Ich starte diesen Artikel mal mit drei Gerald-Hüther-Zitaten. Gerald Hüther kommt so gut wie immer gut. Der gute, alte Hüther hat sich diese „Ehre“ durch die Behauptung in seinem Buch „Was wir sind und was wir sein könnten“ verdient, dass Freiheit und Verbundenheit DIE beiden menschlichen Grundbedürfnisse sind. Und dass wir uns keinen Gefallen tun, wenn wir denken, wir müssten oder könnten sie gegeneinander ausspielen:

„In Wirklichkeit existiert ja kein Mensch für sich allein. Jeder Mensch ist eingebunden in eine Welt, die er braucht, um zu überleben. Und jeder Mensch ist oder war zumindest am Anfang seines Lebens auf untrennbar enge Weise mit anderen Menschen verbunden. Sonst hätte er nicht überleben können. Deshalb lässt sich die Frage, wie wir frei sind, gar nicht beantworten, wenn wir unbeantwortet lassen, wie verbunden wir sind. Es gibt keine Freiheit ohne Verbundenheit. Aber Verbundenheit ist nicht Abhängigkeit. Wir Menschen sind in der Lage, unsere Beziehungen zu anderen Menschen, ja sogar zu Tieren und Pflanzen so zu gestalten, dass wir uns mit ihnen verbunden fühlen, ohne von ihnen abhängig zu sein.“  (Gerald Hüther: „Was wir sind und was wir sein können“, S. 140)

„Dabei macht jedes Kind zwei Grunderfahrungen, die tief in seinem Gehirn verankert werden: Die erfahrung engster Verbundenheit und die Erfahrung eigenen Wachstums und des Erwerbs eigener Kompetenzen. Diese beiden Grunderfahrungen bestimmen als Grundbedürfnisse seine künftigen Erwartungen. Zeitlebens sucht jeder Mensch nach Beziehungen, die es ihm ermöglichen sich gleichzeitig als verbunden und frei zu erleben. Nur wenn diese beiden Grundbedürfnisse gestillt werden können, ist ein Kind – und später ein Erwachsener – in der Lage, die in seinem Gehirn bereitgestellten vielfältigen Vernetzungsangebote auf immer komplexer werdende Weise zu nutzen und ein entsprechend komplexes Gehirn zu entwickeln. (Gerald Hüther: „Was wir sind und was wir sein können“, S. 45 f)

„Besser würde es jedem Kind gehen, wenn es jemand fände, der es so annimmt, wie es ist. Ohne irgendwelche Erwartungen und ohne etwas aus ihm machen zu wollen. Jemand, der es einlädt, ermutigt und inspiriert, es doch noch einmal zu versuchen, doch noch einmal zu sehen, ob es geht, ob es nicht doch möglich ist, in engster Verbundenheit über sich hinauswachsen zu können, autonom und frei zu werden. Das kann nur jemand, der dieses Kind wirklich liebt. Das Glück, so bedingungslos geliebt zu werden, haben leider nicht alle Kinder.

Deshalb ist es gut, dass es noch eine andere Beziehungsform gibt, in der wir Menschen uns nicht nur als Kind, sondern ein ganzes Leben lang ebenfalls gleichzeitig gebunden und frei erleben können: Geteilte Aufmerksamkeit, >>shared attention<<, nennen das die Psychologen. Diesen Zustand erlebt ein Kind immer dann, wenn es zusammen mit anderen Kindern einen Turm baut, gemeinsam mit anderen etwas singt, tanzt, musiziert, malt oder etwas bastelt. Immer dann, wenn das geschieht, fühlt sich das Kind in diesem gemeinsamen Tun aufs engste mit allen anderen verbunden. Aber es ist gleichzeitig auch frei und autonom und kann sich mit allem, was es kann und was es interessiert, in diesem gemeinsamen Tun einbringen. Dann werden seine beiden Grundbedürfnisse gestillt, dann wächst es in diesem gemeinsamen Tun mit den anderen über sich hinaus. Dann ist ein Kind sogar bereit, seine eigenen augenblicklichen Interessen zurückzustellen, sich anzustrengen, auf die anderen zu achten, sie zu ermutigen und anzuspornen, damit das gemeinsame >>Werk<< gelingt.“ (Gerald Hüther: „Was wir sind und was wir sein können“, S. 170)

Nun ist die Moderne Gesellschaft nicht unbedingt besonders „begabt“ darin, unbedingte Beziehungen zu ermöglichen, uns überhaupt die Möglichkeit zu lassen, miteinander unbedingte Beziehungen zu pflegen. Einer naheliegenden, politischen Lösung des Problems, dass wir Menschen ein unauslöschliches Bedürfnis nach unbedingten Beziehungen haben, verweigert sie sich nämlich. Bisher zumindest.

Das ist deswegen bemerkenswert, weil der ursprüngliche Begriff von „Politik“ genau darin besteht, was Hüther beschreibt: Regelmäßig „shared attention“ herzustellen, in ganz bestimmten Formen, war die eigentliche Leistung des politischen Raums.

Die Moderne Gesellschaft ist eine Gesellschaft, in der die individuelle Freiheit so GROSS geschrieben wird, dass dahinter der Zusammenhang verschwindet, dass wir uns niemals frei fühlen, wenn wir nicht zugleich auch sehr gut mit unserer menschlichen Umwelt verbunden sind. – Das ist der Hauptgrund, warum sich unser heutiges Leben trotz unseres exzessiven Freiheitsfetischismus‘ faktisch so unfrei anfühlt. Wir sind nicht sicher. Und das ist ebenfalls ein Faktum, keine Einbildung. Wir sind da alle miteinander ganz „realistisch“.

