Es macht ja vieles einfacher für uns selber, wenn wir auf den Anderen eingehen: Es entspannt die Gesprächssituation, der andere geht auch eher auf uns ein, der Andere öffnet sich mehr, zeigt uns auch Motive oder Informationen, die er sonst eher zurückgehalten hätte und die uns verborgen geblieben wären, wir hören dann eher auch mal zwischen den Zeilen, wir erreichen ein ganz anderes, deutlich befriedigenderes Gesprächsergebnis. Usw.

Dennoch tun wir es oft nicht.

Zu unserer moralischen Entlastung („wie kann man nur SO BLÖD sein, NICHT auf den Anderen einzugehen…!?“) hier ein Haufen guter (selbst-empathischer) Gründe, aus denen wir es immer und immer wieder vermeiden, auf Andere einzugehen:

a) Ungestillte Bedürfnisse: Sitzen wir selber gerade auf einem akuten ungestillten Bedürfnis, wird es einfach schwer für uns, auf Andere einzugehen. Besonders dann, wenn wir unseren momentanen Gesprächspartner für das jeweilige Bedürfnis für „zuständig“ erklären. Wir wollen also etwas von ihm. Und es überfordert uns einfach oft, gleichzeitig unser eigenes Wollen im Blick zu behalten UND das, was der andere gerade braucht und will. – Manche kritischen Gespräche führen wir daher besser, nachdem wir unserem ungestillten Bedürfnis eine „Erstversorgung“ aus anderer Quelle haben zukommen lassen. Weil wir erst dann wieder fähig sind, auf den Anderen einzugehen.

b) Mentale Konzepte: Vor allem emotional stark geladene Konzepte („Werte“) verhindern, dass wir auf unseren aktuellen Gesprächspartner noch gut eingehen können. Unsere starken Bewertungen („so ist es richtig, so ist es falsch!“) führen dazu, dass wir auch hinsichtlich unseres Gesprächspartners schnell in die Bewertung geraten. Reißt er dann irgendwelchen, für uns persönlich wichtigen Messlatten für „moralische Integrität“ („also DAS geht ja aber nun wirklich GAR nicht!“), werden wir unfähig, noch irgendwie im Gespräch auf ihn einzugehen. Selbst wenn wir das Gespräch äußerlich weiterführen, haben wir es dann innerlich meist schon längst abgebrochen. Das, was wir äußerlich tun, ist dann meist kein Gespräch mehr, sondern ein verkappter Krieg, nicht selten ein Unterwerfungs- oder Vernichtungskrieg. Aus Gesprächsführung wird Kriegsführung: Der Andere soll jetzt den Wert, den er verletzt hat und der uns so wichtig ist, gefälligst anerkennen. Und wir bringen Dich jetzt dazu, Freundchen….! – Hinter all diesen starken Bewertungen stehen aber eindringliche, emotional bedeutsame Erfahrungen unsererseits. Oder eben wiederum: akut ungestillte Bedürfnisse, die starke Bewertungen Anderer bei uns aktivieren. Der von uns mitverursachte, mitgetragene, mitgeführte Krieg endet genau dort, wo wir uns verzeihen, dass wir selber eben einfach menschlich sind.

c) Begeisterung für’s Thema, Begeisterung für eine ganz bestimmte Lösung: Wenn wir bereits entschieden sind, was wir ganz praktisch für „gut“ halten, verlieren wir ebenfalls oft unsere Offenheit für andere Lösungen, und damit auch unsere Offenheit für Andere. – Im Grunde wollen wir einfach nicht, dass das Faß nochmal neu aufgemacht wird, weil wir für uns eben schon völlig entschieden sind. Dann noch auf andere einzugehen, macht uns Angst, dass unsere schöne Lösung schlecht gefunden werden könnte. Und deswegen vermeiden wir es. Wir sprechen ganz gezielt am anderen vorbei. Wir sprechen nur noch über unsere wunderbare Lösung und all ihre wunderbaren Vorzüge. Und um so mehr wir das tun, um so mehr verlieren wir den Anderen (dafür, und für uns).

d) Angst, im Anderen verloren zu gehen: Auch ganz generell können wir ängstlich sein, im Anderen verloren zu gehen, wenn wir auch nur ansatzweise auf ihn eingehen. Nach der Devise: Nehmen wir seinen kleinen Finger, reicht er uns gleich seine ganze Hand. Wir sind dann im Grunde einfach selbst unsicher, mit uns selber gerade nicht ganz so gut verbunden. Denn wir wir für uns klar haben, was brauchen und wünschen, verlieren wir uns auch dann nicht, wenn wir uns dem anderen voll zuwenden und auf das eingehen, was für ihn dabei gerade wichtig ist. Sich für sich Zeit zu nehmen, sich selber ernst zu nehmen, kann uns dann helfen, uns auch für andere wieder mehr öffnen zu können. Der Andere verliert seine pauschale „Bedrohlichkeit“ für uns.

