„Die Demokratie hat keine Feinde“ – Das kann doch nicht wahr sein? Ist es nicht sogar gefährlich, so etwas zu behaupten? Weil dann unsere Wachsamkeit und Kampfbereitschaft nachlässt, jenen gegenüber, die alles andere im Sinn haben als Demokratie?

So falsch der Satz unserer politischen Erfahrung nach erscheint, so zutreffend ist er in systematischer Hinsicht, so richtig ist er in der Demokratietheorie: Die Demokratie hat keine Feinde. D.h. sie kann gar keine Feinde haben.

Dieser Widerspruch zwischen „Erfahrung“ und „Theorie“ entspricht einem Zustand unsererseits: Unsere Annahme, die Demokratie hätte Feinde, unsere Annahme, Demokratie könnte überhaupt Feinde haben, basiert NICHT auf Erfahrung, sondern auf  theoretischen Annahmen. – Auch wenn diese theoretischen Annahmen eben auf vordemokratischen Erfahrungen fußen: Auf den Erfahrungen, die wir in einer noch nicht ganz so demokratischen Welt gemacht haben. Es handelt sich um eine unzulässige Verallgemeinerung von gemachten Erfahrungen: Weil etwas, das wir vorschnell bereit waren „Demokratie“ zu nennen, Feinde hatte, glauben wir, dass auch eine Weiterentwicklung zu einer vollständigeren Demokratie Feinde haben müsse.

Eine Demokratie, die sich selbst versteht, überschreitet damit auch ihre Ursprünge im antiken Griechenland, wo ein Freund-Feind-Schema Teil ihrer Entstehungsgeschichte war (vgl. dazu Christian Meiers Studie „Aischylos‘ Eumeniden und das Aufkommen des Politischen“ in: Ders.: „Die Entstehung des Politischen bei den Griechen“, S. 207 ff.). In der attischen Demokratie ging der freundschaftliche Zusammenschluss der Bürger zugleich mit einer Ablenkung der kriegerischen Aggression nach Außen einher.

Der vorher über Jahrzehnte schwelende Bürgerkrieg innerhalb Athens wurde beigelegt, indem die Bürgerschaft eine neuartige Einheit formte, die sich gemeinsam kriegerisch nach Außen wandte. Die attische Demokratie war daher für alle, die keinen Teil ihrer Bürgerschaft bildeten, eine Bedrohung. Die attische Demokratie machte allen, die außerhalb von ihr standen, keinerlei Friedens- und freundschaftliches Beziehungsangebot, sie brauchte es vielmehr für ihren inneren Zusammenhalt, dass sie im Außen Feinde hatte.

Zugleich liegt auch in diesem begrenzten, lokalen, historischen Zusammenhang eine allgemeine politische Wahrheit: Eine Demokratie ist auf Dauer darauf angewiesen, alle Menschen zu ihren Bürgern zu machen. Die antike Demokratie hat diese Bewegung nur noch nicht vollständig ausgeführt. Aller Wahrscheinlichkeit nach wäre das auch einfach zu viel von ihr erwartet gewesen.

Das ist die Grenze, bis zu der wir uns heute von der antiken Demokratie inspirieren lassen können. Denn wir heute können von der Demokratie, d.h. von uns selbst, durchaus dieses Kunststück erwarten. Und die inneren Strukturprinzipien der Demokratie erfordern es sogar zwingend, dass wir gemeinsam diesen Entwicklungsweg gehen.

Die Gründe für diesen Unterschied zwischen Antike und Moderne sind mehrschichtig und reichen recht tief. Im Kern ist es aber der unendlich größere Differenzierungsgrad der Modernen Gesellschaft, verbunden mit unserer allmählichen, sich über Jahrhunderte hinweg vollziehenden Abkehr von einem allgemeinem Kriegerethos und einer Kriegerkultur, die dazu führen, dass uns heute ganz anderes möglich ist, als es das für die Erfinder der Demokratie jemals war. Hinzu kommt das Faktum des Bestehens einer Weltgesellschaft, dem „nur“ noch die offene Anerkennung durch geeignete politische Institutionen fehlt. Wir verfügen heute über eine Mobilität, die eine „bürgerliche Gegenwärtigkeit“ (Christian Meier) auch auf globaler Ebene möglich macht.

Für den Moment reicht es vielleicht, sich klar zu machen, dass, ebenso wie die liberale Gesellschaft schon lange keine ernsthaften „Feinde“ mehr hat, auch leidenschaftliche Ablehnungen der Demokratie nur ein ganz äußerlicher Anschein sind. Genauer: Ein vorläufig noch bestehender Mangel an Erfahrung mit Demokratie.

Sie beruhen auf einem erfahrungsgeleiteten Missverständnis, was Demokratie überhaupt ist, worin sie besteht, und wie wir alle in ihr miteinander verfahren.

Anders gesagt: Was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht.

Noch anders gesagt: Es gibt Freunde der Demokratie, die aus nachvollziehbaren Gründen denken, dass die Demokratie ihnen feindlich oder schädlich sei. Die Theorie sagt: Sie irren sich.

So wie der zunächst demokratiefeindliche Adel in Attika voll und ganz in die demokratischen Verfahren integriert werden konnte, kann jeder die überwältigenden Vorzüge der Demokratie für sich entdecken, der tatsächlich (und nicht nur in der Theorie) mit ihr in Berührung kommt.  Die Integrationskraft der Demokratie ist unbegrenzt. Genau das ist ihr Struktur- und Verfahrensprinzip.

Die Demokratie macht süchtig nach sich selbst, weil wir uns selbst in ihr wiederfinden. Wer sie kennen lernen durfte, der will keine anderen politischen Formen mehr. Wer Demokratie erleben konnte, will mehr Demokratie. Eine bestehende Demokratie braucht keine Helden und hat keine Feinde.

Es geht daher heute nur noch darum, uns alle hinreichend mit demokratischer Erfahrung anzufixen.