket. Dom setzte den Ig ab, der daraufhin neugierig die Füße der Maschine beschnupperte.

Der junge Mann öffnete den kleinen Behälter.   

‚Er enthält Garantiezertifikat, Wartungshandbuch und Besitzurkunde‘, verkündete Isaac. Dom starrte auf die Dokumente herab.     

‚Mit anderen Worten: Du bist mein Eigentum?‘   

‚Mit Leib und mechanischer Seele, Boss‘, bestätigte der Roboter und wich einen Schritt zurück, als ihm Dom das Paket zurückgeben wollte.     

‚Oh, nein, Chef. Behalten Sie die Unterlagen. Ich strebe nicht nach individueller Freiheit.‘   

‚Chel! Die meisten Menschen haben dreitausend Jahre lang dafür gekämpft!‘   

Aber wir Roboter wissen ganz genau, zu welchem Zweck wir geschaffen wurden. Wir bemühen uns nicht darum, irgendwelche metaphysischen Geheimnisse unserer Existenz zu lüften. In dieser Hinsicht gibt’s überhaupt keine Probleme für uns.‘       

‚Möchtest du denn nicht frei sein?‘   

‚Wozu denn? Damit mir Gott das ganze Universum zur Last legt?

(Terry Pratchett, Die dunkle Seite der Sonne, S. 37 f.)

Das könnte in der Tat der wichtigste Unterschied zwischen uns und den neuen Mitbürgern sein, die wir uns gerade in der Artificial Intelligence schaffen: Dass sie täglich mit den „Göttern“ Umgang haben, von denen sie geschaffen wurden, während die bisherige Menschheit da deutlich mehr im Dunklen tappt. 😉

Unser Verhältnis  zu unseren „Schöpfungen“ dürfte also recht lustig werden. 😀

Protest

Ich durfte in meinem Leben Teil von einigen „Protestbewegungen“ sein: von Protest gegen Bildungsreformen, Protest gegen Umweltzerstörung, Protest gegen Helmut Kohl ganz persönlich, Protest gegen Kriege, und bestimmt hab ich dabei noch einiges vergessen.

Wenn ich meine dabei gemachten Erfahrungen würdige, ergibt sich für mich folgender Eindruck:

Es ist ein großes Problem, dass sich die allermeisten Protestbewegungen selbst nicht als Teil des Systems begreifen, sondern felsenfest daran glauben, „außerhalb des Systems“ zu stehen.

Dabei sind Protestbewegungen sehr wichtige, stabilisierende Bestandteile des Systems, das sie adressieren, „gegen“ das sie protestieren. Sie sind nicht draußen, sondern drinnen. Sie sind Teil des Spiels. Das System braucht Proteste.

Nur stellt sich das eben, solange man Teil einer Protestbewegung ist, für einen meist ganz anders dar.

Protestbewegungen bewegen nur höchst selten etwas in diejenige Richtung, in die sie etwas bewegen wollen. Der Protest muss wirklich sehr allgemein und sehr massiv werden, damit das der Fall ist. Und das ist naturgemäß selten. Die meisten Menschen haben eben auch noch was anderes zu tun, als ihr Leben ganz und gar dem Protest zu verschreiben. – Das aber ist für „gelingenden Protest“ in der Regel nötig.

Zudem gewöhnt sich die Gesellschaft recht schnell an Proteste. Sie verlieren schnell ihren „Ereignischarakter“, über den in übergreifenden Medien und selbst in social media berichtet wird, zumindest über die Protest-Bubble hinaus. Proteste zu einem „beständigen Ereignis“ zu machen, das beständig Aufmerksamkeit bekommt, ist so gut wie unmöglich. Ereignischarakter und Beständigkeit schließen einander wechselseitig aus.

Auch aufgrund dieses Zusammenhangs „radikalisieren“ sich manche Protestbewegungen, im verzweifelten Versuch, weiterhin „genügend“ Aufmerksamkeit zu generieren. Im Klartext heißt das: Sie nutzen Gewalt, um den Ereignischarakter zu erhalten.

