Die größte Differenz zwischen uns Menschen besteht nie darin, was die bessere Lösung für ein gegebenes Problem ist, sondern stets darin, was überhaupt das Problem ist, dessen Lösung wir uns gemeinsam zuwenden sollten.

Menschen, die nur Differenzen darüber haben, wie ein bestimmten Problem am besten zu lösen sei, können sich sehr leicht sehr produktiv darüber unterhalten (und gerne auch heftigst darüber streiten, weil sie dabei nur selten ihre grundlegende Beziehung zueinander riskieren).

Differenzen darüber, was denn überhaupt gerade das drängendere Problem sei, das unsere Aufmerksamkeit verdient, lassen dagegen nur sehr selten (unter ganz bestimmten Umständen) konstruktive Gespräche zu. Solche Differenzen: „Was ist gerade wichtig? Was ist gerade weniger wichtig?“ haben stets das Potential, uns miteinander in unerbittlicher Feindschaft landen zu lassen. Feindschaften, die von uns bis auf’s Blut und bis zum für uns alle bitteren Ende geführt werden.

Die Setzung unserer Gesprächsthemen ist daher kein Vorgang, den wir gut dem Zufall überlassen können, oder dem, der am lautesten schreit, oder ein paar schlaubergenden Weisen, die stellvertretend für uns wissen sollen, was wir gerade am dringendsten brauchen.

Die wichtigste aller Fragen: Was gerade überhaupt die Probleme sein sollen, denen wir unsere begrenzten Aufmerksamkeitsressourcen jetzt gemeinsam zuwenden, ist eine Frage, die in unsere Mitte gehört. Sie muss von uns allen gemeinsam beantwortet werden. Denn gemeinsam mit uns allen können wir überhaupt erfahren, was „wir“ wollen.

Ohne eine gemeinsame Setzung unserer Agenda sind wir alle gemeinsam vollkommen unwissend darüber, was gerade „dran“ ist. Was überhaupt von uns besprochen werden muss. In dieser Frage gibt es kein „stellvertretendes Wissen“. Es gibt auch keine „genialen Einzelnen“, die DAS für uns übernehmen könnten.

Die Frage, was für uns gemeinsam gerade das Wichtigste ist, worauf wir unsere gemeinsam konzentrieren und zu welchem Zweck wir unsere gemeinsamen Ressourcen verwenden wollen, kann nur von uns gemeinsam beantwortet werden.

Der gemeinsame Gesprächsraum darf kein Freiwild sein. Kein herrenloses, vor sich hin treibendes Schiff, das jeder von uns einfach kapern kann, der sich gerade nachdrücklich einbildet, mit seinen ganz persönlich-privaten Wertungen „im Namen aller“ zu sprechen.

Wollen wir also keine „Herrschaft der Dreistesten“, werden wir ein paar ganz bestimmte Praktiken pflegen. Praktiken, die uns bei einer einvernehmlichen Setzung unserer gemeinsamen Agenda unterstützen. So dass wir uns dabei nicht völlig unversöhnlich wechselseitig in die Haare geraten.

Diese ganz bestimmten Praktiken haben einen schönen Namen. Er lautet „Demokratie“.

Und noch leben wir in einer Gesellschaft, in der dieser wohlklingende Name weitaus bekannter ist als die wohlbringenden Praktiken, die dieser Name bezeichnet.