Man könnte auch sagen: Alles, was unserer momentanen Politik fehlt, unserer Verfassung, unserer Staatsform, der Art und Weise, wie wir den politischen Raum aufspannen, ist einfach nur, dass wir bisher die Bürger zueinander in keine Beziehung bringen. Und in eine gute Beziehung schon gleich zwei mal nicht.

Das Wesentliche der ursprünglichen Formen von Demokratie: Dass sie die Bürger miteinander in eine beständige Beziehung brachten, dass sie eine Beziehungsdemokratie formten, findet zwischen uns bisher einfach nicht statt. Wir könnten auch sagen: Wir verweigern uns in der Moderne bisher hartnäckig einer solchen notwendigen Beziehungsherstellung zwischen den Bürgern.

Derart unverbunden untereinander bleibt aber den Bürgern nichts anderes übrig, als „Parteien“ gegeneinander zu gründen, die die Kluft zwischen ihnen weiter vertiefen und empathische Lösungsfindungen, die auf wechselseitigem Wohlwollen und Verständnis für die Lage der Mitbürger „auf der anderen Seite“ beruhen, noch unwahrscheinlicher machen als sie vorher ohnehin schon waren. – Weil man in der ursprünglichen Demokratie diesen Mechanismus sehr gut verstand und eine Spaltung der Bürgerschaft als nicht hinnehmbares Übel für alle auffasste, verhinderte man dort das Aufkommen von Parteien aktiv. Diese Überwindung von Parteilichkeit war ein erklärtes Ziel und eine reale Leistung derjenigen Verfassung, die dann später rückwirkend als „Demokratie“ bezeichnet wurde.

Es ist tatsächlich ein Aufwand, uns Bürger unmittelbar miteinander in Kontakt, in eine beständige Beziehung zu bringen. Und ohne Einsatz des Losverfahrens, ohne zahlreiche geloste Bürgergremien auf allen politischen Ebenen ist das heute kaum mehr vorstellbar. Zumindest fällt mir bisher keine andere Lösung ein, um wirkliche Beziehungen zwischen den Bürgern herzustellen, anstatt nur die bei uns üblichen und für uns alle völlig unbefriedigenden Beziehungen zwischen Berufspolitikern und Bürgern.

Solange wir aber auf diese gemeinsame Arbeit verzichten, kann man aus guten Gründen infrage stellen, ob wir heute wirklich schon in einer Demokratie leben. Denn es war eben die starke Verbundenheit der Bürger untereinander, die institutionelle Herstellung einer Einheit unter ihnen – einer Einheit, die zugleich ihre Individualität würdigte, anstatt sie zu unterdrücken -, die die Demokratie begründete.

Jenseits aller Definitionsfragen um den Begriff der „Demokratie“ ist kann in jedem Fall als sicher gelten: Wenn wir uns als Bürger nicht in Beziehung zueinander bringen, bleibt die Bürgerschaft so gespalten, wie wir sie heute kennen. Und es ist eher wahrscheinlich als unwahrscheinlich, dass sich diese Spaltungen zwischen uns mit der Zeit noch vervielfältigen und vertiefen werden. – Die Demokratie mit ihrer beständigen Beziehungspflege zwischen den Bürgern, mit der Begründung einer genuin „politischen“ Beziehung zwischen den Menschen, war ursprünglich die Antwort auf genau eine solche Situation.

Die eigentliche Leistung der attischen Demokratie war es, aus einer vorpolitischen Anomie mit ständigen Kämpfen in der Bürgerschaft eine belastbare politische Verbundenheit und Einheit der Bürger geschaffen zu haben. Eine politische Wertschätzung des Individuums, das würdig befunden und von dem sicher auch ein Stück weit erwartet wurde, sein eigenes Schicksal in der Politik mitzugestalten. Die Demokratie war ein unmittelbares Anerkennungsverhältnis. Aber es blieb in ihr nicht bei Konzepten, bei niedergeschriebenen Worten, bei wohlklingenden Sonntagsreden, bei Theorie. Die Anerkennung war eine „physisch unterfütterte“, eine handelnde, eine sich ständig aktualisierende, eine von allen gemeinsam erarbeitete, weil man sich als Bürger in der Politik regelmäßig unmittelbar begegnete, sich dabei zu schätzen und zu vertrauen lernte.

Und auf diese Weise gemeinsam Entscheidungen traf: Verbunden statt unverbunden. Miteinander statt gegeneinander. In Beziehung statt unbezogen.

Es kann uns heute zu denken geben, dass die antike Beziehungsdemokratie sich aus einer Situation heraus entwickelte, die unserer heutigen in einigen Punkten gar nicht mal so unähnlich ist. – Mir jedenfalls gibt das zu denken.

 

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