Schon länger ist mir klar, dass es in der Modernen Großgesellschaft mit der Zeit zwangsläufig zur Bildung von Gruppen, Fraktionen und Milieus kommt, die sich eher misstrauisch und wenig wertschätzend gegenüberstehen.

Und mir war auch klar, dass das ein politisches Problem erzeugt, dem wir am Besten dadurch begegnen, dass wir im politischen Raum die einzelnen, sich miteinander auseinandersetzenden Menschen ganz bewusst immer wieder durchmischen.

Diese sozialtechnologische Lösung für die natürliche, menschliche Neigung zu Grüppchenbildung: Ganz bewusst zu verhindern, dass sich vorhandene menschliche Unterschiede zu einander feindselig gegenüberstehenden „Parteien“ auswachsen, kann als das Lebensprinzip der antiken, attischen Demokratie bezeichnet werden. Ohne dieses Prinzip hätte die attische Demokratie kein Jahr Bestand gehabt (faktisch waren es dann knapp 150 Jahre). Die attische Demokratie bestand geradezu in institutionellen Praktiken der Parteiverhinderung.

Was mir aber bis gestern Abend in dieser Form nicht so klar war: Auch in wesentlich kleineren Gruppen und Teams gibt es diese natürliche Tendenz zur Gruppenbildung. Und sie ist nachweislich ein Problem für den „Teamerfolg“:

„Den Expeditionsteams mit geringem Zusammenhalt fehlte dagegen genau diese Funktion, berichtet Johnson. Das Problem dabei ist, dass Gruppen dazu neigen, sich in möglichst homogene Untergruppen aufzuspalten. Nach dem Motto „gleich und gleich gesellt sich gern“ hängen Forscher mit anderen Forschern herum, Russen mit Russen, Amerikaner mit Amerikanern.“

Natürlich kann man jetzt, wie es der zitierte Spiegel-Artikel nahelegt, bei Teamzusammenstellungen anfangen, nach Gruppeneventorganisierern, „Clowns und Geschichtenerzählern“ Ausschau halten und aktiv dafür sorgen, dass in jedem Team Menschen vorhanden sind, die solche Aufgaben gerne und gut ausfüllen.

Für unsere moderne Großgesellschaft bietet sich aber nach wie vor eher „die attische Lösung“ an: Unsere Gesellschaft mit politischen Institutionen zu versorgen, die es ihr überaus schwer machen, sich in verschiedene Wir-gegen-Die aufzuspalten und auseinanderzufallen. Ohne dabei die Individualität im geringsten zu schmälern oder zu unterdrücken.

Denn auf der gesamtgesellschaftlichen Ebene wirken Clowns und Geschichtenerzähler – aufgrund der fehlenden Beziehungsebene – eher spaltend als einend.

Wie die zahlreichen Clowns und Geschichtenerzähler täglich beweisen, die auch heute in unserer Politik herumspringen, gilt dieses Prinzip nicht nur in der Antike, sondern auch in der Modernen Gesellschaft: Um einen guten, belastbaren Zusammenhalt zu stiften, brauchen Gesellschaften jenseits von 150 Personen andere Formen und Verfahren als personell überschaubare Teams, in denen jeder noch zu jedem eine eigene Beziehung aufbauen und erhalten kann, und sei sie noch so sporadisch. – Denn für kleine Menschengemeinschaften gilt: Hauptsache es gibt ein paar Menschen mit unverwüstlichem Humor im Team, die aufkommenden Spannungen immer wieder wirksam die Luft rauslassen. Bevor diese Spannungen sich verfestigen und destruktiv für die Gruppe werden können. Und am Ende hat man dann die berühmte „Grüppchenbildung“.

Dieses wunderbare, natürliche Mittel gegen die Entstehung feindseliger Parteien funktioniert in größeren Gesellschaften nicht. Dazu fehlt dem medial verbreiteten Humor die Beziehung, es fehlt die Wärme, die überhaupt erst das „gemeinsam über uns und unseren Konflikt lachen“ möglich macht. – In der Gesamtgesellschaft hat jedes Milieu seine eigenen Clowns. Und die meisten davon hetzen saukomisch gegen die Menschen der jeweils anderen Milieus, machen sich über sie lustig, machen sie lächerlich, demütigen sie öffentlich. Dass das keinen versöhnlichen oder gar einheitsstiftenden Effekt hat, sondern Öl in die bereits brennenden Parteiungs-Feuer gießt, sollte uns nicht überraschen.

Die Gesamtgesellschaft braucht vielmehr überhaupt Gelegenheiten, dass sich die individuellen Menschen verschiedener Milieus überhaupt regelmäßig begegnen. Und das in Formaten, die ganz bewusst nicht über „Parteien“ organisiert sind, sondern auf Durchmischung und individuelle Begegnung setzen.

In jedem Fall gilt: Eine gute Gesamtgesellschaft ist keine Gegebenheit, sie ist nichts, was einfach von alleine da ist. Eine gute Gesellschaft ist eine eigene Art von Arbeit, die klassischerweise den Namen „Politik“ trägt.