Vor nicht all zu langer Zeit war ich ja noch der Meinung, diejenigen Gesellschaften seien glücklich, in denen die meisten Menschen in aller Ruhe ihren Privatgeschäften nachgehen können, während sich in der Politik die Ehrgeizlinge unter uns gegenseitig in Schach halten. Wie Raubtiere in einem Zirkuskäfig. – Diese meine alte Meinung musste ich über die letzten Jahre gründlich revidieren.

Es gibt allerdings einen Aspekt jener Meinung, den ich auch heute noch aufrecht erhalten möchte, sogar mehr denn je: Wenn Politik furchtbar aufregend und „spannend“ ist in ihren Verfahren und Prozessen, dann läuft etwas gründlich falsch. Dann hat eine Gesellschaft noch nicht wirklich begriffen, worum es bei „Politik“ eigentlich geht. Wozu Politik ursprünglich einmal erfunden wurde. Welche Verfahren und Institutionen überhaupt Politik begründen und was wir im Gegensatz dazu als außer- oder vorpolitische Institutionen verstehen müssen.

Politik ist strukturell langweilig. Ja, sie ist sogar mit Vorsatz langweilig, denn ihr Daseinszweck ist es gerade, das Spannende unspannend zu machen, also gesellschaftliche Konflikte zwischen uns Menschen dauerhaft beizulegen und die Gesellschaft so beständig neu zu befrieden. Politik macht uns dabei, nebenher, zu „Bürgern“. Und als Bürger haben wir ein deutlich unspannenderes Verhältnis zueinander denn als Privatmenschen. Genau dadurch ist das Ziel von Politik bereits mehr als nur halbwegs erreicht. Politik ist anstrengende emotionale und kognitive Arbeit für die Bürger. Und das ist eben alles andere als spannend.

„Let’s make politics boring again!“ ist also alle Zeit ein gutes Motto, um sowohl das Ziel als auch das Wie der Politik nicht aus den Augen zu verlieren und in der typisch politischen Spur zu halten.