Das menschliche Denken entzündet sich am Widerspruch. – Zumindest was mich selber angeht, kann ich diese pauschale Behauptung voll unterschreiben. Dort, wo Widersprüche sind, geht für mich die gedanklich Action erst so richtig los. Irgendeine, recht tief in mir sitzende Stimme sagt dazu dann so gut wie immer: „Ahhh, das hier, das ist gerade wirklich interessant!“ Widersprüche haben eine gute Chance, recht unmittelbar meine volle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Und das geht bei mir noch weit über das „rein Philosophische“ hinaus.

Nach meinem Verständnis ist es vor allem Hegel, der auf diesen Modus noch einen draufsetzt. Denn was Hegel nach meiner Interpretation nahezulegen oder vielleicht sogar zu fordern scheint, ist, dass wir eine Haltung einnehmen, in der wir uns voll in die Widersprüche hineinwerfen, uns voll auf sie einlassen (können). Und das aus schlichter, purer Zuversicht oder aus einem „Selbstbewusstsein“ heraus, das sich sicher ist, das wir aus all dem mehr als nur halbwegs heil, sondern immer sogar noch deutlich besser hervorgehen als wir vorher dran waren.

Wie eine solche Zuversicht oder ein solches Selbstbewusstsein erworben werden kann? Wahrscheinlich genau durch das, was uns fehlende Zuversicht und fehlendes Selbstbewusstsein verstellen: Dadurch dass wir uns voll auf Widersprüche einlassen, rückhaltlos. Dass wir mit ihnen sind. In sie hineingehen. Mit ihnen mitgehen.

Jener dritte Standpunkt, jenseits der Widersprüche, der den Widersprüchen dabei zuschaut, wie sie sich abspielen und wohin sie sich miteinander bewegen, kommt ja – Hegel folgend – niemals „äußerlich“ zustande, sondern geht ganz organisch aus den Widersprüchen selbst hervor. Die Widersprüche selbst „sehnen sich nach ihrer eigenen Auflösung“, wenn man sie eben einfach Widersprüche sein und Widersprüche machen lässt.

Die praktische Paradoxie des Hegelschen Denkens ist es dann, dass man bereits „Hegelianer“ sein muss, um überhaupt in dieses Denken hineinzukommen und die Vorzüge zu erleben, die es für uns hat, so wie Hegel zu denken.

Es gibt also keine Überzeugung von oder durch Hegel, wenn man nicht schon bereits tut, was Hegel vorschlägt zu tun.

Das ist dann wohl „wahrhafte Geschlossenheit“: Hegel ist ein ganz und gar unüberzeugender Philosoph. Einer, der kaum über den Bereich hinauswirkt, in dem er bereits wirksam ist. Er ist interessant nur für die, die bereits praktizieren, was er praktiziert. Und das, wiederum, ist für uns ja meist völlig uninteressant.

 

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