Im Umfeld von Marshall Rosenberg gibt es den schönen Satz: „Beinahe alles, was Menschen jemals sagen, lässt sich entweder in ‚Danke‘ oder in ‚Bitte‘ übersetzen.“

Alle Menschen wollen Empathie. Die meisten von uns (inklusive meiner Wenigkeit) können das die meiste Zeit über „nur nicht so zeigen“.

Über Empathie gibt es wirklich viele sehr weit verbreitete Missverständnisse in unserer Gesellschaft. Z.B. wird gerne übersehen, was für vielfältige äußere Formen sie annehmen kann. Oder dass die Praxis von Empathie eben kein Selbstzweck ist, sondern dass sie dazu führt, dass wir uns „am Ende“ gegenüber einander anders verhalten, als wir das ohne Empathie getan hätten. Oft wird überhaupt übersehen, dass Empathie eben vor allem eine Praxis ist, die man einüben kann, und nicht vor allem eine „angeborene“ Gewohnheit, die manche von uns haben, andere aber nicht.

Wann immer wir es aber schaffen, Empathie zu praktizieren, antwortet uns mit großer Sicherheit ein spürbares „Danke“. Auch wenn es vielleicht bis zur Unkenntlichkeit verklausuliert ausgedrückt wird. Andere Menschen vergessen nie starke Gefühle, die wir in ihnen auslösen. Die unangenehmen nicht. Und die angenehmen auch nicht.

Doch der Empathiemangel in unserer Gesellschaft ist so ausgeprägt und verbreitet, dass wer auch immer wann auch immer Empathie praktiziert, Reaktionen hervorruft wie jemand, der Wasser zu Verdurstenden bringt, die eine lange Wegstrecke durch die Wüste hinter sich gebracht und gerade eben so überlebt haben. Das kann einem auch mal zuviel werden. Und vielleicht ist das ja sogar ein Mitgrund, warum Empathie von uns nur spärlich praktiziert wird: Wir haben einfach keinen Bock auf die überbordenden Reaktionen, die wir dann bekommen. Und natürlich gibt es noch weitere Gründe.

Und dabei steigt der Empathiebedarf  in unserer Gesellschaft immer weiter und noch weiter. Wir sind möglicherweise die empathiebedürftigste menschliche Gesellschaft, die es jemals gegeben hat.

Das, was uns sogar noch viel schwerer fällt, als Empathie an den Tag zu legen, ist, anderen Menschen unsere eigene Bedürftigkeit zu zeigen. Und zwar so, dass unsere Mitmenschen überhaupt verstehen können, was wir uns gerade wünschen und brauchen. So scheitert die meiste zwischenmenschliche Kommunikation und die meisten Interaktionen zwischen uns schlichtweg daran, dass andere nicht die geringste Chance haben, überhaupt zu verstehen, was wir eigentlich grade von ihnen wollen. Und oft machen wir uns das ja nicht einmal selbst klar. Von „dem anderen zeigen oder sagen“ ganz zu schweigen. Was wir selbst nicht klar haben, können wir schlecht anderen kommunizieren. Wobei wir ja auch andere gerade darum bitten könnten: Um Unterstützung dabei, uns darüber klar zu werden, was wir gerade brauchen und wünschen. – „Kannst Du mir zwei, drei Minuten einfach nur aufmerksam zuhören? Das würde mir glaube ich sehr helfen, mir etwas klarer zu werden!“

Daneben empfiehlt die Beraterin Marie Miyashiro für das Problem des weitverbreiteten Empathiemangels auch die Praxis des WAIT: „Why am I talking?“ bzw. des WATT: „Why are they talking?“. – Also die vertiefte Nachfrage bei sich selbst bzw. bei anderen, worum es bei einer Äußerung oder einem Verhalten eines Menschen eigentlich gerade geht. Uns vorsätzlich Zeit zu nehmen, um Verständnis zu entwickeln. Gleichzeitig für uns selbst und für die Menschen um einen herum. Gerade in Meetings, aber auch in vielen anderen Gesprächsformen, kürzt es das Gespräch paradoxerweise enorm ab, wenn wir innehalten, und uns immer wieder Zeit für diese beiden Fragen nimmt. Das Gespräch wird langsamer und zugewandter, und dadurch verschwenden wir weniger Zeit miteinander.

Auch mich, jetzt gerade, gemünzt: Warum schreibe ich eigentlich gerade diesen Artikel? Was will ich damit erreichen? Um welche meiner Bedürfnisse geht es dabei? Was wünsche ich mir von meinen Mitmenschen?

Ausgelöst wurde dieser Artikel davon, dass ich mich in einem Moment von Müdigkeit und Erschöpfung, und in der Suche nach schmerzlindernder Ablenkung, auf Zeitungsartikeln und auf Twitter herumgetrieben habe. Und das Ausmaß an unempathischer Kommunikation, das ich dort wahrnehme, erfüllt mich mit mit neuem Schmerz, Frustration, Entsetzen und Verzweiflung. Da ich nicht leiden möchte, wünsche ich mir von mir: Dass ich mich diesem Schmerz nicht mehr aussetze. Dass ich andere, wirksamere, funktionalere Strategien entwickle, wie ich mit meiner Müdigkeit, meiner Erschöpfung und meinem Wunsch nach Schmerzlinderung umgehe.

Von meinen Mitmenschen wünsche ich mir im Moment nur eins: Dass sie ebenfalls für sich ganz genau wahrnehmen, was ihnen selbst eigentlich gut tut. Und was sie – so wie mich – mit Schmerz, Frustration, Entsetzen und Verzweiflung erfüllt. Es kann sein, dass Sie diese freundliche Überprüfung zu ganz anderen Ergebnissen führt als mich. Aber Menschen, die verständnisvoll für sich sorgen, sind meist auch Menschen, die größere Empathieressourcen für andere haben. Die sich leichter tun, Empathie zu praktizieren.

Und so werde ich vielleicht bei meinem nächsten gedankenverlorenen Besuch in den Medien – may they be social or not so social – etwas mehr Freundlichkeit vorfinden, etwas mehr Wohlwollen, etwas mehr Neugier füreinander, etwas mehr Empathie.

Ich kann ja die  H o f f n u n g  nicht aufgeben. Bitte. Danke.