Aus ganz bestimmten Gründen bin ich nicht sonderlich revolutionsfreundlich. Das hat damit zu tun, dass „Revolutionen“ erfahrungsgemäß ein inneraristokratischer Vorgang sind. D.h. Revolutionen zeichnen sich dadurch aus, dass eine aristokratische Clique eine andere aristokratische Clique aus dem Amt wirft, umbringt oder verbannt. Für die weiterhin fremdbeherrschten Bürger ändert sich bei solchen Vorgängen denkbar wenig.

Dann macht mich misstrauisch gegenüber „Revolutionen“, dass die einzige wirklich vollständige Demokratie der Weltgeschichte eher „in Scheiben“ zustande kam und eben nicht revolutionär, „in einem Stück“.

Offenbar brauchen Gesellschaften Zeit, um allmählich Vertrauen in demokratische Institutionen aufzubauen. Und damit auch vor allem in sich selbst. Darin, dass es kein katastrophaler Fehler ist, wenn die Bürger alle gemeinsam die Verantwortung für ihren Staat tragen.

Am meisten misstrauisch gegenüber der Einführung von Demokratie in einem Stück, in einem Hauruck-Gewaltakt, macht mich jedoch meine eigene politische Ungeduld. Mein Misstrauen gegenüber meinen eigenen gewalttätigen Neigungen gibt mir das stärkste „Argument“ dafür, dass wir Demokratie wohl besser scheibchenweise, nach und nach, gemeinsam erforschen und ausprobieren. Selbst wenn das als „Salamitaktik“ verschrien ist. Oder als „Reformismus“. Dabei war die Salamitaktik selbst, schaut man auf den Ursprung des Begriffs, keineswegs so gewaltfrei, wie wir ihn heute manchmal meinen.

Das schrittweise Vorgehen an sich scheint also noch zu garantieren, dass die immer weitergehende Einführung von Demokratie selbst demokratisch erfolgt. Aber der umgekehrte Fall: Der Versuch einer revolutionären, umstürzlerischen Einführung von Demokratie scheint mit absoluter Sicherheit zu garantieren, dass wir am Ende keine Demokratie bekommen, sondern etwas völlig anderes.

Werbeanzeigen