In ihrem Buch „Der Faktor Empathie“ beschreibt Marie Miyashiro u.a. auch ein „Decision-Making-Spectrum“-Tool, das zur Klarheit darüber beitragen soll, wer was in Unternehmen entscheiden darf und wer für was verantwortlich ist.

Wenn man sich eine Zeit lang in der NewWork-Szene getummelt hat, haut einen so ein Tool, so toll es auch ist, nicht mehr unbedingt vom Hocker. Dazu gibt es einfach schon zu viele andere, ähnliche Konzepte. Hier z.B. ein besonders charmantes:

Im von Marie Miyashiro vorgestellten Schema, das ursprünglich von der International Association for Public Participation entwickelt wurde, gibt es 5 Stufen, auf denen jeweils der Grad der eingeräumten Entscheidungskompetenz immer weiter zunimmt:

Informieren-1 | Konsultieren-2 | Involvieren-3 | Zusammenarbeiten-4 | Bevollmächtigen-5

Ich werde die genaueren Bedeutungen der 5 Stufen bei Miyashiro hier nicht wiedergeben. Wen das wirklich interessiert, kann sich ihr Buch besorgen. Alle 5 Stufen sind dort sehr klar und detailliert beschrieben, was ihr Ziel ist, welches Versprechen sie machen und welche Instrumente sie typischerweise nutzen, um dieses Versprechen im Alltag einzulösen. Die entsprechenden Passagen finden sich in der deutschen Ausgabe auf den Seiten 188 – 190, zusammen mit einem guten Übersichtsschema.

„Der Faktor Empathie“ ist in meinen Augen ohnehin auch noch wegen ein paar anderen Punkten eine Anschaffung, die sich umfassend lohnt, weil Miyashiro das Kunststück vollbracht hat, die Prinzipien der Gewaltfreien Kommunikation (GfK) wirklich einmal konsequent von den Erfordernissen der Unternehmenswelt her zu begreifen und sie nicht „von außen“ in diese Welt einzuführen; als ein Element, das dann dem Business im Grunde völlig fremd bleibt. Dieses Kunststück war in Miyashiro’s Fall möglich, weil sie sich ca. 20 Jahre tief in dieser Welt bewegt hatte, bevor sie auf die GfK stieß. Auf diese Weise wurde eine echte Verschmelzung möglich, nicht nur ein oberflächliches Aufpfropfen oder Formen, bei denen jeder gestandene Berufstätige milde lächelt oder einfach nur „Häh? Was soll DAS denn?“ sagt.

Stufen demokratischer Ermächtigung der Bürger

Was mich aber hier und jetzt interessiert, ist etwas ganz anderes: Mich interessiert, was passiert, wenn man Miyashiro’s Schema der 5 Stufen von Ermächtigung in unsere Gespräche über eine weitergehende Demokratisierung unserer Politik einführt. Also dahin zurück, wo es wohl urspünglich auch herkommt und wofür es ursprünglich einmal von der International Association for Public Participation gedacht war. Wenn man also das Schema wieder zurück auf „Politik“ im engeren Sinne des Wortes überträgt. Und dabei von gegebenen und möglichen demokratische Institutionen her denkt. Also wiederum nicht von außen her kommt, sondern vom demokratisch-politischen Anspruch der Bürger, an der ihnen formell zugeschriebenen Politik auch tatsächlich beteiligt zu sein. Was, wenn wir uns mit Miyashiro fragen, welche Stufen demokratischer Ermächtigung es gibt und wie diese konkret aussehen hinsichtlich ihrer institutionellen Ausgestaltung?

Inspiriert vom Schema des „Decision-Making-Spectrum“ kann man also auch „Grade der Demokratisierung“ auffächern, die klar benennen, in welchem Ausmaß das Verhalten der gewählten Politik vom Bürgerwillen bestimmt ist. Marie Miyashiro’s Ziel in ihrer Arbeit war immer vor allem anderen „Klarheit“. Sie wollte ihren Kunden Möglichkeiten an die Hand geben, sehenden Auges gute Entscheidungen für sich treffen zu können. Und eine solche Klarheit tut auch unseren Gesprächen über Demokratie gut.

Denn in meinen Augen gibt es beim Thema Demokratie heute immer noch sehr viel Konfusion, Unklarheiten und Verwirrungen, die auseinanderklamüsert und geklärt sein wollen. So dass wir uns überhaupt entscheiden können, welchen Grad an Demokratie, welche Stufe von Demokratie wir überhaupt in unsere Gesellschaft einführen wollen.