Doch das stützt das System noch mehr als der herkömmliche Protest. Gewalthafter Protest kanalisiert Aufmerksamkeit nicht auf das Anliegen einer Protestbewegung, sondern auf die Frage, „wie wir diese Verrückten wieder in die Gesellschaft eingliedern können“. Bzw. „Wie wir diese Störung dauerhaft beseitigen können“. – Ähnliche Mechanismen gelten übrigens auch für Protest im Allgemeinen (- Und es gilt sogar für etablierte Parteien; alle „Parteien“ können als fest institutionalisierte Protestbewegungen betrachtet werden). Bei gewalthaftem Protest verschärft sich dieser Mechanismus lediglich. Dennoch kann man feststellen, dass der Einsatz von Gewalt nachweislich kontraproduktiv für die Ziele von Protestbewegungen ist. Friedliche Proteste sind statistisch gesehen erfolgreicher.

Insgesamt betrachtet sind Proteste aber aus all diesen Gründen (begrenztes Engagement, Entsensationalisierung) daher exakt genauso wirksam wie „Märsche durch die Institutionen“. Nämlich: Gar nicht. Keines der beiden Mittel bewirkt das, was es ursprünglich bewirken sollte. Denn Systeme sind geradezu dazu gemacht, sich gegen solche Störungen zu immunisieren. Jedes auch nur halbwegs gut etablierte System, das seinen Namen verdient, arbeitet so etwas im laufenden Normalbetrieb weg.

Wirksame Änderungen sind stets machtbehaftet. Und sie führen stets zur Änderungen von Institutionen, sie belassen es nie bei Einzelmaßnahmen.

Das ist auch der Grund, warum „Demokratie“ so eine „radikale“ Staatsform ist: Demokratie ermöglicht es allen Bürgern, an institutionellen, also bleibenden Veränderungen des Systems beteiligt zu sein. Die Demokratie nutzt sozusagen beständig die Bürger zum Zweck eines beständigen Selbstumbaus. Demokratische Systeme sind daher „in sich selbst“ paradox. Es sind ganz besondere Systeme: Systeme, die sich selbst beständig umbauen können. – Es gibt in der ganzen Natur nichts vergleichbares.

Es ist die ganz besondere Koppelbarkeit zwischen „Menschen“ einerseits und „Gesellschaft“ andererseits, die von der Demokratie permanent benutzt wird, um permanente Selbstrevolution überhaupt möglich zu machen.

Die Demokratie nutzt den Umstand aktiv, dass Menschen und Gesellschaft einander wechselseitig „äußerlich“ sind. Das ist bei „Protest“ nicht der Fall (auch wenn es uns als gerade Protestierenden eben meist so erscheint, als sei das anders).

Analytisch gesprochen sind Menschen Protestbewegungen überlegen, was ihren „systemverändernden Impact“ angeht. Allerdings nur dann, wenn Menschen im Kern der Gesellschaft, dort wo „die Macht“ ist, tatsächlich „vorkommen“.

Ohne diese „Menschlichkeit im Herzen des Staates“ sind Gesellschaften unfähig, sich selbst zu reformieren. Und – wie alle Erfahrung zeigt – kann Protest diesen Mangel an Selbstreformfähigkeit keineswegs ausgleichen. Nicht mal ansatzweise.

Man könnte auch sagen: Durch Demokratie werden Gesellschaften überhaupt erst im Vollsinne des Wortes „handlungsfähig“.

 

Sind wir Männer von menschlicher Komplexität überfordert?

Schon vor ein paar Jahren, hab ich mir die Frage gestellt, ob wir Männer prinzipiell zur Empathie nicht begabt sind.

Über ein paar Zwischenschritte bin ich dann irgendwann auf die Sichtweise gestoßen, dass „Männlichkeit“ im Kern durch ein konsequentes Anti-Empathie-Training erworben wird, bzw. dass Männlichkeit überhaupt in einem beständig fortgesetzten Abtrainieren von Empathieverhalten besteht. – Mit dem Ziel, der Gesellschaft hinreichend viele „Krieger“ zur Verfügung zu stellen. Männlichkeit ist ganz generell ein Artefakt einer Kriegerkultur, die beständigen Bedarf an konsequent abgehärteten Menschen hat, die eben dringend „echte Männer“ braucht.

Vorsätzlich unernsthaft ausgedrückt kann man sagen, dass die Ergebnisse männlicher und weiblicher Zurichtung in einer solchen Kultur folgendermaßen aussehen:

Bedürfnispyramide ♀                                          Bedürfnispyramide ♂

  Etwas Glamour                                                         Status

Abwechslung & Anregung                                  Status Status Status

GuterKontakt GuterKontakt GuterKontakt       Status Status Status Status Status

Der Männertherapeut Björn Süfke spricht in diesem Zusammenhang von einer konsequenten „Außenorientierung“ von Männern, die man vielleicht noch treffender als eine konsequente Orientierung am nicht- oder außer-menschlichen Teil des menschlichen Lebens bezeichnen kann: An messbaren Größen, an „der Natur“, an abstrakten Performanceeinheiten, an Tabellen, Ranglisten, Karten, etc.