Die Moderne fürchtet also, unsere Freiheiten zu zerstören, wenn sie uns dabei unterstützt, unsere Verbundenheit zu kultivieren. Sie will uns vor uns selbst beschützen. Vor unserer Neigung, unsere Freiheiten wegzuwerfen, „um dazu zu gehören“, um soziale Sicherheit zu erwerben. – Da sie uns also im Grunde Gutes will, tun wir uns einen Gefallen, wenn wir ihr diesen Irrtum verzeihen. Denn er beruht auf „Erfahrungen“. Die Moderne hat „Freiheit in Verbundenheit“ bisher nicht kennen gelernt. Woher also soll sie wissen, es so etwas tatsächlich gibt? Dass so etwas überhaupt wirklich möglich ist? Dass sich so etwas sogar systematisch herstellen lässt?

Die Moderne hat also schlicht noch nicht entdeckt, dass es neben der Ich-Wirksamkeit auch eine Wir-Wirksamkeit gibt; oder zumindest, dass beide in keinerlei Widerspruch zueinander stehen müssen, sondern dass es spezifische Formen von Wir-Wirksamkeit gibt, die unsere Ich-Wirksamkeiten sogar noch steigern. Und dass sich Ich-Wirksamkeiten OHNE jene spezifische Wir-Wirksamkeit ganz automatisch wechselseitig zu mindern beginnen.

Die Moderne glaubt zwar, dass sie in dem, was sie „Staat“ nennt, diese spezifische Form von Wir-Wirksamkeit bereits für sich gefunden hätte. Doch in Wirklichkeit pflegt sie so seltsame Vorstellungen über ihren Staat und die Menschen, die ihn bilden, dass sie dadurch die Verbundenheit auf dem Altar der Freiheit zu opfern versucht. Der Gedanke, dass es eine Form von politischer Freiheit gibt, der die privaten Freiheiten aller, die an dieser politischen Freiheit haben, sogar noch vergrößert, ist ihr bis auf den heutigen Tag fremd geblieben.

Was aber verstehen wir – ganz naiv und unmittelbar – unter „Freiheit“? Und was unter „Verbundenheit“?

Wenn wir so stammelnd „Freiheit“ zu definieren versuchen, gelangen wir vielleicht zu so etwas wie: Selber Fehler machen dürfen, selber die Verantwortung tragen dürfen, selber hinter sich aufwischen dürfen, selber Neues entdecken dürfen, selber bestimmen, mit wem wir gerade wie in Beziehung sein wollen und mit wem wie nicht. Selber bestimmen können, wer wir hier und jetzt gerade sein wollen. Oder zumindest: Wie wir uns hier und jetzt gerade „geben“ wollen.

Da uns Freiheit heute vertrauter ist als Verbundenheit, lasse ich es damit vorläufig bewenden. Wenden wir uns also der Verbundenheit zu.

Zunächst: Verbundenheit ist wohl all das, was wir unter „Freiheit“ verstehen. UND sich bei all dem dennoch gehalten und nicht allein fühlen. Doch was erzeugt in uns ganz unmittelbar Gefühle der Verbundenheit?

Wenn uns jemand zuhört, wirklich zuhört, so dass wir merken, dass Resonanz in ihm ensteht auf das, was wir sagen. Wenn wir uns „verstanden“ fühlen.

Wenn jemand sich von uns inspirieren lässt. Wenn jemand „mittut“. Wenn es zwischen uns hin- und hergeht. Wie z.B. im Improvisationstheater.

Wenn unsere Bedürfnisse und Gefühle für die Menschen um uns herum spürbares Gewicht haben. Wenn sie für sie Bedeutung haben. Wenn unsere offene Rede über unsere Bedürfnisse ihre Entscheidungen und Handlungen beeinflusst und verändert.

Wenn wir merken, dass wir auch zu dem Leben unserer Mitmenschen etwas beitragen können, das für sie wirkliche (= emotionale) Bedeutung hat. Und zwar so, dass wir unsere „gute Wirkung“ auf sie auch tatsächlich mitbekommen, dass wir sie wahrnehmen und spüren können.

Wenn wir also wahrnehmbare positive Resonanz beim Anderen erzeugen. Wenn wir bemerken können, dass andere Menschen sich durch unser Handeln verstanden fühlen.

Wenn wir uns willkommen fühlen.

Wenn unsere Beziehungen von Neugier aufeinander und Offenheit füreinander geprägt sind, anstatt von Bewertungen und Urteilen übereinander.

Wenn wir mitbestimmen darüber, „wie die Dinge hier laufen“, also auch über die Gesetze, Regeln, Abläufe und Verfahren hier.

Verbundenheitsgefühle und Freiheitsgefühle sind keine Gegensätze. Sie sind eins. In dem Sinne, dass sie gleichzeitig bei uns aufkommen und gleichzeitig in uns aufhören. Wenn wir uns nicht mehr frei fühlen, fühlen wir uns auch nicht mehr verbunden. Wenn wir uns nicht mehr verbunden fühlen, fühlen wir uns auch nicht mehr frei.

Und wenn wir uns frei fühlen, können wir sicher sein, dass wir gerade auch „gut verbunden“ sind.

Und wenn wir uns verbunden fühlen, dann merken wir auch: DAS ist Freiheit. Wirkliche Freiheit.

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