Um so länger ich mich mit der Thematik beschäftige, wie wir Menschen mit unseren sozialen Systemen zusammenhängen und sie mit uns, um so mehr gewinne ich den Eindruck, dass von unserer menschlichen Seite her betrachtet die Kernfrage an soziale Systeme die folgende ist:

Habe ich hier Gewicht? Haben meine Bedürfnisse und Wünsche hier Gewicht? Haben meine Beiträge und Lösungsvorschläge hier Gewicht?

Gute soziale Systeme sind solche, die allen ihren menschlichen Mitgliedern als Teilnehmern wie als Teilgebern beständig erfolgreich den Eindruck verschaffen: „Ja! Du hast hier Gewicht! Du bist wichtig! Du bist bedeutsam! Es macht einen Unterschied, ob Du da bist oder nicht!“

Gesellschaften hingegen, die nur einem Teil ihrer menschlichen Mitglieder dieses Gefühl verschaffen oder nur sehr gelegentlich, sind soziale System, die ganz unausweichlich anfangen, Kämpfe zwischen ihnen hervorzurufen: Parteiungen, wechselseitige Schuldzuweisungen, Kämpfe um Anerkennung. – Hinter all dem stecken systemisch erzeugte Botschaften von der Form: „Nein, du bist nicht wichtig. Reiss dich mal zusammen. Nimm dich mal zurück. Wer glaubst du denn, dass du bist?“ Anerkennung wird durch solche Systeme künstlich verknappt, was im Ergebnis dazu führt, dass tatsächlich allen miteinander deutlich weniger Anerkennung zur Verfügung steht.

Beide Dynamiken – die positive Feedbackschleife wie die negative Feedbackschleife – sind möglich in allen Arten von Gesellschaften: In Unternehmen genauso wie in ganzen Staaten wie in Freundschaften, Nachbarschaften und Familien.

Es mag „narzisstisch“ erscheinen oder wie eine „systemische Überforderung“, wenn wir an die Reform unserer sozialen Systeme mit diesem Kompass herangehen, wenn wir an sie mit dieser Frage herantreten: „Verschafft dieses soziale System allen seinen menschlichen Mitgliedern beständig jenes Gefühl des persönlichen Gewichts? Wie könnten wir die Institutionen dieses sozialen System so verändern, dass sie beständig allen ihren Mitgliedern dieses Gefühl des Gewichts verschaffen?“

Doch a) wissen wir mittlerweile, dass das keine Überforderung ist. Erfahrungen zeigen, dass das durchaus möglich ist. Und dass es „technische“ Lösungen dafür gibt.

Und b) ist der Vorwurf des „Narzissmus“ heute oft nur eine verkappte Form von „Du kannst mich mal, Moderne Gesellschaft!“ Oder die verkappte Form einer historisch gewachsenen, mittlerweile übergroßen Demut, die in Wahrheit einfach die gute alte Kleinmütigkeit ist.

Und diese Kleinmütigkeit tut niemandem gut. Von ihr profitiert keiner: Kein Mensch und keine Gesellschaft.

 

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