Die von mir so bewunderten und hochgelobten kleisthenischen Reformen scheinen auch einen Aspekt mit sich gebracht zu haben, der heute hochproblematisch ist: Sie scheinen die Integrationskraft des Gemeinwesens eher geschwächt als gestärkt zu haben. So ist im entsprechenden Wiki-Eintrag zu lesen:

„Folglich dürfte zunächst die Konstituierung der Demen mit Einschreibung der Bürger in die Demenregister stattgefunden haben, was ohne territoriale Abgrenzungen und Vermessungen geschehen konnte, weil es sich dabei nicht um gebietsförmig definierte Verwaltungseinheiten handelte, sondern um je örtliche Personenverbände.[8] In den Demen wurden alle über 18-jährigen Bürger fortan registriert und bildeten mittels der dort geführten Bürgerliste den jeweils kleinsten attischen Bürgerverband. Wahrscheinlich war mit dieser Formalisierung des Erfassungsverfahrens auch eine Stärkung des Bürgerbewusstseins verbunden und eine stärkere Abgrenzung nach außen: Die bis dahin relativ leichte Integration von Zuzüglern könnte erschwert und für fest ansässige Nichtbürger (Metöken) ein eigener Rechtsstatus eingeführt worden sein. Die von Adligen dominierten Phratrien übten nun nicht mehr die Kontrolle über den Bürgerstatus aus.[9] „Durch die Konstituierung der Demen als Selbstverwaltungseinheiten werden die alten gentilizisch-lokalen Abhängigkeitsverhältnisse zerstört.“

Das bedeutet im Klartext: Einerseits wurde der Bürgerstatus weniger willkürlich. Es reichte nicht mehr, dass der athenische Adel die Einbürgerung befürwortete, damit Zuzügler den Bürgerstatus erwarben. Zugleich wurde der Bürgerstatus selbst immens aufgewertet. Und er wurde „nationalistischer“, d.h. er wurde enger an die biologische Abkunft gekoppelt. Das demokratischer werdende Athen wurde zugleich mehr als vorher eine Gesellschaft von Eingeborenen.

Das ist ein Mitgrund, aus dem heraus die Demokratie der Athener scheiterte. Scheitern musste: Aufgrund ihres nur innerlich festen Zusammenschlusses fehlten die demokratischen Bindungen nach Außen, die aus einem provinziellen Stadtstaat, der sich zur Hegemonialmacht aufschwang, ein demokratischer Staatenverbund hätten machen können. So demokratisch Athen dann auch zwischen seinen Bürgern war, gegenüber den nicht-athenischen Griechen führte es sich tyrannisch auf. Die Einbürgerung Aller in das Gemeinwesen war außerhalb des Horizonts der athenischen Demokratie. Anders als zur Befriedung der ständigen Konflikte zwischen den verschiedenen athenischen Adelsfamilien und der ständigen Konflikten zwischen Adligen und Demos hatte man „nach außen“ gar keine Ambition, neue Institutionen und Verfahren zu erfinden, die ein Außenverhältnis zu einem Innenverhältnis gemacht hätten. Die Integrationskraft der Demokratie war auf diese Weise äußerst begrenzt. Und was außen bleibt, kann nur beherrscht werden, wenn man von ihm nicht beherrscht werden will. Es fällt nicht in den Bereich der Politik, sondern in den Bereich der Kriegsführung. So war dann auch der peloponnesische Krieg der Anfang vom Ende der athenischen Ausnahmestellung. Und auch der Anfang vom Ende der athenischen Demokratie, auch wenn sie nach diesem jahrzehntelangen Krieg voller Gräuelltaten noch eine ganze Weile fortbestand.

Kurz gesagt machten die Athener sich durch die Kleisthenischen Reformen zwar einander noch einmal ganz anders zum Freund; sie schufen aber keine Institutionen, mit denen sie sich auch die Menschen jenseits Attikas zu Freunden hätten machen können.

Auch bei einer späteren Reform, die zu einer weiteren Demokratisierung Athens führte, können wir diese Mechanik beobachten: Auch die Bürgerrechtsreform im beginnenden perikleischen Stadium der athenischen Demokratie machte den Bürgerstatus exklusiver als vorher. – Und stärkte zugleich den Zusammenschluss der athenischen Bürger untereinander.

Dazu kann man sagen, dass die athenische Demokratie – schon von ihren ersten Reformschritten an – mit dem Druck äußerer Bedrohung zur rechnen hatte. Im Grunde war man permanent im Krieg, unterbrochen von einigen Atempausen, in denen der Horizont der Bedrohtheit aber keineswegs verschwand. Die athenische Demokratie war eine „Demokratie in Waffen“, eine Kriegergesellschaft. Eine Demokratie, die sich nach außen behaupten musste. Die nach außen auf Krieg voreingestellt war. Und so dominierte sie dann auch dieses Außen, zunächst. – Das war der Grund, warum sich die Demokratie mit ihrer immer weitergehenden Konstitution personell immer weiter in sich verschloss, obwohl ihre Institutionen selbst das genaue Gegenteil nahelegen: Nämlich eine immer weitergehende Ausweitung ihrer Anwendung. Und damit auch die immer weitergehende Herstellung von guten Beziehungsverhältnissen.

Das Politische, wie es in Athen entdeckt und erfunden wurde, besteht im Kern aus einer beständigen Beziehungspflege. Einer Beziehungspflege der Bürger untereinander, die genau durch diese ständige Beziehungspflege überhaupt erst zu „Bürgern“ werden.

In diesem durch beständigen Beziehungspflege vertrauten Verhältnis der Bürger untereinander werden zudem institutionelle Anpassungen (Reformen, neue Gesetze) sehr leicht möglich, die sich dann wiederum positiv auf die Beziehungen der Bürger untereinander auswirken. Die Demokratie Athens war für ihre Bürger eine positive Feedbackschleife, die sich selbst zu füttern und zu bestärken anfing. Das war der Grund, warum diese Demokratie so stabil war, warum sich die Bürger von sich aus so für sie begeisterten, und warum die athenische Demokratie über alle Maßen handlungsfähig und voller Initiative war.

Die Integration des Außens in diese Demokratie hinein, die Übertragung der für einen begrenzten Personenkreis bereits bewährten politischen Mechanismen auf noch weitere Menschen, die gezielte „Einbürgerung“ weiterer Menschen in die Politik, die bewusste Ausweitung des Politischen, – das war damals auch außerhalb des Denkbaren. Die attische Demokratie blieb politisch äußerst begrenzt.

Das heißt aber nicht, dass das für uns heute undenkbar wäre. Denn heute ist es sehr leicht vorstellbar, dass wir die in Athen bewährten Verfahren zunächst auf lokaler Ebene einführen, und sie schon kurz danach ausweiten und auf weitere Verhältnisse übertragen. So dass ein weltweites Beziehungsnetz zwischen uns besteht, das die Ehrentitel „politisch“ und „demokratisch“ tatsächlich verdient.

 

 

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