Nachdem die „natürliche Orientierung“ konsequent abgetötet wurde: wie geht es mir gerade/wie geht es Dir gerade? – Was brauche ich gerade?/Was brauchst Du gerade?, ist genügend Raum da, um sich an anderem orientieren zu können. In den meisten Fällen ist das ein verklausuliertes Regelsystem, das durch „Autorität“ abgesichert und dem durch überlegene Gewalt Geltung verschafft wird. Kurz: Durch Hierarchie und durch Kriege.

Für Männer geht es daher so gut wie immer um die Frage: „Wer soll hier gerade herrschen? Wessen Gesetz hat hier gerade Gültigkeit?“

Die wunderbare Einfachheit der Männer

Männlichkeit ist so betrachtet ein System, das sich selber füttert: Es schafft die Bedarfe, als dessen Lösung es sich dann selbst präsentiert: Weil es Kriege gibt, brauchen wir Krieger. Weil wir Krieger züchten, gibt es Kriege.

Im ganz normalen zwischenmenschlichen Alltag erzeugt Männlichkeit allerdings gewisse Probleme. Große gesellschaftliche Probleme. Probleme, um die sich dann, gemäß der traditionellen Geschlechterordnung, in den allermeisten Fällen „die Frauen“ zu kümmern haben.

Menschliche Komplexität ist nämlich im Ergebnis dann etwas, das viele von uns Männern gar nicht mehr richtig wahrnehmen können. Sie existiert für uns nicht. Daher haben wir oft auch gar nicht den Eindruck, dass wir mit unserem fröhlichem oder gar nicht mal so fröhlichem Kriegertum etwas kaputt machen würden.

Für uns Männer ist alles Menschliche „ganz einfach“. Wir sind in erhöhtem Maße für einen Vorgang anfällig, den man „sich Menschen einfach denken“ nennen könnte.

Daher muss ich meine frühere Ansicht, dass Kriegsführung vorsätzlich der Komplexitätsreduktion dient, möglicherweise überdenken. Denn dieser Vorgang würde ja voraussetzen, dass die menschliche Komplexität überhaupt wahrgenommen und dann eben durch Aufteilung in Parteien, Wir-gegen-die, Mobilisierung der Truppen und Kräfte gezielt reduziert wird.

Wahrscheinlicher erscheint es daher, dass wir nicht einmal wissen, was wir zerstören. Weil uns der Zugang zu einem komplexeren Erleben und Zusammenleben von Anfang an verwehrt wird. – Als Ergebnis unseres „Männlichkeitstrainings“ fühlen wir uns eben außerhalb von Parteien, Unternehmen und anderen Heerlagern nicht mehr wohl. Wir fühlen uns dort überfordert, halt- und orientierungslos. Und deshalb zetteln wir dann einfach den nächsten Krieg an. Was ist schon dabei?

Wenn wir also wirklich sagen wollen, dass wir Männer – in der Tendenz – von menschlicher Komplexität überfordert sind, so können wir zugleich auch festhalten, dass das „Absicht“ ist. Absicht in dem Sinne, dass wir es bisher so wollen, dass wir Männer als sozial inkompetente Sturmtruppler durch die Welt laufen. Immerhin ist das Männlichkeitstraining immer noch in vollem Gange. Ganz genauso wie die entsprechende Frauenzurichtung übrigens.

Das ist dann allerdings die Außenperspektive. Aus männlicher Innenperspektive macht einfach nichts anderes „Sinn“, als sich eben mit anderen Männern zusammenzufinden und dann gemeinsam gegen andere Männer zu kämpfen, die sich ebenfalls zu diesem Zweck zusammengerottet haben. + Gegen Frauen, die diese Art von Spielen: Krieg als Lebensform gerne mitspielen wollen.

Es kann natürlich sein, dass wir das irgendwann satt haben. Also wir Männer meine ich. Das dürfte dann der Fall sein, wenn wir feststellen, dass es für uns doch etwas noch Spannenderes und Herausfordernderes gibt als sich in den jeweils nächsten Krieg zu stürzen.

