Die schrittweise Entwicklung des antiken Athens zur Demokratie ging einher mit einer ebenso schrittsweisen Entwicklung der Stadt zur Hochkultur, deren Erfindungen und Institutionen auf die Entwicklung des gesamten Abendlandes Einfluss hatten; heute kann man wohl ohne Übertreibung sagen: auf die ganze menschliche Welt.

Vor der Entwicklung zur Demokratie war Athen ein eher unbedeutender Stadtstaat innerhalb der antiken griechsichen Welt. Zumindest wird sie vor Solon, Kleisthenes, Themistokles, Ephialtes und Perikles nur selten erwähnt und spielt keine besonders zentrale Rolle in den Überlieferungen.

Die Entwicklung Athens zur Demokratie ging auch einher mit einer wirtschaftlich-militärischen Überlegenheit Athens über die anderen griechischen Stadtstaaten, bevor die antike Demokratie dann daran scheiterte, ihre eigenen demokratischen Prinzipien konsequent anzuwenden und ihren Wirkungsbereich auszuweiten. Die antike Demokratie war immer noch zu aristokratisch, um dauerhaft stabil werden zu können. Sie war noch zu nah an ihren aristokratischen Ursprüngen und Motivationskräften.

Es wird immer spekulativ bleiben, was wohl passiert, wenn wir heute, in der Moderne mit der Demokratie weiter gehen, ihre Prinzipien konsequent anwenden und ihren Wirkbereich ausweiten. Genauer: Es wird spekulativ bleiben, solange wir es nicht wagen, das auszuprobieren, das „einfach zu machen“.

Es ist aber aus mehreren, systematischen, Gründen eher wahrscheinlich als unwahrscheinlich, dass eine konsequente Institutionalisierung von Demokratie in der Moderne nicht nur im politischen, sondern auch im privaten Bereich noch einmal zu einem ganz anderen Schub von Initiative, Ideen und Kreativität führt.

Denn Demokratie ist auf eine sehr elegante, unmittelbare Weise eine Ermutigung, das Leben beim Schopf zu packen. Und das eben bei allen Bürgern. Demokratie setzt bei allen Bürgern, die dieser Demokratie angehören, die diese Demokratie betreiben, die diese Demokratie sind, noch einmal ganz andere und neue Kräfte frei. Auch im privaten Bereich, der durch politische Demokratie ja nur mittelbar und indirekt beeinflusst ist.

Ich zumindest bin mir sicher: Wir werden überrascht sein, was es mit uns allen macht, sowohl mit uns jeweils einzeln, als auch mit unseren Beziehungen zueinander, wenn wir in der Politik miteinander Demokratie machen.

Mittels Demokratie überrascht sich eine Gesellschaft selbst. Sie überrascht sich selbst damit, was – bei gleicher Ausgangslage – durch andere Institutionen, durch andere Anordnung zueinander alles möglich wird. Es sind Dinge, die uns dann bis eben noch völlig unmöglich oder sogar undenkbar erschienen sind.

Man sagt zwar völlig zurecht, dass man sich selbst nicht kitzeln (nicht überraschen) kann. Doch paradoxerweise ist Demokratie genau das: Eine Gesellschaft, die sich beständig selber kitzelt.

Aber nicht auf die unangenehme Weise.

Demokratie kann das, weil sie die Verschiedenheit und Widerständigkeit all ihrer Bürger aktiv einbezieht und ganz bewusst nutzt.