Mit einigen Abwandlungen und in Anlehnung an Miyashiro möchte ich vorschlagen, 5 Stufen an Demokratie zu unterscheiden: Von einer Politik, die keinerlei Demokratie kennt, bis hin zu einer vollständigen Demokratie, die alle staatliche Macht in die Hände politisch gleich einflussreicher Bürger legt. Diese 5 Stufen der Demokratie sind:

Verkünden & Verkaufen-1 | Wählen & Befragen-2 | Rechtfertigen müssen-3 | Sich-Entlasten-müssen-4 | Vollständige Demokratie-5

Verkünden & Verkaufen-1

Diese undemokratischste Form der Politik ist typisch für Diktaturen bzw. für die Tyrannis.

Die Politik wird komplett von einer Clique von Menschen gestaltet und entschieden. Sie wird anschließend den Bürgern als „das ist das Beste für Euch“ verkauft.

Wahlen, Volksbefragungen, Parlamente und ähnliches existieren hier nur, um die diktatorische Politik so aussehen zu lassen, als entspräche sie voll und ganz dem Bürgerwillen.

In Wahrheit findet eine Erarbeitung des Bürgerwillens auf diese Stufe aber überhaupt nicht statt. Alles „demokratische“ auf dieser Stufe ist reiner Fake, reine Show. Der Bürger als Bürger bleibt beim Verkünden & Verkaufen politisch völlig ohnmächtig und entmündigt.

Mehr noch: Der Bürger wird auf dieser Stufe systematisch in die Situation einer weitgehenden „Demokratieinkompetenz“ gedrängt, in der sein demokratisches Vermögen zunehmend unsichtbar wird. Auch für ihn selber.

Der Bürger, der Polites, die politischste Größe der Welt, wird auf dieser Stufe entpolitisiert. Er wird systematisch unpolitisch gemacht.

Wählen & Befragen-2:

Befragen bleibt auch deswegen vordemokratisch, weil hier nur der private, nicht aber der politische Wille der Bürger berührt und miteinbezogen ist. Eine politische Willensbildung der Bürger findet beim Befragen nicht statt.

Über Stufe-1 geht das Wählen & Befragen insofern hinaus, als Politiker unter (begrenzten) öffentlichen Druck geraten können, wenn Ihre Politik sehr weit vom diffus bleibenden Bürgerwillen abweicht.

Dabei müssen die Abweichungen in der Realität aber extrem groß werden, damit das „Durchregieren“ der gewählten Politik wirklich unter Druck der Bürger gerät. Faktisch ist das sehr selten der Fall. Und das auch dann, wenn die Politik der jeweils gewählten Politiker keineswegs dem entspricht, was sich als Bürgerwille zeigen würde, würde der Bürgerwille tatsächlich erarbeitet werden.

Oftmals muss man auf dieser Stufe daher von „Wahl-Aristokratien“ sprechen.

Rechtfertigen müssen-3:

Hier wird bereits demokratisch gearbeitet, d.h. es gibt überhaupt geloste Bürgerräte, die von der gewählten Politik institutionell und verfassungsmäßig wahrgenommen werden müssen.

Die Ergebnisse der Arbeit geloster Bürgerversammlungen bleiben auf dieser Stufe aber ein reiner, machtloser Vorschlag. Das heißt: Die gewählte Politik muss dazu Stellung nehmen, sie kann aber immer Wege finden, „vor der Öffentlichkeit“ ihre Nicht-Berücksichtigung des erarbeiteten Bürgerwillen zu rechtfertigen. Denn die Öffentlichkeit selbst hat ja an den umittelbaren Beratungen nicht teilgenommen und verbleibt damit im privaten Mindset, das recht leicht rhetorisch manipulierbar ist.

Dennoch ist diese Stufe bereits ein großer demokratischer Fortschritt. Denn durch die dauerhafte Existenz geloster Bürgerversammlungen, durch das regelmäßige Erarbeiten einer gemeinsamen Stimme der Bürger wird die Leerstelle ein gutes Stück weit gefüllt, in das sonst die gewählte Politik nach Belieben vorstoßen kann. Die Bürger gewinnen sozusagen eine institutionalisierte, ausgleichende „Gegenmacht“ zur gewählten Politik. Die gewählte Politik beginnt daher, sich ein Stück weit mehr zu kontrollieren und den Bürgerwillen in ihrem Agieren tatsächlich zu berücksichtigen. Auch die Schweiz kann – obwohl sie keine gelosten Bürgergremien kennt – als ein Versuch gesehen werden, diese Stufe der Demokratie zu erreichen.