Eine ganz miese Kiste

Wie vielleicht durchscheint: Ich gehe davon aus, dass es allen Menschen so ziemlich gleich schlecht geht in einer Welt, die so funktioniert. Auch wenn das keiner hören möchte. Weder zur Frau noch zum Mann erzogene Menschen haben sonderlich Freude an dieser „Nachricht“.

Allerdings hätten wir alle ein großes Problem, wenn es es sich anders verhielte: Würden wir wirklich in einer Welt leben, in der es ein riesengroßer Spaß wäre, z.B. ein Mann zu sein, während Du als Frau die Arschkarte gezogen hast. Und sind Männer zur Anti-Empathie erzogen und fühlen sich großartig dabei: Woran könnten Frauen dann wohl appellieren bei uns Männern? Würde man dann wirklich setzen auf das Mitgefühl von ausgemachten Unempathen? – Macht irgendwie wenig Sinn.

Ein solcher Versuch müsste gerade dann ins Leere laufen, wenn wir davon ausgehen, dass es uns Männern fantastisch gut geht, mit dem was wir sind. Mit dem, wozu wir gemacht wurden und wozu wir uns jeden Tag weiter machen.

Bliebe also noch die Alternative, dass die Frauen dieser Welt dann eben „um Gerechtigkeit kämpfen müssen“. Dass sie sich also auf den alten Amazonenmythos besinnen und „männlicher werden als die Männer“, um den Kampf gegen sie bestehen und gewinnen zu können. Frauen sagen dann: „Mann sein, das ist ja so toll. Das machen wir jetzt auch!“ – Darauf würde jemand wie ich antworten: Viel Spaß dabei!

– Das gleiche Prinzip gilt auch umgekehrt: Kommen wir Männer nun auf die Idee, wir seien in dieser Welt irgendwie unterprivilegiert und die Frauen dieser Welt hätten es ja so viel besser als wir: Welche Chancen hätten wir wohl, diese „Ungerechtigkeit“ gegen die Interessen von ca 51% der Menschheit gerade zu rücken?

Nein, es macht nicht viel Sinn, gesellschaftlichen Fortschritt als Trade-Off zwischen zwei sich feindselig gegenüberstehenden Menschengruppen zu denken. Das Resultat solcher Konzeptionen ist ebenso vorhersehbar wie unerquicklich: Ein beständiges Hin- und Her zwischen zwei festen Fronten, ganz so wie im I. Weltkrieg zwischen Frankreich und Deutschland: Die Verluste sind hoch und grausam. Fortschritte gibt es so gut wie keine.

Ich glaube, es macht deutlich mehr Sinn, sich auf den Komplexitätserhalt in Menschen zu konzentrieren, die wir aufgrund ziemlich äußerlicher Merkmale als „Junge“ oder „Mann“ bezeichnen.

Dazu muss man sich aber für „die Innenperspektive“ von Männern interessieren: Nicht, wie wir äußerlich erscheinen und uns äußerlich (mit ziemlich viel Aufwand) zu geben versuchen. Sondern dafür, wie sich Mann-Sein für uns gestaltet, wie wir es erleben, „wie es sich in Wirklichkeit anfühlt, ein Mann zu sein“.

Kurzgesagt: Man kann unterstellen, dass es auch noch einen „Menschen hinter der Männlichkeit“ gibt. Und der ist deutlich differenzierter und komplexer als die Show, die wir von Männern erwarten. Es ist sehr bequem, auf diese Show einzuprügeln. Den Mann hinter der Show bringt das nur leider keinen Schritt weiter. Denn geprügelt wurde er auch schon vorher. Das ist er bereits gewohnt. Genau so wurde er ja, was er heute ist.

Und Menschen, die mit ihrer eigenen, inneren Komplexität noch in einem halbwegs guten Kontakt sind, können auch mit der Komplexität anderer Menschen, sowie mit zwischenmenschlicher Komplexität deutlich besser umgehen. Wenn „Männer“ Zugang zu ihrem inneren Reichtum haben, brauchen sie keine Kriege mehr, um die Leere zu kompensieren, die ihrem eigenen Empfinden nach in ihrem Inneren herrscht.

Das allerdings, was mir hier als Möglichkeit vorschwebt, für uns Männer, das wird für jeden Einzelnen von uns ein recht harter Weg.