e) Angst vor Konflikt, Angst vor der Begrenztheit der eigenen Konfliktlösungsfähigkeiten und Konfliktressourcen: Wir können auch glauben, dass das Eingehen auf den Anderen uns ganz direkt in Konflikte mit ihm stürzt. Das muss gar nicht immer ganz falsch sein. Denn jede echte Begegnung führt auch eine echtes Konfliktpotential mit sich, indem wir einander dann eben nicht ausweichen, sondern mit der Wucht unserer Bedürftigkeit und unserer Wünsche aufeinanderprallen. – Je nachdem, wie wir unsere eigenen Konfliktfähigkeiten einschätzen, können wir uns mehr oder weniger darauf einlassen, über das Eingehen auf den Anderen auch mal voll in einen Konflikt mit ihm hineinzurauschen. Oder wir landen eben in der weitgehenden Konfliktvermeidung. Und damit auch in der Vermeidung wirksamer Beziehung und Vermeidung der tausend Formen, in denen wir auf den Anderen eingehen könnten.

f) Müdigkeit, Erschöpfung, Überforderung: Im Grunde handelt es sich hierbei einfach um einen speziellen Fall von a) Ungestillte Bedürfnisse. Da aber gerade dieser Grund so häufig und verbreitet ist, verdient er vielleicht eigene Aufmerksamkeit. Wann immer wir gerade an den Grenzen unserer persönlichen Kraft operieren, vielleicht auch gerade gesundheitlich angeschlagen sind, begrenzt das unsere Fähigkeit und Neigung, auf Andere noch einzugehen. Nicht auf den Anderen einzugehen, ist dann sozusagen ein Selbstschutz, vielleicht sogar ein Schutz der gemeinsamen Beziehung, weil wir vermutlich explodieren würden, würden wir auch jetzt noch auf den Anderen so eingehen, wie wir es tun würden, wenn wir gerade noch kraftvoller wären. Nicht auf den Anderen einzugehen ist hier also ein Fall von beidseitiger Empathie, und es kommt nur auf die Form an, in der wir unsere eigenen Grenzen dem Anderen mitteilen.

g) Bündnisse, Vorlieben, Bindungen in Mehr-Personen-Gesprächen: Sind wir in einem Gruppengespräch einigen Anderen deutlich mehr zugetan als anderen Anderen, so mindert das die Wahrscheinlichkeit, dass wir auf diese Anderen noch wirklich eingehen. Unsere „Lieblinge“ lenken uns sozusagen davon ab, auch noch Ressourcen für die anderen Menschen im Raum bereit zu halten. – Ganz schlimm wird das allerdings oft erst, wenn sich innerhalb der Situation „Parteien“ bilden. Denn dann gehen wir als Mitglieder der einen Partei meist mit absoluter Verlässlichkeit keinen Millimeter auf all die Menschen ein, die der jeweils anderen Partei angehören. Wir befinden uns dann im Grunde bereits – oft unversehens – im Krieg. Und ähnlich wie bei b) Mentale Konzepte ist der Krieg stets das Ende von allem, was man „Gespräch“ nennen kann. Es geht uns dann einfach nicht mehr darum, auf den Anderen einzugehen, sondern schlichtweg darum, „den Krieg zu gewinnen“.

h) Unser Gesprächspartner macht es uns all zu leicht, nicht auf ihn einzugehen: Davon gibt es zahlreiche Unterformen. Von Menschen, die ganz generell sehr leise oder „unsichtbar“ auftreten, so dass sie das Übersehen-Werden geradezu provozieren. Über Andere, die ihre Bedürfnisse und Wünsche in einer Form kommunizieren, in der alles schwammig und undringlich erscheint, obwohl jene Bedürfnisse und Wünsche für sie selber längst überaus dringlich geworden sind. Bis zu jenen, die sich selbst einfach nicht klar sind, was sie gerade brauchen und wollen, und die diese eigene Unklarheit wortreich überkleistern. – In all diesen Fällen gehen wir dann in der Regel nicht auf den Anderen ein. Außer in wenigen, sehr starken Momenten von uns, in denen wir auf der Grundlage einer gut gepflegten Beziehung das Verhalten des Anderen direkt adressieren und unseren eigenen Wunsch äußern, besser auf ihn eingehen zu können. Und ihn daher bitten, uns doch einmal oder noch einmal klarer zu machen, was gerade für ihn wichtig ist, weil das für uns ohne eine solch größere Klarheit und Offenheit seinerseits einfach unmöglich bleibt.

Es gibt also wirklich einen Haufen von Gründen (die Liste ist sicher noch lange nicht vollständig), aus denen wir nicht auf Andere eingehen. Und das, obwohl es für uns regelmäßig so großartige, manchmal geradezu unglaublich und unverhofft positive Folgen hat, wenn wir es tun.

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