Ich bewundere ja schon lange Carl Rogers und die mit ihm verbundenen Sozialarbeiter, Therapeuten und Lehrer für den Grad an menschlicher Zugewandtheit, den sie an den Tag legen und bei sich und anderen kultivieren.

Was mich zugleich auch immer sehr getroffen hat: Das Gefühl, dass im Rogers-Umfeld ein Grad an Klarheit und „Wahrheit“ erreicht wird, zu dem ich selber kaum oder bisher eher selten Zugang habe.

Zwar ist es so, dass ich in meiner eigenen Coaching-Arbeit jetzt so viele Phasen, Episoden und auch Umfelder durchhabe, dass ich etwas den Überblick über meine eigene Entwicklung verloren habe. Ich weiß mittlerweile nicht mehr genau, was wann wie bei mir der Fall war, was ich mir nur vergangenheitsverklärend einrede und was ich wirklich mal wie häufig gemacht habe. Vielleicht bin ich da viel zu selbstkritisch. Vielleicht aber auch noch viel zu wenig. ¯\_ツ_/¯ – Zumindest in letzter Zeit bin ich mir aber sicher, dass ich an das, was viele Rogers-Inspirierte für sich sehr klar haben und in ihrer Arbeit auch praktisch wirksam umsetzen, nicht wirklich heran komme. Das „spüre“ ich.

Und das gibt mir, wann immer ich wieder damit in Berührung komme, ziemlich zu denken. Es ist für mich so, als wäre da eine Tür, vor der ich stehe, und die ich nur selten oder unter ganz bestimmten Umständen aufbekomme. Und dahinter ist die Art von Arbeit, die ich mit meinen Kunden „eigentlich“ gerne machen würde.

Jetzt könnte ich sagen: Naja, mache ich nochmal ein paar Zusatzausbildungen und lasse mich da anregen und inspirieren. Ist als Coach ja völlig üblich, jedes Jahr ein paar Weiterbildungen zu machen, zumal man’s dann ja immer auch gut von der Steuer absetzen kann.

Aber igendwie ist es das nicht. Ich habe nicht den Eindruck, dass ich gerade DAS will und DAS brauche, was ich in solchen Weiterbildungen geboten bekomme (dazu habe ich vielleicht auch einfach schon ein paar zuviele intus). Eher geht mein vom Rogers-Umfeld berührtes Denken dahin, dass ich an meiner eigenen Alltagspraxis, an dem, „wie ich da bin“ etwas ändern möchte. Als lägen da noch viele verborgene Schätze, die ich für mich noch nicht oder zumindest noch sehr unvollständig gehoben habe.

Wenn es nicht so abgedroschen und vielleicht auch missverständlich klingen würde, würde ich sagen: Ich sehne mich nach der „Tiefe und Wahrhaftigkeit“, auch nach dem Weglassen von vielen unnötigen Schleifchen und Sperenzchen, nach einer Arbeit in einer Direktheit, die nur dann möglich ist, wenn die eigenen empathischen Muskeln gerade in voller Tätigkeit sind. Ich mag die durchdringende Kraft und die unmittelbar spürbare Wirkung, die in guter Coaching-Arbeit möglich ist. Die sieht mitten in der Praxis dann oft ganz anders aus, als man sich das vorher vorstellt. Sie kann sehr ruhig sein und sehr leise (oder auch genau umgekehrt: unglaublich bewegt und laut, je nach Situation und Bedarf), aber sie trifft eben „den Punkt“, ist in Resonanz mit dem, was beim Kunden gerade los ist und dringt vor zu dem, worauf es gerade ankommt. Sie tritt – in einem sehr positiven und lösenden Sinn – in Kontakt „mit dem Eingemachten“.

Was dabei vielleicht als roter Faden durch meine eigene Geschichte läuft: Ich mag „schon immer“ Probleme und völlig verfahrene Situationen. Mein eigener Motivationsmotor springt erst dann so richtig an, wenn es wirklich vertrackt, aussichtslos und dramatisch wird. Mit Problemen konfrontiert zu sein, die sich zunächst als unlösbar präsentieren und auch so anfühlen, gibt mir einen belebenden und wohltuenden Thrill.

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Nun, in meinen eigenen Ohren klingt das nicht sonderlich empathisch. Und vielleicht ist ja auch gerade das genau mein derzeitiges Problem: Ein Konflikt zwischen meinem ehrgeizigen Knobel-Ich und meinem verbundenheitssehnsüchtigen-Empathie-Ich. Und dann gilt es in der Coaching-Szene ja auch noch ganz allgemein als Kunstfehler, wenn man in der Coaching-Arbeit eigene Bedürfnisse befriedigt und nicht nur ganz allein auf die des Kunden fokussiert ist.

Ich bin für mich mittlerweile an einem Punkt, an dem mir das alles völlig wurst ist. Ich halte das alles für gut verknüpfbar. Es kommt mir mittlerweile eher albern vor, mir in all das einen unvermeidlichen, aufgeladenen, tragischen Konflikt hineinzudenken.

Mal sehen, was aus diesem nicht-Konflikt-Konflikt noch alles entsteht. Ich bin gespannt.

 

 

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