Es ist jetzt schon ein paar Jahre her, dass der letzte Kunde, nach Antwort auf seine Frage nach meinem Background, anmerkte: „Philosophie? Ist das nicht etwas ungewöhnlich? Wie kommt man als jemand, der Philosophie studiert hat, zum Coaching?“

Auf diese Frage kann man wirklich viele, viele verschiedene Antworten geben. Was mir heute wieder aufgefallen ist: Es gibt eine, wie ich finde, recht bemerkenswerte Parallele zwischen einem Philosophie-Studium und einer täglichen Coaching-Praxis:

Ähnlich wie man es auch besser gleich ganz lassen kann, mit einem Kunden zu arbeiten, wenn man sich ihm „in kritischer Absicht“ nähert, so kann man es auch besser gleich ganz lassen, irgendeinen Philosophen zu lesen, wenn man es in kritischer Absicht tut. Die Annäherung des Coaches an seine Kunden verträgt keine „Agenda“. Und eine eigene Agenda im Philosophie-Studium führt vielleicht dazu, dass man – vielleicht, vielleicht – irgendwann seine eigene, großartige Philosophie aus der Taufe hebt, aber nicht dazu, dass man von anderen Philosophien irgendetwas verstanden hat. – Paradox, ich weiß.

Damit man irgendetwas davon hat, sich mit Philosophie auseinander zu setzen, geht man am besten vorsätzlich wohlwollend an die Sache heran. Denn wenn man all seine Vorurteile und Meinungen mit einbringt in die ganze Interpretiererei, wird man sie mit sehr großer Wahrscheinlichkeit einfach nur bestätigt finden. D.h.: Für einen ändert sich nichts. Man gewinnt nichts. Man nimmt nichts mit. Man kann sich nur einbilden, man wüsste nun, was man vom Philosophen XYZ zu halten hat. In Wirklichkeit hat man aber einfach nur keinen Zugang gefunden. Die eigenen Kriterien, die man in die Lektüre mitgebracht hat, standen einem im Weg.

Jede halbwegs interessante Philosophie bietet so große Angriffsflächen und Fragwürdigkeiten, dass eine kritische Lektüre sehr schnell und sehr leicht zu völlig einseitigen Interpretationen jener Philosophie führt. D.h. zu Interpretationen, denen das allermeiste entgeht. Interpretationen, die einen kleinen Teil jener Philosophie „für die ganze Sache“ halten. Das ist überaus angenehm für einen selber. Denn auf diese Weise wird man mit Philosophien ganz leicht fertig. Leider ist auf diesem sehr angenehmen Weg für einen selber rein gar nichts zu lernen, was man auf anderen Wegen nicht gewinnbringender hätte lernen können. Wenn überhaupt irgendetwas. Man verschwendet so einfach nur eine eigene, wertvolle Lebenszeit, indem man sich selbst „anhand einer Philosophie“ bestätigt, dass richtig ist, was man ohnehin schon die ganze Zeit über gedacht hat.

Natürlich ist die Sorge bei einer derart unkritischen Annäherung an Philosophien immer, dass man dadurch automatisch im „Dogmatismus“ lande. – Nach meinen Erfahrungen gibt es für diese Sorge aber keinen Anlass. Geht man volle Kanne hinein in irgendeine Philosophie, dann wirft sie einen zu einem (für einen) geeigneten Zeitpunkt auch wieder hinaus. In Philosophien verlieren tun sich nur Menschen, die sich in Philosophien verlieren wollen. Die also von vornherein eine Religion suchen. Und die kann man natürlich irgendwo finden. Auch in verschiedenen Philosophien, aus denen man für sich eine Religion macht.

Nicht ganz unähnlich ist es mit Coaching-Kunden. Nicht nur dass ein gelungenes Coaching auf vorsätzliches Wohlwollen des Coaches gegenüber dem Coachee angewiesen ist. Die Gefahr, im kommunikativen Problemgewebe des Kunden verloren zu gehen (und dadurch sein Problem noch zu verstärken oder zu vergrößern), ist gerade dann besonders gering, wenn man sich rückhaltlos „auf seine Welt“ einlässt. Die Impulse, was hier gerade nicht stimmig ist, wo man vielleicht besser nachfrägt oder „interveniert“,  kommen von ganz allein und mit schöner Zuverlässigkeit. – Es „ergibt sich aus der Sache selbst“.

In Bezug auf diesen Punkt hat ein Philosophiestudium noch einen weiteren Mehrwert für eine Coachingtätigkeit: Hat man es tatsächlich geschafft, sich mit so unterschiedlichen und einander feindselig gegenüberstehenden Gestalten wie z.B. Platon und Nietzsche, Heidegger und Russell einigermaßen anzufreunden und Zeit zu verbringen, dann passiert es einem nicht mehr ganz so leicht, dass einen Kunden in ihre ganz persönlichen Kriege und Dramen mit hinein ziehen können. – Man ist einfach noch einmal ganz andere Ligen von Drama und Feindseligkeit gewöhnt. Im Vergleich dazu, was Philosophen einander wechselseitig antun, sind die meisten Auseinandersetzungen in der sonstigen Welt eher freundliche Rangeleien unter Menschen, die sich im Grunde mögen.

Anders gesagt: Hatte man es lange genug mit den ganzen Verrückten aus der einen, zeitübergreifenden philosophischen Anstalt zu tun, ist man einfach einiges an Wahnsinn gewöhnt. Das heißt vielleicht nicht, dass einen nichts mehr schocken kann, aber man ist einfach einen kleinen Hauch toleranter bei der Frage, was sich noch im Bereich all dessen befindet, was Interesse und Wertschätzung verdient hat, und wo man dann doch irgendwann aussteigt, weil hier die eigenen Empathiefähigkeiten ihre momentane Grenze haben.

Denn man hat sich ja die ganze Zeit über jeder einzelnen Verrücktheit mit Freundlichkeit genähert und dabei gelernt, dass sich gerade hinter dem, was einen in der ersten Begegnung vielleicht unmittelbar abstößt, echte Schätze befinden – Hilfreiche Erweiterungen des eigenen Horizonts. Dass sich also hartnäckige Empathie so gut wie immer auszahlt. Und das selbst dann, wenn die Verrücktheit des einen genau darin besteht, dass sie es einem verbietet, sich der Verrücktheit eines anderen mit Freundlichkeit zu nähern.