Der Sinn von Gesellschaft besteht – unter anderem – darin, dass wir nur in Gesellschaft uns selber umfassend wahrnehmen können.

Denn es ist ein weit verbreiteter Irrtum, dass wir uns selbst „am allerbesten“ wahrnehmen könnten. Dieser Irrtum kommt dadurch zustande, dass wir Menschen uns nach außen „verstellen“ können. Oder anders gesagt: Dass wir Menschen „das lügende Tier“ sind.

Denn durch diese unsere Möglichkeit, Innenwahrnehmung und Außendarstellung zu trennen, wird die Illusion befeuert, wir alle seien stets auf der Höhe unserer Innenwahrnehmung und auch unserer Außenwirkungen. – Keine Annahme über uns Menschen könnte aber ist falscher sein als gerade diese…

Der Mensch: Das Wesen, das sich alleine nicht wahrnehmen kann

Das menschliche „Selbst“, das vor allem anderen körperlich verfasst ist, kann in vielen Situationen von anderen Menschen wesentlich deutlicher und unverfälschter wahrgenommen werden als vom vermeintlichen „Besitzer“ dieses Selbst.

Das geht schon mit ganz banalen Dingen los. Z.B. darin, wie wir andere Menschen betrachten und beurteilen. Und wie wir im Gegensatz dazu unser eigenes Spiegelbild oder Fotos von uns selbst betrachten und beurteilen. Wir verhalten uns unseren eigenen Bildern gegenüber in der Regel deutlich anders als wir das gegenüber den „ständigen Bildern“ machen, die wir in unserem Alltag von anderen Menschen erhalten. Das gilt nicht nur für Menschen mit narzisstischen Störungen. Und das hat nicht nur mit dem „Mere-Exposure-Effekt“ zu tun, denn der betrifft nur Fotos. Vielmehr dürfen wir davon ausgehen, dass es völlig normal, natürlich oder eben „menschlich“ ist, dass unsere Eigenwahrnehmung in ihrem Operationsmodus davon abweicht, was bei unserer Wahrnehmung anderer Menschen in uns passiert.

Unsere fehlende Fähigkeit zu umfassender Selbstwahrnehmung setzt sich fort bei unserer eigenen Stimme, die sich auch deswegen bei Tonaufnahmen „fremd“ für uns anhört, weil wir die emotionale Färbung in ihr selbst nicht wahrnehmen können, während wir selbst sprechen. Denn das entsprechende, für Emotionswahrnehmung zuständige Hirnareal ist abgeschaltet, während wir sprechen. Nur auf Tonbandaufnahmen hören wir unsere Stimme so, „wie sie sich tatsächlich anhört“, d.h.: inklusive der Emotionen, die in unserer Stimme wahrnehmbar sind. – Das ist einer von vielen Gründen, aus denen unsere Mitmenschen oft genauer wissen, „wie es uns gerade geht“, als wir das selbst überhaupt wissen können.

Vor allem aber sind es unsere unbewussten, unwillkürlichen Körperbewegungen, die uns selbst leicht entgehen, die für andere Menschen dagegen oft überdeutlich wahrnehmbar sind. Das betrifft sowohl starke Gefühle von Traurigkeit, Wut, Angst und sogar Freude, die wir selbst durchaus nicht immer mitbekommen, die für andere Menschen dagegen „uns ins Gesicht geschrieben sind“ und die sich natürlich auch in unserer gesamten Körperspannung ausdrücken, in unseren Hand- und Armbewegungen und in der Art, wie wir gehen und wie wir Raum einnehmen. Und wahrscheinlich noch in zig Kleinigkeiten und Großigkeiten mehr. Und es betrifft auch Anzeichen von Nervosität und ganz generell von „emotionaler Beteiligung“, wie das kleine Zucken der Finger, die kleine Positionsveränderung, Veränderungen unserer Pupille, Stimme, Gesichtsfarbe, Atemfrequenz, u.s.w.

Andere Menschen können all das bei uns „lesen“. Es handelt sich um ein sehr grundlegendes menschliches „feature“, das im Vergleich zu anderen unserer Fähigkeiten extrem früh aktiviert wird. Dass sich in mehr als nur einer Weise schon als Babys bei uns bemerkbar macht. Es handelt sich also um ein allgemeines menschliches Feature, das entgegen der verbreiteten Annahme wahrscheinlich sogar von den wenigen amtlich verbrieften Autisten unter uns geteilt wird.

Unser Körper äußert sich beständig auf vielfältigste Weise und teilt so unserer menschlichen Umgebung mit, womit er bei uns gerade zu rechnen hat. Und unsere menschliche Mitwelt ist darauf „voreingestellt“, sozusagen „ab Werk“, diese körperlichen Signale wahrnehmen und weitgehend korrekt interpretieren zu können. Dass wir selbst mitbekommen, was gerade alles bei uns selber so los ist, vermittelt sich uns daher vor allem über unsere menschliche Umwelt.

Anders gesagt: Menschen, die sich weitgehend von anderen Menschen zurückziehen und die viel alleine sind, von allen sie gut spiegelnden Menschen verlassen, werden – ganz von allein und ganz unweigerlich – wunderlich.

Wir Menschen sind Wesen, die beständiges mitmenschliches Feedback brauchen. Das gilt im privaten Raum. Und das gilt auch im politischen Raum.

Ein für uns nicht ganz unwichtiger Sinn von Gesellschaft

Es ist daher keine Übertreibung, wenn wir sagen, dass ein Sinn von Gesellschaft darin besteht, uns Selbsterkenntnis zu verschaffen. Und das Selbsterkenntnis ohne Gesellschaft rein technisch unmöglich für uns wird.

Wir Menschen sind sehr grundlegend darauf angewiesen, dass wir um uns herum menschliche Umwelten vorfinden, in denen wir von anderen menschen regelmäßig gut gespiegelt werden.

Sonst drehen wir durch. Sonst „kennen wir uns selbst nicht mehr“. Ohne solche guten, wohlwollenden und direkten Spiegelungen durch andere Menschen beginnt es uns ganz automatisch schlecht zu gehen.

Gesellschaft macht also sogar noch etwas mehr und grundlegenderen Sinn als solipsistische „Autisten“ von meinem eigenen Schlag das häufig annehmen.

Wir Menschen, ohne Gesellschaft, sind vollkommen orientierungslos. Nicht sofort. Aber es geht doch erstaunlich schnell, dass wir uns ohne emotionale Rückmeldungen von unseren Mitmenschen „entmenschlichen“ und uns selbst verlieren.

Die systematische, praktische, institutionelle Würdigung dieses menschlichen Faktums steht in unserer Gesellschaft noch aus.

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