Momentan hat in Europa aber offenbar Ostbelgien die Nase vorn in Sachen demokratischer Innovativität. Denn hier wurde vor kurzem beschlossen, diese Stufe der Demokratie fest zu institutionalisieren: Dauerhafte geloste Bürgerversammlungen, zu deren Beratungen, Empfehlungen und Beschlüssen die gewählte Politik öffentlich Stellung beziehen muss.

Diese Bürgerversammlungen werden zudem von einem Bürgerrat begleitet und vorbereitet, der ebenfalls gelost und auf dessen Repräsentativität geachtet wird. So beginnt die Demokratie sich selbst zu steuern, nicht mehr „von oben“ eingesetzt zu werden, sondern sich von innen heraus selbst zu tragen und sich selbst zu bestätigen.

Sich-entlasten müssen-4:

Eine Stufe darüber hinaus geht eine Politik, in der gelosten Bürgerräten tatsächliche Macht übertragen wird. Und zwar die Macht, gewählte Politiker zu entlassen, wenn sie – nach der Einschätzung geloster Bürger, die sich vorher intern darüber beraten haben – ihre Politik nicht gemäß dem Bürgerwillen gestaltet haben. Geloste Bürgerräte kontrollieren hier in regelmäßigen, periodischen Abständen die Politik der einzelnen Politiker, die jeweils die politische Exekutive verantworten. Die Bürger gewinnen eine direkte Kontrolle über die Politik.

Es könnte scheinen, als sei „Sich-entlasten müssen“ sogar ein demokratischer Rückschritt gegenüber „Rechtfertigen müssen“, weil hier das politische Agenda-Setting außerhalb der bürgerschaftlichen Allgemeinheit bleibt. Das aufbringen von Themen sehr weitgehend in den Händen der gewählten Politik.

Entscheidend für Demokratie ist aber die Art der Kopplung der Bürger an die Politik: in wie weit die Bürger wirksamen Einfluss auf die Politik gewinnen. Und das ist bei Sich-entlasten müssen im höheren Ausmaß der Fall als wenn die gewählte Politik im Grunde weiter tun kann, was ihr gerade einfällt, sie aber zu erarbeiteten Vorschlägen der Bürger nur Stellung beziehen muss. Obwohl rein negativ, als reines „Amts-Veto“ institutionalisiert, gibt die Demokratie-Stufe „Sich-entlasten müssen“ den Bürgern deutlich mehr Macht über ihre Politik als die Stufe davor.

Vollständige Demokratie-5:

Zur vollständigen Demokratie lässt sich heute noch nicht all zu viel sagen. Wir kennen sie in der Moderne schlichtweg noch nicht.

Wir können heute nur Vermutungen anstellen, wie sich eine Demokratie, die auch noch Stufe-4 hinter sich lässt aussehen wird und wie ihre politischen Institutionen konkret arbeiten und ineinander greifen.

Vermutlich wird hier die positive Demokratie von Stufe-3 (Bürgerräte erarbeiten Vorschläge) mit Momenten von Stufe-2 (Volksabstimmungen) und der negativen Demokratie von Stufe-4 (unmittelbare Kontrolle der gewählten Exekutive) verknüpft.

So war es zumindest in der antiken Demokratie, dem einzigen Beispiel für diese Stufe, das wir bisher kennen. Das große Manko ist eben nur, dass dies eine vormoderne Gesellschaft betrifft, die in vielen Punkten unseren heutigen Ansprüchen an Demokratie nicht genügt.

Es ist also sehr wahrscheinlich, dass die Moderne, wenn sie denn jemals diese Stufe an Demokratisierung erreicht, in ihren Praktiken noch über die Institutionen der antiken Demokratie hinausgehen wird.

Und wir können sagen, dass die Moderne einst mit dem Versprechen angetreten ist, genau diese Stufe von Demokratie erreichen zu können und institutionell zu verwirklichen.

Da wir alle gemeinsam dieses Versprechen der Moderne bisher nicht einmal ansatzweise eingelöst haben, dürfen wir uns nicht darüber wundern, dass wir über die Moderne Gesellschaft enttäuscht sind. Da helfen auch positive Beschwörungen, Statistiken und Aufzählungen wenig, wie gut in der Moderne alles sei. Wie viel besser als in vormodernen Gesellschaften.

Denn vor ihrem eigenen Maßstab ist die moderne Gesellschaft bisher eine Enttäuschung. Sie hat Demokratie für alle Menschen versprochen. – Und im Anschluss Stufe-2 niemals wirklich überschritten. Im historischen Vergleich mit der Demokratie der Antike ist das tatsächlich ein ziemliches Armutszeugnis, das uns allen Grund gibt, mit unserer heutigen Gesellschaft mehr als nur ein wenig unzufrieden zu sein.

Werbeanzeigen