Ich bin heute sehr erschrocken, als ich in einem Artikel das Wort „Kontaktschuld“ gelesen habe. Ich selber bin nämlich sehr stolz darauf, mit allen möglichen Menschen in unserer Gesellschaft Kontakt zu haben und mit beinahe allen einen guten, freundlichen Kontakt aufbauen zu können. Und dort, wo ich das gerade mal nicht kann, würde ich ja immer behaupten: Liegt das an mir selber.

Für mich als einen Menschen mit einer leichten sozialen Phobie, treffender wäre vielleicht: „mit einer allgemeinen Angst vor Menschen“, ist diese beständige Erfahrung ungemein beruhigend. Also dass das geht. Dass wir als Menschen zueinander, jenseits unserer zufälligen Verschiedenheiten, einen guten Kontakt aufbauen können, wenn wir es darauf anlegen und ein Rahmen vorhanden ist, der das unterstützt und ermöglicht.

Auch mein All-Time-Hero Daryl Davis ist vermutlich jemand, der mit dem Wort „Kontaktschuld“ nichts anfangen könnte. Wir könnten uns auch fragen: Woher denn, außer durch den unmittelbaren, zwischenmenschlichen Kontakt soll denn der Zusammenhalt in unserer Gesellschaft kommen? Wodurch, wenn nicht durch den unmittelbaren, zwischenmenschlichen Kontakt können wir unsere oberflächlichen Bilder voneinander relativieren? Wodurch können wir unsere eigenen Meinungen relativieren und bereichern, wenn nicht durch Kontakt zu Menschen, die anders sind und anderes meinen?

So kann es uns zumindest dann erscheinen, wenn wir realisieren, dass die Demokratie ursprünglich eine Gesellschaft war, die uns als Bürger in einen beständigen Kontakt miteinander brachte. Jenseits unseres Wohnorts, unserer „Schicht“, unseres „Milieus“, unserer „Klasse“. Und auch jenseits unserer zufälligen „politischen“ Meinungen.

Kontakt tut also Not. Und man könnte sich geradezu in die Behauptung versteigen, dass es eben dieser Kontakt ist, der in unserer heutigen Gesellschaft schmerzhaft fehlt. Jeder von uns kocht, ganz zwangsläufig, fast nur in seinem eigenen Saft. Und fürchtet – durch fehlenden Kontakt – die Säfte aller anderen. Die Angst vor dem Anderen wird genau dadurch genährt, dass kein Kontakt zu diesem Anderen besteht. Und weil eine solche Angst vor dem Anderen besteht, wird Kontakt zum Anderen für gefährlich gehalten und dann auch noch aktiv vermieden und verhindert. – Das Anti-Kontakt-Ungeheuer füttert sich selbst. So macht dann kaum einer mehr die Erfahrung, dass die jeweils „schlimmen Anderen“ so ganz anders gar nicht sind. Dass es sich bei ihnen nicht um halbe Monster handelt, sondern um Menschen. Nicht um Menschen „wie Du und ich“, nicht um Menschen, mit denen man sich sofort versteht, aber halt eben doch Menschen, zu denen sich ein guter Kontakt aufbauen lässt, ein Kontakt, der unsere Unterschiedlichkeit aushält und trägt. Vielleicht sogar interessant und genussvoll macht.

Eine Demokratie, die sich vor allem als Kontaktdemokratie, Begegnungsdemokratie, Beziehungsdemokratie versteht, die sich dadurch konstituiert, dass die Bürger sich untereinander unmittelbar begegnen, zieht ihr Selbstbewusstsein auch daraus: Dass sie einen solchen Kontakt-Aufwand betreibt. Dass sie sich die demokratische Verbundenheit täglich neu erarbeitet, anstatt sie einfach als gegeben vorauszusetzen.

In einer Demokratie ist der Gedanke, die Bürger könnten sich negativ aneinander „anstecken“ oder „wechselseitig infizieren“, völlig absurd. Hinter diesem Gedanken steckt entweder eine aristokratische Haltung, oder eben mangelndes demokratisches Selbstbewusstsein: Man fürchtet, durch den Kontakt mit anderen Bürgern in seinem eigenen festen Meinen erschüttert zu werden. – Und geht ihnen daher gezielt aus dem Weg.

Dabei ist genau diese Erschütterung sowohl das Ziel als auch der Arbeitsmodus einer Demokratie. In einer Demokratie haben die unterschiedlichen Bürger keine Angst davor, einander wechselseitig zu berühren. Und sich dabei zu verändern. Die Demokratie braucht diese wechselseitigen Berührungen und die Veränderungen, die uns Menschen durch diese Begegnung mit von uns verschiedenen Menschen möglich sind.

Eine Demokratie ist also eine Gesellschaft, in der der Begriff der „Kontaktschuld“ völlig absurd ist. Und in der stattdessen „Kontaktstolz“ weit verbreitet ist.

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