Demokratie besagt ja auch, dass wir nicht nur mit Menschen befreundet sein können, die recht ähnlich sind wie wir selbst. Nicht nur mit Menschen, mit denen wir „Werte“ teilen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben wie wir oder in einer ähnlichen Situation leben wie wir.

Die gegenteilige Annahme, dass es Ähnlichkeit bräuchte, um gemeinsam einen Staat zu machen, ist die traditionale, vor-demokratische Ansicht, die heutzutage manchmal irrtümlich „totalitär“ genannt wird, obgleich eben gerade sie NICHT die Totalität der Gesellschaft umfasst, sondern ganz gezielt Bürger aus der Gemeinschaftlichkeit des Staates, des Politischen ausgrenzt.

Dass wir miteinander befreundet sein können, obwohl wir recht verschieden sind, heißt nicht, dass diese Freundschaft ganz von allein, ohne unser bewusstes, aktives Zutun entsteht. Oder ohne Institutionen, die uns helfen, diese „Freundschaft unter Verschiedenen“ überhaupt schließen und pflegen zu können. Die Bürgerfreundschaft ist ein bewusst geschaffenes Gut, das davon lebt, dass wir alle gemeinsam in sie investieren (v.a. einen Teil unserer wertvollen Lebenszeit).

Demokratie als eine Verfassung, die auf Bürgerfreundschaft: Die Freundschaft unter Unähnlichen setzt, erkennt an, dass Politik eine Beziehungsform eigenen Typs darstellt. Dass in der Politik also gerade nicht unsere privaten Beziehungen nachgeäfft oder gespiegelt werden sollten, z.B. indem sich in ihr Ähnliche zu „Parteien“ zusammenschließen und als solche dann aufeinanderprallen.

Daher hat Demokratie schon immer, von ihren allerersten Anfängen an, ganz bewusst auf die aktive Durchmischung der Bürger in der Politik gesetzt. Und so das Politische als etwas, das sich von unseren privaten Beziehungen zueinander unterscheidet, überhaupt erst begründet.

Die Aristokratie als Verfassung hingegen beruhte, ebenfalls von Anfang an, auf Parteien: Dass sich Gruppen von Menschen hinter einer „Führung“ zusammenballen, sich also quasi-militärisch organisieren und dann, in dieser hierarchischen Organisation miteinander um die Vorherrschaft im Staat ringen. Ein ewiges Spiel, das von der Trennung der Bürger lebt. Von der Kultivierung von Vorurteilen gegeneinander, von Verachtung und Unverständnis gegenüber den Menschen „der anderen Partei“. Die Aristokratie spielt gern Krieg. Meist in ritualisierter, symbolischer Form. Und manchmal in buchstäblicher.

Die Demokratie lässt solche Spiele gar nicht erst aufkommen. Die Bürger sind in ihr zu gut miteinander verbunden, um sie entzweien und für Kriegsspielchen einspannen zu können. Die Demokratie stellt das Gut der Beziehung über die Sachthemen. Oder vielleicht besser gesagt: Unter die Sachthemen. Denn gerade indem das Beziehungsfundament der Demokratie wesentlich stabiler ist als in anderen Verfassungen, kann die Demokratie Sachthemen viel offener verhandeln und viel innovativeren Lösungen zuführen.

Die Verbundenheit der Bürger untereinander ist die Stärke der Demokratie. Gerade sie führt dazu, dass die Gesellschaft „für neue Ideen offen sein kann“. Weil kein Bürger befürchten muss, dass das jeweilige Neue seiner Kontrolle und seinem Einfluss entzogen ist, und von einer übermächtig scheinenden, gegnerischen Partei zu seinem Nachteil genutzt und zum Einsatz gebracht werden wird. Die soziale Sicherheit, die die Demokratie den Bürgern verschafft, führt zu einem entspannten Verhältnis zu allen politischen Themen. Sowohl zu Neuerungen als auch zu Verhältnissen, die man ganz bewusst beibehält. Aus einer gemeinschaftlichen, freundschaftlichen Entscheidung heraus.

Und das, obwohl man sich ja so unähnlich ist und auch bleibt.

Die Demokratie – um es philosophisch-pathetisch zu formulieren – ist tatsächlich eine „Einheit des Verschiedenen“. Und die zeitlich begrenzt bleibende Kultivierung einer  Freundschaftlichkeit zwischen den verschieden bleibenden Bürgern ist ihr Medium, ihr Operationsmodus, ihre wichtigste Institution.