Völlig zurecht wird immer wieder darauf hingewiesen, dass in der abendländischen Antike Veränderungen und Entwicklungen anders gedacht wurden als heutzutage, in der Moderne.

Was uns in der platonischen Philosophie begegnet: Eine ewige Ordnung, der gegenüber eine unwesentliche Veränderlichkeit der irdischen Dinge steht, die sich nur weiter weg von jener Ordnung, oder weiter hin auf diese Ordnung zu bewegen kann, ist typisch für das ganze altgriechische Denken. – Entsprechend hatte jede Art von „Change“ einen ganz anderen Klang und eine ganz andere Bedeutung für antike Ohren und Augen. Veränderungen fühlten sich anders an. Sie waren eingebettet in eine ewige Ordnung, die selbst durch jene Veränderungen – aus Prinzip – nicht infrage gestellt werden konnte.

Wir denken heute politisch noch ähnlich, wenn wir z.B. „Verfassungen niederschreiben“, die ebenfalls fingieren, solche ewigen Ordnungen für uns zu sein, während z.B. konkrete Gesetze und staatliche Maßnahmen beständig veränderlich für uns bleiben. (Also, falls wir zu den sehr wenigen aktiven Bürger gehören, natürlich.)

Entsprechend gab es für die Antike auch gar keine „Erfindungen“, sondern nur „Entdeckungen“. Es gab die mehr oder weniger große „Teilhabe“ an der einen, immer gleichen Wahrheit. Auch, dass der eine mehr jenen Teil der Wahrheit wahrnahm und der andere eher einen anderen Teil von ihr, war im antiken Paradigma von „Erkenntnis“ noch gut denkbar.

In Christian Meiers Rekonstruktion des antiken Begriffs vom Politischen (also der Rekonstruktion des Begriffs der alten Griechen von ihrer eigenen, ureigenen Erfindung) findet sich dazu folgende Analyse:

„Denn eine göttliche Ordnung, die von einer dritten Position her aus zunehmend begriffener und beherrschbar werdender Realität erschlossen war, war nur im politischen Ausgleich im Sinne eines méson zu denken und zu verwirklichen. Ohne Anlehnung an das Gegebene, ohne sorgfältige Beachtung aller gegenwärtigen Kräfte hatte für das politische Denken keine Aussicht auf Verbesserung bestanden. Und Verbesserung konnte nur die Herstellung der im Sinne der Götter liegenden, also einer immer richtigen, folglich einer aus dem Gegebenen abgeleiteten Ordnung sein. Diese statische Auffassung überdauerte sogar die zeit der theologischen Politik. Denn angesichts der Statik der Lebensbedingungen, vor Entdeckung und Möglichkeit des Fortschrittsbegriffs, konnten auch die Prinzipien rechter Ordnung überhaupt nur statisch konzipiert werden. Man konnte sie mit der Zeit vielleicht anders und besser erkennen. Darin bestand der Zuwachs an Einsicht. Man konnte – und musste – sie auch abstrakter fassen, sie konnte aber nicht grundsätzlich anders sein als in früherer Zeit. Der Adel konnte nicht als >>überholt<< erscheinen. Die Schwelle zur >>Verzeitlichung<<, zum >>Fortschritt<< war nicht zu überschreiten. Insofern sprach noch sehr vieles dafür, dass die Gottheit jeglicher Mitte den Sieg verleiht.

In dieser Formel konnte allerdings vielfacher Wandel oder besser: Wechsel berücksichtigt werden. […] Damit ist das dauerhaft gültige Prinzip vom willkürlichen Wechsel getrennt, die Wandelerfahrung eingebettet in ein Konzept des Gleichbleibens. Das lässt im einzelnen viel Spielraum. Es duldet aber im Entscheidenden keine Relativierung.“ (Christian Meier, Die Entstehung des Politischen bei den Griechen, S. 234 f.)

Dass für die griechische Antike so ein Wandel-Begriff möglich war, der keinen Fortschritt kennt, sondern nur ein mehr-oder-weniger-die-Mitte-treffen, ist auch deswegen bemerkenswert, weil er überaus bewegte politische Zeiten überlebte, wenn nicht sogar überhaupt erst ermöglichte.

Die griechische Antike fand HALT in einem Glaubenssatz von der fraglosen Existenz einer ewigen Ordnung, vom Eingebettet-Sein des eigenen Tuns in einen KOSMOS. Und so war viel Wandel möglich, ohne dabei all zu bedrohlich zu wirken für die, diesen Wandel handelnd vorantrieben oder ihm auch rein passiv ausgesetzt waren: Jeglicher Wandel, und fiel er auch noch so drastisch aus, war von vornherein gesetzt als eine mögliche Annäherung an die ewige Ordnung.

Und wenn auch menschlicher Irrtum über diese Ordnung und ihre Handlungsimperative ebenso als beständig möglich gedacht wurde, so war diese menschliche Irrtumsanfälligkeit nicht existentiell bedrohlich: Man war sich lange Zeit noch sehr sicher, dass einen „die Wahrheit“ in diesem Fall rechtzeitig einholen würde.

Auf diese Weise kam mit der griechischen Demokratie eine politische Ordnung zustande, in der auch die permanente Revolution dieser Ordnung für die, die an ihr Teil hatten und die sie betrieben, nicht bedrohlich und nicht beängstigend war.

Wir heute lebenden Menschen haben diese Möglichkeit der „theologischen Einbettung“ unserer Demokratie nicht mehr.

Genau aufgrund dieses Mangels, aufgrund des Fehlens eines „Kosmos“ können wir heute allerdings auch entdecken, dass auch die antike, griechische Demokratie „in Wahrheit“ von etwas anderem gehalten wurde als von dem, wovon sie selbst dachte, dass sie davon gehalten sei:

Von ihren unmittelbaren Beziehungen. Von den unmittelbaren Beziehungen der Bürger zueinander.

Und das ist, anders als der fraglose Glaube an ewige Ordnungen, die immer noch gerade eben so rechtzeitig an unser Bewusstsein klopfen, auch für uns heute sehr gut und sehr leicht herstellbar.

Wenn wir uns „richtig“ zueinander in Beziehung setzen, finden wir den Halt aneinander und ineinander, den wir in der außermenschlichen Welt niemals mehr finden werden. Und auch der Maßstab für DIESE Richtigkeit, DIESE Ordnung, DIESEN unseren Kosmos sind wir selbst.

Wir finden den Maßstab für politische Richtigkeit in uns. Wir finden ihn in unseren Mitmenschen. Und wir finden ihn im gemeinsamen Gespräch über dieses Innerlich-Menschliche.

Und das bedeutet: Obwohl wir uns möglicherweise von der griechischen Antike zur Einführung ganz bestimmter politischer Institutionen und Verfahren inspirieren lassen können – und sollten – , haben wir heute doch notwendigerweise einen anderen Begriff davon, was wir da tun. Wir haben dabei zweifellos einen anderen Politikbegriff.

Das, was wir heute als „ewig“ oder „unhintergehbar“ oder „fraglos“ ansetzen, ist etwas völlig anderes als das, was seinerzeit die alten Griechen zur Erfindung des Politischen ermutigte und inspirierte.

Und das wiederum hat stimmigerweise praktische Konsequenzen. D.h. dass wir heute auf ganz bestimmte Weise in unserem politischen Handeln von den politischen Institutionen und Verfahren der attischen Demokratie abweichen werden.